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Foto: Archiv/WMW-Skriptum

Prof. Dr. Harald Gabriel, Klinische Abteilung für Kardiologie, Universitätsklinik für Innere Medizin II, Medizinische Universität Wien

 
Kardiologie 22. Juni 2010

Das gebrochene Herz

Die Bedeutung der Emotionalität in der Kardiologie.

Dass Menschen am „gebrochenen Herzen“ sterben, will der Volksmund schon lange wissen. Wissenschaftliche Evidenzen waren bislang jedoch spärlich. Mittlerweile mehren sich aber die Hinweise, dass emotionale Faktoren nicht unberücksichtigt bleiben sollten.

 

In den letzten Jahren hat die wissenschaftlich gesicherte Evidenz darüber, dass psychosoziale Faktoren ebenso unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten einer koronaren Herzkrankheit (KHK) wie die bereits bekannten biologischen sind, deutlich zugenommen. Nicht nur, dass diese Faktoren dazu führen, die Erstmanifestation einer KHK zu erhöhen und die Prognose zu verringern, sind diese psychosozialen Faktoren oft jene Barrieren, die dazu führen, dass medikamentöse und/oder Lebensstilveränderungen nicht umgesetzt werden. Im Folgenden soll auf einige dieser Risikofaktoren und daraus folgende therapeutische Ansätze eingegangen werden.

Psychosoziale Faktoren als unabhängiges Risiko

Stress am Arbeitsplatz ist ein Prädiktor für das Auftreten einer KHK. Bezeichnend für diesen Stress ist entweder die Kombination aus hohem Anspruch an die Arbeitsleistung verbunden mit geringer Kontrollmöglichkeit derselben oder ein hoher persönlicher Einsatz verbunden mit geringer Wahrnehmung/Belohnung dieser Anstrengung. Obwohl diese Effekte sowohl bei Frauen und Männern beobachtet werden können, scheint Stress am Arbeitsplatz für Männer ein relevanterer Endpunkt für das Auftreten einer KHK zu sein als bei Frauen. Wenn Arbeitnehmer längere Zeit unregelmäßigen Arbeitszeiten, insbesondere solchen mit nächtlichen Arbeitszeiten (wie etwa im Schichtdienst), ausgesetzt sind, erhöht dies das KHK-Risiko sowohl für Frauen als auch für Männer. Je länger diese Arbeitnehmer unter solchen Arbeitsbedingungen arbeiten (müssen), umso höher ist dieses Risiko. Bei Frauen führen darüber hinaus vor allem länger andauernde familiäre Konflikte und Krisen zu einem erhöhten KHK-Risiko.

Isolation und geringe soziale Unterstützung

Soziale Unterstützung hat einen positiven Effekt auf den Lebensstil und das Gesundheitsverhalten. Persönlichkeiten, die isoliert oder ohne Bezugspersonen leben, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, frühzeitig an einer ischämischen Herzerkrankung zu versterben. Ebenso führt fehlende soziale Unterstützung zu einer verkürzten Überlebensdauer und schlechteren Prognose bei Patienten mit klinisch manifester KHK.

Auch Feindseligkeit wurde als Risikofaktor für die KHK und nahezu jede physische Krankheit identifiziert, wobei Feindseligkeit als lang anhaltendes zynisches Verhalten/ Misstrauen gegenüber anderen definiert wird, währenddessen „Neigung zu Ärger“ als Emotionskomponente einer Persönlichkeit interpretiert wird.

Klinisch manifeste Depression, depressive Symptome („Depressivität“) und negative Emotionen wirken prädiktiv für die Inzidenz einer KHK und verschlechtern deren Prognose unabhängig von den bekannten Risikofaktoren. So ist zum Beispiel das KHK-Risiko bei manifester Depression verdoppelt. Depressive Symptome können häufiger bei Frauen als bei Männern beobachtet werden. Bei Patienten mit bekannter KHK beeinflusst darüber hinaus Depression die Lebensqualität und das Krankheitsverhalten, welches vor allem durch häufige ärztliche Kontakte (und stationäre Aufenthalte) und einer geringen Bereitschaft („adherence“), den empfohlenen medikamentösen oder Lebensstil-Veränderungen zu folgen, charakterisiert ist.

Psychosoziale Faktoren und biologisches Verhaltensmuster

Die multifaktorielle Ätiologie der KHK und der multiplikative Effekt der einzelnen Risikofaktoren sollten dazu führen, dass beim Versuch, das Risiko für diese Persönlichkeiten zu reduzieren, erkannt wird, dass dies nur dann gelingen kann, wenn die gesamte Person wahrgenommen wird und nicht nur einzelne Risikofaktoren behandelt werden. Dies gilt auch für die psychosozialen Risikofaktoren und biologischen Verhaltensmuster, welche einen direkten Einfluss auf die Pathogenese und Prognose haben. Es ist evident, dass diese Risikofaktoren nicht isoliert existieren, sondern bei speziellen Persönlichkeiten und Gruppen gehäuft beobachtet werden können.

Der soziale Einfluss

So sind zum Beispiel Frauen und Männern mit niedrigem sozio-ökonomischen Status häufiger depressiv, feindselig und sozial isoliert. Zusätzlich finden sich dann bei diesen Persönlichkeiten risikoreiche Verhaltensmuster wie Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum und ungesunde Ernährung, welche in biologischen Charakteristika ihren Ausdruck finden, die das Auftreten einer KHK erhöhen. Diese Veränderungen betreffen die autonome Funktion des Nervensystems, wie zum Beispiel in Form einer verminderten Herzfrequenzvariabilität, einer Hypothalamus-Hypophysen-Achse und anderer endokriner Parameter, welche hämostatische und inflammatorische Prozesse ebenso beeinflussen wie die Endothelfunktion oder die myokardiale Perfusion.

Fazit für die Praxis

Es ist daher von großer Bedeutung, psychosoziale Risikofaktoren zu kennen und wahrzunehmen, um so Patienten notwendige Therapien vorzuschlagen. Dieser multimodale, verhaltensorientierte Ansatz, der sowohl Einzel- wie auch Gruppeninterventionen einschließt, soll unter anderem den Umgang mit den Krankheitsfaktoren („coping“) beinhalten und kann so zu einer Reduktion dieser Risikofaktoren führen.

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen in der Wiener Medizinischen Wochenschrift/Skriptum 6/2010.

© Springer-Verlag Wien

Von Prof. Dr. Harald Gabriel, Ärzte Woche 25 /2010

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