zur Navigation zum Inhalt
 
Kardiologie 1. Juni 2010

Bradykardie – der ferngesteuerte Schrittmacher

Michael Nürnberg, Wien

Eigentlich: der fernüberwachte Schrittmacher

Gleich vorweg, damit keine Missverständnisse und Befürchtungen auftreten: Der mir gestellte griffige Titel ist nicht ganz korrekt. Die Telekommunikation implantierter Systeme (Schrittmacher, ICD. CRT-Geräte) findet derzeit ausschließlich unidirektional vom Patienten zum Arzt statt. Eine Programmierung und damit Fernsteuerung ist im Moment nicht möglich. Der korrekte Titel sollte demnach heißen:

Stetiger Anstieg der implantierten Schrittmacher

Die Anzahl der Schrittmacherimplantationen und damit auch der Nachsorgen steigt bedingt durch eine steigende Lebenserwartung (die Schrittmacher-Therapie ist die Therapie des älteren Menschen mit einem Durchschnittsalter bei Erstimplantation von 77 Jahren in Österreich), verbesserte Diagnostik (z. B. Loop recorder) und erweiterte Indikationen. Spitals-ambulanzen sind zunehmend mit den Nachsorgen überlastet, und Patienten müssen lange Anfahrtswege, teilweise kostspielige Sanitätstransporte und Wartezeiten in Kauf nehmen. Die Telemedizin bietet dafür Lösungen an. 2001 hat Biotronik als erster Hersteller ein Home Monitoring eingeführt, zwischenzeitlich bieten alle großen Hersteller (Carelink von Medtronic, Lattitude von Boston, Merlin non St. Jude, Sorin kommt noch im Laufe dieses Jahres auf den Markt) diese telemedizinische Nachsorge an. Das Prinzip besteht darin, dass im implantierten Schrittmacher eine Antenne eingebaut ist. Die aktuellen Schrittmacher-Daten werden täglich (meist in der Nacht) über ein Übertragungsgerät und das GMS-Netz oder Festnetz via Satellit und einen zentralen Server zum behandelnden Arzt weitergeleitet. Die übertragenen Daten umfassen sowohl die technische Sicherheit von Elektroden und Generator als auch die Dokumentation von eventuell auftretenden Rhythmusstörungen. Anfänglich wurden die Daten über Fax weitergeleitet, derzeit findet die Information über das Internet statt, und es müssen nur mehr relevante Ereignisse überprüft werden. Somit reduziert sich der tägliche Arbeitsaufwand beträchtlich.

Zeitgewinn von 154 Tagen

2007 erschien in PACE (Lazarus et al.) eine Publikation über mehr als 11.000 Patienten mit einem implantierten Homemonitoring-System und einer mittleren Nachbeobachtung von 4 Jahren. 4631 Patienten waren mit einem Schrittmacher versorgt. Es zeigte sich eine große technische Sicherheit mit wenigen Problemen die Elektroden betreffend, jedoch ein hoher Prozentsatz von Arrhythmien. Bei 60 % der Patienten wurden Vorhofflimmerepisoden dokumentiert, bei 10 % der Patienten Flimmer-Episoden, die länger als 2,5 Stunden anhielten. Das mittlere Auftreten von Ereignissen betrug 26 Tage, bei routinemäßig durchgeführten Nachsorgen von 6 Monaten in der Spitalsambulanz zeigte sich somit ein Zeitgewinn von 154 Tagen. Die Studie bestätigte auch die technische Sicherheit und Effizienz der telemedizinischen Datenübertragung.

Kosteneffizienz

Aufgrund der technischen Entwicklung mit automatischer Reizschwellenmessung im Atrium und Ventrikel im implantierten Gerät kann man derzeit eine komplette Schrittmachernachsorge über telemedizinische Datenübertragung bei fast allen Herstellern durchführen. Die Telemedizin wird auch von Patienten gut angenommen, die sich nicht notwendige Ambulanzbesuche ersparen. Es gibt auch schon Daten über die Kostenersparnis dieser Form der Schrittmachernachsorge. Vorrangig bleibt aber als Vorteil die rasche Reaktion auf eventuell auftretenden Arrhythmien, gerade das Vorhofflimmern mit seinen thromboembolischen und hämodynamischen Komplikationen betreffend.

Limitationen

Für den Einsatz in der klinischen Routine gibt es jedoch einige Limitationen. Ungeklärt ist die Frage der Finanzierung, da es in Österreich (anders als in anderen Ländern wie Deutschland) keine Verrechenbarkeit der Schrittmacherkontrolle gibt, die traditionell im Rahmen der normalen Spitalsambulanz durchgeführt wird. Es fallen weiters nicht nur Kosten für das Implantat, sondern auch für das Übertragungsgerät und die Datenübertragung über mehrere Jahre an. Eine weitere Limitation ist der juridische Aspekt, vor allem der Haftung. Sowohl von den Herstellern als auch den Medizinern werden die Patienten darauf hingewiesen, dass die telemedizinische Datenübertragung keine Notfalleinrichtung mit 24 Stunden / 7 Tage-Reaktion darstellt, sondern nur eine verbesserte Nachsorge anbietet. In der Einverständniserklärung muss der Patient auch diesen Passus unterschreiben. In der Umstellungsphase auf telemedizinische Nachsorge kann es auch zu einer Doppelbelastung in der Ambulanz kommen. Einerseits die konventionelle Nachsorge der derzeit vielen nicht telemedizintauglichen implantierten Geräte, andererseits die telemedizinische Nachsorge mit adäquater, rascher Reaktion, wobei derzeit Patienten mit Telemedizin auch zu routinemäßigen Nachkontrollen bestellt werden.

Verbesserte Patientenbetreuung

Insgesamt stellt der fernüberwachte Schrittmacher eine wesentliche Verbesserung der Patientenbetreuung dar. Die telemedizinische Datenübertragung ist technisch machbar und sicher, wird von den Patienten gut angenommen, kann Kosten einsparen (z. B. unnötige Sanitätstransporte alle 3 Monate nur zum Messen der Batteriespannung bei länger implantierten Systemen) und erlaubt eine rasche Reaktion bei selten auftretenden Problemen der Sonden und häufiger auftretenden Rhythmusstörungen.

Fazit

Ein Paradigmenwechsel hat in der Schrittmachernachsorge stattgefunden: Schrittmacherkontrolle in der Spitalsambulanz „just in case“ anstelle von „just in time“.

Zur Person
OA Dr. Michael Nürnberg
3. Medizinische Abteilung mit Kardiologie und Internistischer Notaufnahme
Wilhelminenspital der Stadt Wien
Montleartstraße 37
1160 Wien
Fax: ++43/1/49150-2309
E-Mail:

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben