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Fotos (4): Stephan Boroviczeny
Überleben ermöglichen: Ziel des Projekts in Sarajevo ist, eine funktionierende Kinderherzchirurgie aufzubauen, nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“.
 
Kardiologie 9. Februar 2010

Gutes Tun und auf sich selbst achten

Soziales Engagement für humanitäre Projekte in fernen Ländern. Positiv für die Persönlichkeitsentwicklung und den Lebenslauf, doch die Belastung ist hoch.

Bei einem Symposium an der Medizinischen Universität Wien über Ärzte im internationalen Einsatz sprachen Vertreter verschiedenster humanitärer Projekte nicht nur über ihre laufenden Projekte, sondern auch über ihre Motivation, Beweggründe, Schwierigkeiten und Entbehrungen. Prof. Dr. Gregor Wollenek, stellvertretender Leiter der Abteilung für Herzchirurgie am Allgemeinen Krankenhaus Wien, arbeitet seit zehn Jahren am Projekt „Kinderherzchirurgie Sarajevo“ und weiß, dass in der wohltätigen Arbeit des Mediziners „kein Platz für Blauäugigkeit ist“.

Ärzte ohne Grenzen, Diakonie, Rotes Kreuz, Concordia Sozialprojekte, African Prison Project, Medizinische Universität Wien, International Physicans for the Prevention of Nuclear War (IPPNW), Menschen für Menschen, die Caritas und Licht für die Welt: Dies sind nur wenige Beispiele für humanitäre Projekte, in denen sich Mediziner engagieren, nicht wenige mit dem Ziel, etwas zu bewegen oder gar die Welt zu verändern. Die Teilnehmer versprechen sich von ihrem Einsatz, fremde Kulturen und Länder kennen zu lernen, ihre Persönlichkeit stärken und Einfluss auf die Umwelt nehmen.

Die Realität ist aber oft genug gekennzeichnet durch hohe Belastung, permanente Einsatzbereitschaft, Stress, gesundheitliche Risiken, große soziale Hürden, schlechte hygienische Bedingungen und kaum Kontakt mit der eigenen Heimat. Und dennoch erklärten alle Vortragenden beim Symposium „Als ich neulich in Afrika die Welt retten wollte…“ der IPPNW am 23. Jänner 2010, dass sie ihren Einsatz sofort wiederholen würden.

Pioniertätigkeit – Selbsterfahrung – Eigenverantwortlichkeit

Schon während des Medizinstudiums spielen viele angehende Mediziner mit dem Gedanken, sich an humanitären Projekten zu beteiligen, um Erfahrungen im Ausland zu sammeln und soziales Engagement, auch in Hinblick auf zukünftige Bewerbungen, zu zeigen. Wenn man sich trotz aller bekannten Schwierigkeiten für einen Einsatz entschließt, wird man es bestimmt nicht bereuen, sagten die Symposiums-Teilnehmer. Hilfskräfte machen die Erfahrung von echter Pionierarbeit. 100 Prozent Eigenverantwortlichkeit ist gefordert, man arbeitet in multiprofessionellen, zum Teil internationalen Teams. Aber es ist eben auch nicht alles Sonnenschein. Auslandsprojekte fordern 24  Stunden Einsatz. „Sie sind zielorientiert und kein Aktivurlaub“, warnte Wollenek.

Helfer benötigen soziale Intelligenz und Improvisationstalent und müssen auf uneingeschränkten Einsatz vorbereitet sein.

Nicht jeder kommt mit dem fremden Klima, der Kultur, dem Essen, den hygienischen Begebenheiten, dem Arbeitsstress und besonders der mentalen und physischen Belastung zurecht. Die meisten Ärzte und Ärztinnen kommen selbst krank und ausgelaugt zurück, aber kein einziger möchte die Erfahrung missen, denn „soziales Engagement ist ansteckend und kann süchtig machen“.

Afrika mitten in Europa

Doch wozu in die Ferne schweifen, wenn die Hilfe doch so nah gebraucht wird? Kinderherzchirurgie Sarajevo – Hilfe zur Selbsthilfe heißt das karitative Projekt, dem sich Prof. Dr. Gregor Wollenek, stellvertretender Leiter der Abteilung für Herzchirurgie am Allgemeinen Krankenhaus Wien, seit mittlerweile zehn Jahren verschrieben hat. Es handelt sich um ein humanitäres Aufbauprojekt, bei welchem Ärzte und anderes medizinisches Personal freiwillig und unentgeltlich für mehrere einwöchige Einsätze nach Sarajevo fahren, um Herzchirurgietechniken und interventionelle Kardiologie zu lehren. Ziel ist der Aufbau von Berufsgruppen, die die Behandlung angeborener Herzfehler übernehmen, und die Ausbildung bosnischer Ärzteteams in Herzchirurgie und Intensivmedizin. Mit diesem Schulungsprojekt wird versucht, nachhaltige Entwicklungshilfe zu leisten. Das ist kein leichtes Unterfangen. Als das Projekt im April 2000 startete, fehlte es praktisch an allem, an Kathetern, Desinfektionsmöglichkeiten, Medikamenten, Blutprodukten und einer Klinikleitung.

Doch der Ehrgeiz und das Durchhaltevermögen Wolleneks und seiner Kollegen hat sich gelohnt. Es gab bisher 27 einwöchige und zehn mehrtägige Einsätze. Während dieser Einsätze wird dreizehn Stunden lang täglich operiert, und nach einem kurzen Essen gibt es noch eine Mitternachtsvisite. Uneingeschränkte Einsatzbereitschaft wird gefordert, aber die unangenehmste Aufgabe ist sicher die Triage zur Operationsauswahl der Patienten im Alter von sechs bis 16 Jahren. Bis zum April 2009 wurden 302 Kinder operiert, und die Mortalitätsrate konnte seit 2003 auf vier Prozent gesenkt werden.

„Einsatz lohnt sich immer und jede Leistung ist gut“ betonte Wollenek, aber es müsse jeder beachten, dass er und seine Familie genauso Bedürfnisse haben, über die man sich nicht einfach hinwegsetzen dürfe.

 

 

 

 www.wollenek.at/sarajevo/

Von Barbara Buchner, Ärzte Woche 6 /2010

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