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Impfen 19. Juni 2017

Italien macht bei der Impfpflicht ernst

Impfen. Italien hat für zwölf Krankheiten die Impfpflicht eingeführt, Eltern drohen bei Verstößen Strafen. Hierzulande sind die Reaktionen gemischt, die Zahl der harten Impfverweigerer wird auf rund fünf Prozent geschätzt.

Die Schar Impfgegner, die jüngst in Rom und anderen Städten gegen die Einführung der Kinderimpfpflicht demonstrierte, war überschaubar. Dabei enthält die Verordnung der Regierung einige „Kampfansagen“ an dieses Klientel: Ohne Impfung kein Platz in der Kinderkrippe oder im Kindergarten, dazu Bußgelder bis 7.500 Euro und sogar bis zum Verlust der Fürsorgepflicht. All das gilt seit dem 8. Juni in Italien. Die Impfpflicht wurde für insgesamt zwölf Krankheiten eingeführt, unter anderem für Masern, Hirnhautentzündung und Tetanus, sowie Kinderlähmung, Mumps, Keuchhusten und Windpocken. Hintergrund ist eine Masernepidemie in Italien. Nach 860 Fällen im vergangenen Jahr wurden heuer bereits 2.395 Fälle registriert, fast 90 Prozent der Kinder waren nicht geimpft.

Wohl keine medizinische Innovation hat mehr Leben gerettet als Impfungen – und doch überlegen einige Eltern in Südtirol ernsthaft, nach Nordtirol auszuwandern, um ihre Kinder nicht impfen lassen zu müssen.

Soll es auch bei uns wieder eine Impfpflicht geben, und wenn ja, wie soll man sie durchsetzen? So, wie in Italien mit Strafandrohungen. Oder eher subtiler, zum Beispiel durch finanzielle Sanktionen bei der Kinderbeihilfe. Anfang des Jahres hatte Volksanwalt Günther Kräuter eine Impfpflicht für Masern, Mumps und Röteln gefordert. Heuer hat es in Österreich 21 Fälle von Masern gegeben. Befürworter sagen, der Nutzen der Impfung werde unterschätzt, die Risiken der Impfung überschätzt. In den Jahren 2005 bis 2009 hat es bei rund 20 Millionen Impfdosen zehn anerkannte Impfschäden gegeben.

Michael Hudelist

Keiner will, dass sein Kind von anderen angesteckt wird

(Mit Ernst Wenger hat Michael Hudelist gesprochen) „Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Impfverweigerer langsam im Ansteigen ist bin ich dafür, dass es eine Art Verpflichtung zum Impfen geben sollte.“ Das sagt der Kinderarzt Ernst Wenger, er ist auch Impfreferent der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Die Ausgestaltung dieser Verpflichtung sei allerdings eine sehr schwierige Frage, das müssten sich Juristen und Politiker überlegen. Die „italienische Lösung“ mit der Vorschrift, dass ein Kind bei Eintritt in den Kindergarten oder Schule geimpft sein müsse sei „nicht so schlecht“. Aber Österreichs Gesundheitsministerin habe sich bei diesem Thema festgelegt und sich gegen eine Impfpflicht ausgesprochen. In seiner Praxis in Hallein hätte er auch immer wieder mit Eltern zu tun, die ihr Kind aus Angst für Impfschäden „später oder gar nicht impfen lassen wollen, woher sie ihre Ängste haben ist oft unklar, da ist auch sehr viel Unwissenheit im Spiel“.

Dass finanzielle Anreize diese Eltern umstimmen würden bezweifelt der Kinderarzt, obwohl es beim Mutter-Kind-Pass zumindest mit den Untersuchungen bis zum ersten Geburtstag sehr gut funktionieren würde. Zum Thema Impfen gebe es in Oberösterreich ein Modell mit finanziellem Anreiz, wenn Kinder bis zum fünften Lebensjahr alle erforderlichen Impfungen erhalten hat, „aber das funktioniert auch nicht sehr gut“. Den Vorwurf, dass Ärzte zu wenig über mögliche Nachteile von Impfungen aufklären weist er zurück, auch das Impfschäden nicht untersucht und nicht anerkannt würden stimme nicht. „Ich habe in meinen 30 Berufsjahren geschätzt 50.000 Impfungen verabreicht, aber ich kenne kein einziges, geschädigtes Kind“. Die Angst mancher Eltern sei also nicht gerechtfertigt, außerdem würde jeder vermeintliche Impfschaden nach dem Impfschadensgesetz untersucht und begutachtet, „aber nicht jeder mitgeteilte Schaden ist eben ein Impfschaden“. Das die Industrie hier Zahlen verheimlichen würde sei auch ein Mythos, „stellen sie sich vor, welche Milliardenschweren Prozesse es in den USA gebe, wenn ein Impfstoff tatsächlich Schäden verursachen würde“. Als „Irrmeinung“ bezeichnet Wenger auch die Feststellung von Impfgegnern, Masern sei in zivilisierten Ländern wie Österreich ohnehin „harmlos“. „Es sollte gesellschaftlicher Konsens sein, dass man niemand anderen mit einer Krankheit ansteckt.“

Dr. Ernst Wenger, Kinderarzt in Hallein und Impfreferent der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

Das Impf-Wissen der meisten Ärzte ist auf geringem Niveau

(Mit Bert Ehgartner hat Michael Hudelist gesprochen) „Die Impfpflicht in Italien ist nicht durchdacht, für mich klingt das eher nach einer Maßnahme in der Puten- oder Schweinemast“, sagt Bert Ehgartner, der sich in zahlreichen Sachbüchern kritisch mit dem Thema Impfen auseinandergesetzt hat. Impfungen hätten Vor- und Nachteile, aber das Problem sei, dass die Behörden einseitig informieren würden, „sie müssten ja auch ihre eigenen Empfehlungen kontrollieren“, zudem würden die meisten Impfschäden entweder nicht untersucht oder nicht anerkannt. „Wir geben in der EU Milliarden für Impfungen aus, aber wir investieren nicht ein paar Millionen Euro für unabhängige Studien“. Derzeit gebe es eine Epidemie an Krankheiten des Immunsystems, ein Drittel aller Kinder würden an chronischen Krankheiten wie Allergien oder Asthma leiden, „diese Krankheiten gehen von einem aggressiven, fehlgeleiteten Immunsystem aus“, sagt Ehgartner, „daher müsste es eine wissenschaftliche Prüfung bei allen Maßnahmen geben, die in das Immunsystem eingreifen“.

Aber spricht nicht eine Masernepidemie mit rund 2.500 Fällen wie in Italien für eine Durchimpfung? „Die Masernimpfung ist sinnvoll, man darf hier nicht alle Impfungen über einen Kamm scheren“. Aber, es gebe gute Argumente, die Impfungen zu verbessern, zum Beispiel in Richtung Inhalations-Impfungen. Bei Lebensmitteln gehe der Trend seit Jahren in Richtung Bio, bei Impfstoffen bleibe alles beim Alten. „Mich ärgert einfach die Sonderstellung der Impfungen, es gibt nur Befürworter oder Gegner, dabei wäre es sinnvoller, über bessere Impfungen zu diskutieren“, so Ehgartner. Seiner Meinung nach ist das Wissen der meisten Ärzte über Impfstoffe „auf einem geringen Niveau“, die meisten würden nur die Werbebotschaften der Hersteller weitergeben. Bei einem Impfkongress 2015 seien Umfragezahlen der Karl-Landsteiner-Gesellschaft zum Thema Impfen veröffentlicht worden, demnach hätten sich 50 Prozent der Befragten als „Impfkritisch“ geoutet, die Zahl der absoluten Impfgegner mit vier bis fünf Prozent angegeben. „Ich wünsche mir eine ausgewogene Information über jede Impfung, also Pro und Kontra“, bei der Grippeschutz-Impfung gibt es ein gutes Internet-Forum mit ausgewogenen Argumenten. Von den Gesundheitsbehörden gebe es nur Informationen über die Vorteile.

Bert Ehgartner, Medizinjournalist, Autor von Sachbüchern zu medizinkritischen Themen, Dokumentarfilmer

Das Thema Masern wird von den Medien aufgebauscht

(Mit Johann Loibner hat Michael Hudelist gesprochen) Einer der prominentesten Impfgegner in der Ärzteschaft ist der mittlerweile pensionierte Allgemeinarzt Johann Loibner aus der Weststeiermark. Am Beispiel Masern ist er der Meinung, dass es Perioden mit höheren Fallzahlen alle vier bis fünf Jahre gebe, im vergangenen Jahr seien 28 Masernfälle in Österreich gemeldet worden, „heuer sind es wegen eines strengen Winters im ersten Halbjahr über 70, das wird von Impfbefürwortern und den Medien dann aufgebauscht“. Knapp 2.400 Masernfälle in Italien würden hoch klingen, aber das Land habe immerhin 60 Millionen Einwohner. „In Österreich gibt es Bezirke mit Kinderärzten, die Masern noch nie gesehen haben.“

Beim Beispiel Masern ist Loibner überzeugt, dass die Folgen einer Erkrankung vom jeweiligen Gesundheitsstatus abhängen, „in unseren Breitengraden mit gesunder Ernährung, sauberen Wohnverhältnissen und einer guten ärztlichen Versorgung ist Masern generell harmlos, anders zum Beispiel in Rumänien oder Afghanistan oder vielen anderen Ländern“. In Deutschland habe es vor zwei Jahren zwar einen MasernTodesfall gegeben, aber das sei ein eingewandertes Kind gewesen.

In den ersten Jahren seiner Tätigkeit habe er geimpft, wie er es im Studium gelernt habe, „sogar meine eigenen Kinder“. Dann sei ein erwachsener Patient Stunden nach einer Impfung an Gehirnhautentzündung erkrankt, Jahre später habe dessen Tochter nach einer Impfung einen neurologischen Schaden davon getragen. „Von dem Zeitpunkt an habe ich mich intensiv mit möglichen Impfschäden befasst und dann auch nicht mehr geimpft“. Auch wenn er fortan als Impfgegner Vorträge hielt und dafür von der Steirischen Ärztekammer mit einem einjährigen Berufsverbot bestraft wurde sieht er manche Argumente der Impfgegner kritisch. So das Ergebnis einer Elternumfrage in Salzburg. Diese hatte ergeben, dass Kinder ohne Impfungen gesünder sind, nach Einschätzung der Eltern. „Das ist schwierig zu interpretieren, denn die teilnehmenden Eltern, also Impfgegner, haben generell eine viel gesündere Lebensweise für sich und ihre Kinder.

Dr. Johann Loibner, Allgemeinarzt in Ligist, Nähe Graz, seit 2015 im Ruhestand, wegen seiner Impfkritik erhielt er 2005 ein einjähriges Berufsverbot, das 2013 allerdings vom Österreichischen Verwaltungsgerichtshof wieder aufgehoben wurde.

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