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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Kinder und Jugendliche mit einem hohen Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen müssen frühzeitig erfasst und adäquat behandelt werden.
 
Kardiologie 23. März 2010

Kinder mit Risikofaktoren früh screenen und behandeln

Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen aufgrund von Adipositas oder genetisch bedingten Stoffwechselstörungen muss im Kindesalter beginnen.

Übergewicht, Glukoseintoleranz und Hypertension im Kindesalter sind mit frühzeitigem Tod assoziiert. Strategien zur Reduktion eines künftigen Risikos für kardiovaskuläre Erkrankungen sollten laut den Empfehlungen der American Academy of Pediatrics jährliche Routinemessungen ab dem 2. Lebensjahr und vor allem ein generelles Screening für Lipid-Stoffwechselstörungen ab dem 10. Lebensjahr umfassen.

 

Laut WHO ist Übergewicht die häufigste gesundheitliche Störung im Kindes- und Jugendalter in der europäischen Region, die Prävalenz hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten verdreifacht. Derzeitige Schätzungen gehen von 15 Millionen Kindern und Jugendlichen aus. Dementsprechend ist von einer zukünftigen Reduktion der Lebenserwartung und steigenden Behandlungskosten auszugehen. Auffallend ist dabei das deutliche Nord-Südgefälle – die Prävalenz in den Mittelmeerländern liegt mit 34 bis 36 Prozent deutlich höher als in den nördlichen Ländern mit 15 bis 18 Prozent.

Adipositas – bereits ein dringliches Problem

Untersuchungen zur Prävalenz der morbiden Adipositas bei 25.000 Wiener Kindern und Jugendlichen (> 99,5 Perzentile) zeigen die Dringlichkeit des Problems auf.1 „Unter 100 Kindern benötigen mindestens zwei aufgrund ihrer hohen Risikokonstellation sofort eine Behandlung in einem Spital oder spezialisierten Zentrum“, betonte Prof. Dr. Kurt Widhalm von der Medizinischen Universität Wien. In einer gemeinsamen Studie der Wiener und der Ulmer Klinik zur Häufigkeit des metabolischen Syndroms als Risikofaktor für Gefäßkomplikationen zeigte sich, dass nach den Kriterien von Cook in der Gruppe zwischen der 90. und 99,5. Perzentile 28 Prozent und in der Gruppe über der 99,5. Perzentile 44 Prozent vom metabolischen Syndrom betroffen sind.

Bei Jugendlichen scheint sich der Übergang von einer gestörten Glukosetoleranz zum Diabetes Typ II im Vergleich zu Erwachsenen schnell zu vollziehen. Diabetes Typ II stellt einen wesentlichen Komorbiditätsfaktor bei übergewichtigen Kindern dar.2

Die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen muss aber bereits im Kindes- und Jugendalter erfolgen. Strategien zur Reduktion eines künftigen Risikos sind laut den Empfehlungen der American Academy of Pediatrics Routinemessungen von Größe, Gewicht und BMI jährlich ab dem 2. Lebensjahr, Blutdruckmessungen jährlich ab dem 3. Lebensjahr und vor allem ein generelles Screening für Lipid-Stoffwechselstörungen (Non-HDL-Cholesterin) ab dem 10. Lebensjahr. Primär müssen dabei Risikokonstellationen wie positive Familienanamnese für frühe kardiovaskuläre Erkrankungen beachtet werden. In einem solchen Fall sollten alle Familienmitglieder auf Risikofaktoren untersucht werden.

Familiäre Hypercholesterinämie

Ursache der familiären Hypercholesterinämie ist ein genetisch bedingter LDL-Rezeptor-Defekt, die exakte Diagnose ist nur molekularbiologisch möglich. Davon abzugrenzen sind der APO-B-100-Defekt und die familiär kombinierte Hyperlipidämie.

Cut-off-Level laut den Guidelines der American Heart Association für die Identifikation von Kindern und Jugendlichen mit einem hohen Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen sind ein Gesamtcholesterin von > 200 mg/dl und ein LDL-Cholesterin > 130 mg/dl. Auch die Dicke der Intima media kann bereits Hinweise auf das Vorliegen einer familiären Hypercholesterinämie geben.

Laut den Guidelines des Committee on Nutrition Pediatrics3 sollte bei allen Kindern mit einer positiven Familienanamnese für Dyslipidämie oder frühzeitige kardiovaskuläre Erkrankungen (Männer < 55 Jahre, Frauen < 65 Jahre) und Kindern ohne diesbezüglicher Anamnese, aber einem BMI > 85 Percentile, Hypertonie oder Diabetes mellitus ein Lipidscrenning ab dem 2. Lebensjahr, spätestens jedoch bis zum 10. Lebensjahr durchgeführt werden. Für Patienten ab dem 8. Lebensjahr mit einem LDL-Cholesterin > 190 mg/dl oder > 160 mg/dl bei positiver Familienanamnese oder zwei weiteren Risikofaktoren sollte eine medikamentöse Behandlung überlegt werden. Ziel ist dabei < 160 mg/dl, dann < 130 mg/dl und dann < 110 mg/dl.

Diät kann medikamentöse Behandlung verzögern

Die Behandlung dieser Kinder umfasst diätetische und/oder medikamentöse Maßnahmen. Eine diätetische Umstellung bedeutet fettreduzierte Ernährung und den Austausch des tierischen Eiweißes durch Soja-Protein. Studien belegen, dass damit die medikamentöse Behandlung zumindest ein paar Jahre verzögert werden kann. Im Rahmen der medikamentösen Therapie kann mit Statinen eine gute Wirksamkeit erzielt werden.4,5

Bei der homozygoten Form der familiären Hypercholesterinämie können hingegen Cholesterin- und LDL-Werte nur durch frühzeitige und regelmäßig fortgesetzte extrakorporale Eliminationsverfahren (z. B. LDL-Apherese) gesenkt werden.

 

Literatur:

1 Dietrich, Widhalm et al, 2006; Akt Ernährungsmedizin 31: 73–76

2 Widhalm K et al, 2007; Diabetes & Vasc Disease Res 4 Suppl 1: 216–217

3 Daniels S.R., Greer F.R. and the Committee on Nutrition Pediatrics 122. 198-208 (2008)

4 Dirisamer A et al, 2003; Eur J Pediatr 162: 421-425

5 Wiegman et al, 2004; Jama 293: 331–337

Von Dr. Friederike Hörandl, Ärzte Woche 12 /2010

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