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Kardiologie 23. März 2011

Frühe Weichenstellung am Gefäß

Gentherapie kann Restenosen bei Herzpatienten verhindern.

Bochumer Kardiologen haben zusammen mit Kollegen aus den Herzzentren Hannover, Bad Nauheim, Mainz und Frankfurt eine erste Gen-Therapiestudie zur Vorbeugung erneuter Gefäßverschlüsse bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit abgeschlossen. Mit einem speziellen Katheter pressten sie nach der Öffnung des verengten Gefäßes ein Genprodukt in die Gefäßwand, das den genetischen Bauplan für ein Enzym enthält, welches vor Ort Stickstoffmonoxid (NO) bildet. NO verhindert den Wiederverschluss des Gefäßes.

 

Bei der Koronargefäß-Angioplastie (PTCA) werden Stenosen in den Herzkranzgefäßen durch einen Katheter wieder aufgedehnt. Schon nach den ersten Behandlungen Anfang der 1980er Jahre wurden bei vielen dieser Patienten Restenosen beobachtet – bei bis zu 60 Prozent. Durch den Einsatz von Stents sank die Häufigkeit auf unter 30 Prozent, dank medikamentenbeschichteter Stents liegt sie heute bei rund 10 Prozent. Die dafür genutzten Medikamente wirken antiproliferativ, allerdings behindern sie auch sinnvolle Reparaturmechanismen. So hindern sie zum Beispiel gefäßauskleidende Endothelzellen daran, die Gefäßwand und den Stent zu besiedeln. Ohne „Endothelzellschutz“ bedeuten die Stents allerdings eine Gefahr. Um den akuten Stentverschluss zu verhindern, müssen die Patienten daher bis zu ein Jahr lang gerinnungshemmende Medikamente einnehmen. Aus dieser „Zwickmühle“ schien lange Zeit kein Weg hinauszuführen.

NO schützt vor Gefäßverschluss

Endothelzellen kleiden die Blutgefäße von innen aus und schützen vor thrombotischen Verschlüssen, weil sie unter anderem NO freisetzen. Das dazu notwendige Enzym ist die NO-Synthase. NO ist jedoch sehr kurzlebig und kann als Medikament nicht in ausreichender Konzentration verabreicht werden. „Die Idee der Studie war, den Bauplan für die NO-Synthase während der PTCA in Zellen der Gefäßwand einzuschleusen, so dass sie über längere Zeit vor Ort NO freisetzen“, so Dr. Andreas Mügge, Direktor der RUB-Kardiologie im St. Josef Hospital und im Bergmannsheil. NO ist noch dazu an einer Reihe weiterer günstiger Effekte beteiligt. Es verhindert etwa die Anheftung von Entzündungszellen an der Gefäßwand, wirkt selbst antiproliferativ für bestimmte Bindegewebszellen und glatte Muskelzellen, stimuliert aber die Besiedlung mit Endothelzellen. Es gibt viele Hinweise, dass NO Gefäßverschlüssen entgegenwirkt und somit auch die Entwicklung von Restenosen hemmt.

Massenhafte Produktion vor Ort

NO-Synthase kommt in Körperzellen in verschiedenen Formen vor. Für die Studie wählten die Forscher die induzierbare NO-Synthase (iNOS), die, einmal „angeschaltet“, große Mengen NO produzieren kann. Das menschliche Gen für iNOS wurde mit einem Lipid-Komplex ummantelt und das fertige Gen-Produkt mit einem Spezialkatheter während der PTCA mit Druck in die Gefäßwand injiziert. „Das iNOS-Gen führt zur Herstellung der Synthase in den Zellen und letztlich zu einer massenhaften lokalen Produktion von NO über mehrere Tage, möglicherweise über Wochen“, erklärt Mügge. „In diesem frühen Zeitraum wird offensichtlich zellulär die ‚Weiche‘ gestellt, ob sich später wieder eine Engstelle im Gefäß bildet oder nicht.“

Sowohl die Fallzahl als auch der Beobachtungszeitraum von sechs Monaten reichen nicht aus, um einen klinischen Nutzen hinsichtlich der Restenoserate zu belegen“, so Mügge. Gedacht ist das Wirkprinzip aber zur Implementierung in medikamentenbeschichtete Ballons oder Stents, um das Instrumentarium zur Vermeidung von Restenosen ohne erhöhtes Risiko für thrombotische oder Blutungskomplikationen weiter zu entwickeln.

 

Quelle: Ruhr-Universität Bochum

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