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Impfen 12. Jänner 2015

„Wirkt die Influenzaimpfung überhaupt?“

Gegenargumente zur Grippeimpfung – nicht ganz ernst zu nehmen!

Die Influenzaimpfung wird in Österreich schon seit langem kontroversiell diskutiert. Eine ausgeprägte Uneinigkeit ist in der Ärzteschaft und im gesamten medizinischen System vorherrschend und die Durchimpfungsrate der Bevölkerung ist mit nur acht Prozent extrem niedrig. Im Folgenden sollen die wichtigsten „Kontra“-Argumente zur Influenzaimpfung angesprochen und diskutiert werden.

Dieser Artikel stellt eine Zusammenfassung des Vortrages am Österreichischen Impftag am 17. Jänner 2015 dar, wo die angeführten Argumente vorwiegend in ironisierender Form präsentiert werden und in keiner Weise die Überzeugung der Autorin darstellen.

1. Wir verfügen nicht über eine solide Datenlage. Die kursierenden Zahlen – 350.000 bis 400.000 Erkrankungen während einer durchschnittlichen Influenza-Saison – beruhen auf Schätzungen, die wiederum auf einem unzureichenden Surveillance-Systems basieren. Wie sollen wir die tatsächliche Lage bewerten, wenn wir nicht einmal genaue Zahlen haben? Somit bleibt vieles reine Spekulation.

2. Eine relativ rezente Arbeit konnte aufzeigen, dass in Österreich zwischen 1.000 1.200 Menschen pro Saison an der Influenza sterben. Das mag viel scheinen, aber lassen wir die Kirche im Dorf: In Relation zu anderen Erkrankungen ist das nicht übermäßig viel. Die Todesursache Nummer 1, die Herz-Kreislauferkrankungen, macht jedes Jahr die Hälfte aller Todesfälle (das sind ca. 34.000!) aus, oder die Nummer 2, die Tumorerkrankungen, kosten über 20.000 Menschen das Leben.

3. Die Effektivität der Influenzaimpfung variiert in Studien substanziell mit verschiedenen Faktoren wie Falldefinition oder der Übereinstimmung der Impfstämme mit den zirkulierenden Influenzastämmen. Ein aktueller Cochrane-Review zur Influenzaimpfung bei gesunden Erwachsenen kommt zu dem Schluss, dass die Gesamteffektivität der inaktivierten Impfungen gegen Influenza-like-illness (ILI) limitiert ist. Die „Number needed to vaccinate“ (NNV), also die Zahl von Impfungen, um einen Fall von ILI zu verhindern, liegt bei 40. Um einen Fall von bestätigter Influenza zu verhindern, müssen 71 Menschen geimpft werden. Lebendimpfstoffe haben eine ähnliche Effektivität wie die inaktivierten Impfstoffe, mit einer NNV von 46. Influenzaimpfstoffe haben laut diesem Review einen sehr bescheidenen Effekt in der Symptomreduzierung und in Bezug auf die verlorenen Arbeitstage in der allgemeinen Bevölkerung.

4. Für ältere Personen stellt die Influenza eine ernste Gefahr dar. Über 60 Prozent aller Hospitalisierungen und über 90 Prozent aller Todesfälle finden sich in der Altersgruppe über 65 Jahre. Chronische Erkrankungen, in dieser Altersgruppe sehr häufig, führen zu einer weiteren Risikoerhöhung für schwere Verläufe und Todesfälle. Gerade bei älteren Menschen ist die Effektivität der Influenza-Impfung lediglich mäßig, wie auch beispielsweise im Position Paper der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2012 festgestellt wird.

5. Viele Studien zur Effektivität der Impfung bei Älteren haben methodische Schwächen, wie z. B. ungenaue Endpunkte (z. B. Vermischung von ILI und Influenza) oder den Einfluss des „healthy user effects“ (Menschen, die sich impfen lassen, bringen andere gesundheitliche Voraussetzungen mit als Nichtgeimpfte). Eine aktuelle Meta-Analyse mit 35 Studien aus 15 Ländern versuchte, diese Problematik zu umgehen und führte eine Auswertung zu Test-negativen Fall-Kontroll-Studien durch und konnte zeigen, dass die Influenzaimpfung nicht signifikant effektiv war während lokalen Ausbrüchen, egal ob die Impfung passte oder ein Mismatch war. Wenn die Impfstoffe mit den zirkulierenden Viren überein stimmten, wurde das Risiko für eine laborbestätigte Influenza bei sporadischen Ausbrüchen um 31 Prozent gesenkt, bei regionalen Ausbrüchen um 58 Prozent und bei großflächigen Ausbrüchen um 46 Prozent.

6. Die hohe Mutationsfreudigkeit der Influenzaviren (Punktmutationen, „Antigen-Drift“, vor allem Influenza A betroffen, verantwortlich für die jährlichen Epidemien) bewirkt, dass es immer wieder zu einem sogenannten Antigen-Mismatch kommt, wenn die Mutation während der laufenden Influenza-Saison auftritt. Die Influenzaimpfstoffe können dann in Bezug auf die Drift-Variante nur in reduzierter Form bzw. fast gar nicht mehr wirken. Genau das zeichnet sich derzeit für die heurige H2N3-Impfstoff-Komponente ab. Ein rezenter Review, der 47 Influenza-Saisonen abdeckt, bestätigt allerdings eine Kreuzprotektion gegen nicht-matchende Stämme.

7. Ein weiterer Aspekt der Influenza: Die Pandemie 2009 hat gezeigt, dass die Panikmache übertrieben war, die Prophezeiungen haben sich nicht erfüllt. Von dem Thema Vogelgrippe ganz zu schweigen. 2009-Pandemie und Schlagwort Narkolepsie: Die Länder mit hohen Durchimpfungsraten (Schweden, Finnland, Norwegen, Frankreich, Irland) mit einem der pandemischen Impfstoffe mussten eine Erhöhung der Inzidenz von Narkolepsie beobachten.

8. Jetzt hat man auch noch bei Seehunden ein Influenzavirus (H5N8) nachgewiesen. Na und, wer hat schon einen Seehund als Haustier?

9. ...und übrigens haben wir gerade Fasching!

Prof. Dr. Ursula Kunze ist am Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien tätig.

Ursula Kunze, Ärzte Woche 1/3/2015

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