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© Birgit Weilguni
PD Dr. Pamela RendiWagner
 
Impfen 5. März 2017

Impfplan 2017: „Weit entfernt von Eradikation“

Die meisten Kapitel wurden überarbeitet und enthalten zusätzliche Informationen, geänderte Empfehlungen und mehr Quellennachweise. Das bringt Ärzten mehr Sicherheit bei FSME-, Hepatitis B- und Masern- Impfungen sowie bei Impfungen von Allergikern.

Am 14. Jänner ging der Österreichische Impftag 2017 unter dem Motto „Gesunde Gesellschaft – gehört Impfen (noch) dazu?“ im Austria Center Vienna über die Bühne. Unter den zahlreichen Vorträgen stach jener von PD Dr. Pamela Rendi-Wagner hervor. Die Sektionsleiterin, Sektion III – Öffentliche Gesundheit & Medizinische Angelegenheiten im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, erläuterte den druckfrischen Impfplan 2017.

Der heurige Impfplan wurde gegenüber seinen Vorgängern neu gegliedert, wobei die Übersichtstabelle online ( bit.ly/2jxMp4f ) oder per Anfrage für den Aushang in Ordinationen erhältlich ist. In dieser Tabelle wurden kostenfreie und nicht kostenfreie, aber fachlich empfohlene Impfungen farblich gekennzeichnet, zudem wird zwischen Grund- und Booster-Immunisierungen unterschieden. Außerdem wurden die Literaturverweise überarbeitet und Links ergänzt sowie fast alle Kapitel inhaltlich aktualisiert, wie Rendi-Wagner berichtete.

FSME und Hepatitis B

Eine wichtige Neuerung betrifft die FSME-Impfung. Der Impfplan enthält nunmehr detaillierte Hinweise zur korrekten Applikation und dem Impfalter bei der Erstimmunisierung. „Die FSME-Impfung wird ab dem vollendeten ersten Lebensjahr empfohlen“, erklärte Rendi-Wagner. „Hinweise auf Ursachen für eine möglicherweise verminderte Wirksamkeit speziell bei Kindern sollen eine korrekte Durchführung der Impfung erleichtern.“

So sei das Aufschütteln des FSME-Wirkstoffs sehr wichtig, ebenso gelte es zu beachten, dass nicht zu viel entlüftet, also die Luft nicht ausgespritzt wird. Selbstverständlich sollte die Gabe der vollen Dosis sein, bei Kindern unter 18 Monaten soll die Impfung jedoch in den Musculus vastus lateralis (äußerer Schenkelmuskel) erfolgen.

Für die Hepatitis-B-Impfung wurden die Risikogruppen neu geordnet und auch hinsichtlich der postexpositionellen Prophylaxe wurde die Empfehlung aktualisiert.

Weiters wurde das Vorgehen bei Lieferengpässen von Impfstoffen mit azellulärer Pertussiskomponente neu beschrieben, denn „das Thema ist noch nicht vom Tisch“, wie Rendi-Wagner betonte. Alternativen werden vorgeschlagen, wobei es sich dabei zum Teil auch um Off-Label-Use handelt.

Längerer Beobachtungszeitraum

Nachbeobachtungen nach Impfungen stellen einen nicht zu unterschätzenden Faktor im Falle anaphylaktischer Reaktionen und möglicher Synkopen dar. „Im Falle anamnestischer Unklarheiten wird jedenfalls ein Beobachtungszeitraum von mindestens 30 Minuten – statt 15 Minuten – empfohlen“, sagte Rendi-Wagner. Auch Impfungen bei Allergien unterliegen nunmehr neuen Empfehlungen.

„Wichtig ist jedenfalls der Grundtonus, dass man hier viel häufiger impfen kann, als man denkt – auch bei Hühnereiweißallergie“, betonte die Impfexpertin des BMGF. Und ergänzt: „Eine Impfung stellt keine immunologische Belastung dar.“

Ein häufig diskutiertes Thema ist die Transmission von Impfviren von Geimpften auf Kontaktpersonen – ein Problem, das sich im Fall von Lebendimpfstoffen stellen kann und lange Zeit für Polio bestand. Seit der Impfstoff jedoch durch einen Totimpfstoff ersetzt wurde, ist die Thematik hier vom Tisch, eine Gefahr für die Umgebung könne ausgeschlossen werden.

„Die Gefahr der Transmission ist sehr gering, besteht jedoch sehr selten bei Masern oder Influenza. Da es sich um eine Übertragung attentuierter Viren handelt, wurden als typische Reaktionen lediglich Ausschläge oder leichtes Fieber wie bei den Geimpften selbst beobachtet“, sagte Rendi-Wagner.

Masern – Impfung der Stunde

Einen Schwerpunkt ihres Vortrages widmete Rendi-Wagner den Masern. Die Impfexpertin bedauert, dass Österreich angesichts der Masern Alerts der vergangenen sechs Monate weit entfernt von einer Eradikation sei.

Die Altersempfehlung für die erste Impfung wurde auf den vollendeten neunten Lebensmonat heruntergesetzt. Grundsätzlich sei eine Impfung so früh wie möglich indiziert, denn weltweit seien die Masern „noch immer die Haupttodesursache von durch Impfung vermeidbaren Erkrankungen bei Kindern“. Da der Mensch der einzige Wirt sei, könnte die Erkrankung durch konsequent hohe Durchimpfungsraten ausgerottet werden.

Rendi-Wagner: „Dafür ist eine 95-prozentige Durchimpfungsrate der Bevölkerung mit zwei Teilimpfungen notwendig“, erläutert die Expertin. Mit hohen Fallzahlen von mehr als 400 Fällen im Jahr 2008 und mehr als 300 im Jahr 2015 sei Österreich nach Slowenien Spitzenreiter in Europa. „Für 2016 stehen wir derzeit bei 28 Fällen, die Zahl könnte jedoch noch geringfügig erhöht werden – und der nächste Gipfel kommt sicher“.

Insbesondere Kleinkinder und junge Erwachsene erkrankten an Masern. „Auch Erwachsene weisen zahlreiche Impflücken auf, dabei gibt es kein Alterslimit, um sie zu schließen“, sagt Rendi-Wagner. Besonders bedauernswert war ein Wert von sieben Prozent Betroffenen aus den Gesundheitsberufen im Jahr 2015. 2016 war kein Gesundheitspersonal betroffen, mehr als die Hälfte der Erwachsenen musste hospitalisiert werden.

Bei vollem Impfschema existieren übrigens kaum Krankheitsfälle, der überwiegende Teil der Betroffenen war nicht oder nur unzureichend geimpft.

Impf-Entwicklungsland

Die zweithöchste Maserninzidenz Europas im Jahr 2015 und unzuverlässige Zahlen der Durchimpfungsraten in Österreich veranlassten das BMGF, eine mathematische Evaluierung bei der TU Wien in Auftrag zu geben. Daraus ergab sich, dass die Österreicher ihre Kinder zu spät impfen.

„Wir erreichen eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent bestenfalls zu Schulbeginn – sie wäre jedoch laut WHO bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr vorgesehen“, kritisierte Rendi-Wagner. Daraus ergebe sich ein Stand wie jener eines Entwicklungslandes. „Uns fehlen 17.000 zweijährige zweifach Geimpfte für das WHO-Ziel bzw. jährlich 4.500 Kinder, die bisher gar nicht geimpft waren. Zusätzlich seien viele 15- bis 30-Jährige noch kein zweites Mal geimpft“, veranschaulicht die Expertin die heimischen Impflücken. Vor allem die Geburtenjahre 2008 und 2010 hätten sehr niedrige Durchimpfungsraten, an die 500.000 Erwachsene seien nur einmal geimpft.

Seit Jahresbeginn wurden bisher in Österreich insgesamt 32 Masern-Fälle registriert. Dabei handle es sich derzeit um kleinräumige Masern-Ausbrüche. Die Schwerpunkte seien in Niederösterreich mit 15 Erkrankungen und in der Steiermark mit zehn Erkrankungen, sagte sie.

Im Anschluss an den Vortrag Rendi-Wagners entspann sich eine Diskussion über Zuständigkeiten der Bildungs- und Gesundheitsministerien für Fragen der Schulärzte und die Finanzierbarkeit von Impfungen für Bevölkerungsgruppen mit medizinischen Indikationen einer Prophylaxe, die sie sich nicht leisten können oder wollen.

Die Expertin räumte ein, dass das Ministerium bei der Bereitstellung von Informationen zur Aufklärung der Bevölkerung „hinten nach sei“, denn heute wäre es, zusätzlich zur Auflage von Broschüren unbedingt erforderlich, via Social Media zu informieren.

- Neue Gliederung mit Übersicht der altersspezifischen Impfempfehlungen

- Masern-Mumps-Röteln-Impfung künftig ab dem vollendeten 9. Lebensmonat

- Empfehlungen für die korrekte Durchführung der FSME-Impfung bei Kindern

- Umstellung auf neun-valenten Impfstoff gegen humane Papillomaviren (schon seit Sommer 2016)

- Spezielle Impfempfehlungen für Personen in Asyl-Erstaufnahmezentren und für Mitarbeiter und Helfer in der Versorgung von Asylsuchenden

- Überarbeitung der Literaturverzeichnisse und Ergänzung durch Links

- Vorgehen bei Lieferengpässen von Impfstoffen mit azellulärer Pertussiskomponente


Birgit Weilguni

, Ärzte Woche 10/2017

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