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Foto: Privat
Dr. David Bernhard, Medizinische Universität Wien, Chirurgische Forschungslaboratorien, Abteilung Herzchirurgie
 
Kardiologie 14. September 2010

Atherosklerose durch Bleibelastungen

„Die Richtwerte für Blei müssen neu diskutiert werden.“

Ein Forscherteam der Medizinischen Universität Wien hat herausgefunden, dass schon Bleiwerte im Blutserum, die deutlich unter den geltenden Richtwerten liegen, zu Veränderungen der Blutgefäßwände führen. Diese Arbeit wurde im Fachmagazin Arteriosclerosis, Thrombosis, and Vascular Biology veröffentlicht.

 

Die Ärzte Woche führte mit dem Studienleiter Dr. David Bernhard dazu ein Interview.

 

Sie wünschen aufgrund ihrer Studienergebnisse, dass Blei als Risikofaktor für Herzkreislauferkrankungen neu bewertet wird. In der EU sind die Blei-Richtlinien allerdings ganz unterschiedlich. Von welchen Werten sprechen Sie konkret ?

Bernhard: Es ist so, dass es keinen wirklichen Grenzwert für Blei gibt, weil es prinzipiell für sehr gefährlich gehalten wird. Es gibt allerdings Richtwerte, die sich zur Zeit im Bereich von 100, 200 ng pro Liter Blut bewegen. Die Effekte, die wir finden, liegen jedoch in einem Bereich von 10, 20, 30 ng. Außerdem können wir nicht ausschließen, dass Blei auch bei wesentlich niedrigeren Konzentrationen Effekte auf die Blutgefäße hat, als dies bei unseren Humanstudien der Fall war.

 

Welche Forderungen ergeben sich für Sie aus diesen Ergebnissen?

Bernhard: Dass man die Richtwerte weiter heruntersetzt und zusätzlich in diesem Bereich forscht, vor allem hinsichtlich eines Zusammenhangs mit ungeborenen Kindern und Herzkreislauferkrankungen. Das ist noch überhaupt nicht untersucht.

 

Wir wissen, dass im pränatalen Bereich über die Plazenta Blei die Blut-Hirn-Schranke passiert. Welche Auswirkungen sind bekannt?

Bernhard: Es gibt einige Untersuchungen, die zeigen, dass sich Blei auf neurologische Funktionen bei Ungeborenen dramatisch auswirkt. Hier liegt der Richtwert bei 10 ng pro Liter. Durch unsere Untersuchung wissen wir jetzt, dass dieser Wert sogar bei Erwachsenen enorme Auswirkungen hat. Das heißt, diese Grenze ist bei Kindern und ungeborenen Kindern neu zu diskutieren. Die Frage ist natürlich auch, ob man diesen Wert nicht noch weiter hinuntersetzen soll.

 

Bleibelastung und Bluthochdruck sind in der Literatur bereits gut beschrieben. Müssten auch hier die Grenzen neu definiert werden?

Bernhard: Auch da liegen die Richtwerte höher, als dies nach unserer Untersuchung geboten ist. Wir gingen primär der Frage nach der Bedeutung des Bleis für die Krankheitsentstehung nach. Wir haben arteriosklerotische Veränderungen schon sehr früh, vor einer Hypertonie, nachgewiesen. Das bedeutet, dass die Erhöhung der Bleiwerte auf sehr niedrigem Niveau bereits zur Erkrankung führt.

 

Das heißt, dieser Zusammenhang ist nicht nur bei der renalen Hypertonie zu beobachten, sondern prinzipiell?

Bernhard: Genau, was die Arterienverkalkung betrifft, konnten wir zeigen, dass Blei bereits in Konzentrationen, wo kein Effekt zu erwarten war, einen Risikofaktor darstellt.

 

Glauben Sie, dass Ihre Studie zu Änderungen beitragen kann?

Bernhard: Hoffen kann man natürlich immer, wir sind gerade dabei, eine wesentlich größere Studie durchzuführen, um zu noch genaueren Beobachtungen zu kommen. Aber im Prinzip ist vom Gesetzgeber vorgesehen, Blei generell zu reduzieren. Vor allem, weil es aufgrund der Gefährlichkeit des Metalls keine Grenzwerte gibt. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, die Richtwerte neu zu diskutieren – damit man einfach weiß, wohin man will, um Erkrankungen durch diesen Risikofaktor zu verhindern.

 

Wo sind in Österreich die höchsten Bleibelastungen zu finden?

Bernhard: Meiner Meinung nach könnte die Hauptquelle in Österreich das Trinkwasser sein, gerade bei Menschen, die nicht arbeitsbedingt exponiert sind. Genau weiß ich das allerdings nicht. Wir haben hier an der Universität in einem älteren Gebäude selbst einen Fall, wo das Wasser nicht mehr getrunken werden konnte, weil die Bleibelastung so hoch war.

 

Das Gespräch führte Andrea Niemann

Zur Studie
Nachdem Blei in die Blutbahn gelangt ist und von Endothelzellen aufgenommen wurde, aktiviert es den Transkriptionsfaktor Nrf2. Das führt zur Synthese von Interleukin-8 (IL-8), das von Endothelzellen freigesetzt wird. IL-8 stimuliert wiederum die Wanderung von glatten Muskelzellen aus einer tiefer liegenden Schicht der Blutgefäßwand in die erste Schicht. Dort führt es zur Verdickung und bewirkt einen Umbau. Dieser Vorgang ist der erste Schritt zur Entstehung der Atherosklerose.

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