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Prof. Dr. Franz X. Heinz Vorstand des Departments für Virologie der Medizinischen Universität Wien

 
Impfen 25. November 2013

Influenza – weithin unterschätzt

Hunderttausende erkranken Jahr für Jahr an einer Influenza-Infektion schwer. Trotzdem ist die Durchimpfungsrate weiterhin im Sturzflug.

Warum Österreich im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern die nahezu schlechteste Impfmoral hat, was Impfung und Neuraminidase-Hemmer wirklich können und was für die bevorstehende Grippewelle zu erwarten ist, sind nur einige Fragen, die Prof. Dr. Franz X. Heinz, Vorstand des Departments für Virologie der Medizinischen Universität Wien, der Ärzte Woche beantwortete.

Weniger als zehn Prozent der Bevölkerung sind gegen Influenza geimpft, Tendenz weiter fallend. Diese alarmierenden Zahlen in der erst kürzlich veröffentlichten Studie1 des Zentrums für Public Health der MedUni Wien werfen natürlich sofort die Frage nach den Gründen dafür auf. Ebenso wie Studienautorin Ursula Kunze ist auch Heinz davon überzeugt, dass durch die umgangssprachliche Verwendung der Bezeichnung „Grippe“ zu wenig zwischen banalen grippalen Infekten und echten Influenza-Infektionen differenziert wird. Heinz dazu: „Die übliche Meinung der Menschen ist, die Grippe wäre so ein bisserl Schnupfen und Husten. Das stimmt natürlich nicht. Leider ist das Bewusstsein der Bevölkerung für die Schwere der Erkrankung nicht gegeben, und ich habe das Gefühl, viele Ärzte vermitteln auch nicht unbedingt, dass man eine Influenza-Infektion um jeden Preis vermeiden sollte.“

Impfung mit niedriger Schutzrate, aber deutlichen Vorteilen

Im Vergleich zur FSME-Impfung mit ihrer Schutzrate von über 90 Prozent liegt die Influenza-Impfung nach langjähriger Erfahrung des Vorstandes der Virologie bei nur etwa 50 Prozent: „und damit deutlich niedriger, als man sich das für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit wünschen würde. Andererseits erkranken jedes Jahr mehrere hunderttausend Menschen in Österreich, und wenn man davon die Hälfte der Erkrankungen verhindert, so hat man immer noch einige hunderttausend vor einer schweren Erkrankung geschützt.“

Klarerweise bietet die Impfung keinen Schutz gegen grippale Infekte. Zum Ausgleich für die relativ schlechte Schutzrate ist allerdings im Falle der Erkrankung einer geimpften Person mit deutlich milderem Krankheitsverlauf und geringeren Komplikationen zu rechnen. Die geltende Empfehlung zur Impfung von Personen über fünfzig Jahren und Kindern über sieben Monaten ergänzt Heinz noch: „Bei jüngeren, gesunden Menschen darf man deren Rolle als Überträger nicht unterschätzen. Wenn Kinder aus Schulen und Kindergärten die Erkrankung mit nach Hause bringen, können in zweiter Linie auch ältere Menschen betroffen sein. Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist für die Übertragung ebenfalls ein wichtiger Faktor. Obwohl dort die Kosten für die Impfung oft übernommen werden, sind die Durchimpfungsraten gerade in diesen Bereichen erschreckend niedrig.

Gerüchte darüber, dass nach einer Influenza-Impfung vermehrt grippale Infekte aufträten, sind nicht objektivierbar. Dabei handelt es sich um subjektive Wahrnehmungen, für die es keinerlei Evidenz gibt. Die Influenza-Impfung zählt zu den am besten tolerierten Impfungen, es gibt kaum Nebenwirkungen oder Unverträglichkeitsreaktionen.“

Neuraminidase-Hemmer als Feuerwehr

Die nun schon seit einigen Jahren auf dem Markt befindliche Substanzgruppe der Neuraminidase-Hemmer wird nach Meinung von Heinz ebenfalls viel zu selten eingesetzt: „Neuraminidase-Hemmer haben sich als sehr gut wirksam erwiesen. Allerdings nur dann, wenn sie ganz am Beginn der Erkrankung eingenommen werden. Idealerweise spätestens 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome. Wer erfolgreich behandeln will, muss aber wissen, wann eine Grippeepidemie tatsächlich da ist, was im DINÖ (Diagnostisches Influenza Netzwerk Österreich) abzulesen ist. Wenn also in dieser Zeit ein Patient mit den typischen Symptomen neu erkrankt, dann kann man Neuraminidase-Hemmer sinnvoll einsetzen.“

Die nächste Welle kommt bestimmt

Bis Anfang November gab es nur sehr sporadische Fälle von Influenza in Europa, nämlich genau sechs. Die Analyse der Proben dieser Infizierten ergab, dass sie genau jene Virenstämme enthielten, die in den Impfstoffempfehlungen gelistet sind. Zur Prognose für die kommende Saison sagt Heinz: „Voriges Jahr gab es über sechshunderttausend Erkrankungsfälle in Österreich. Das war kein schwaches Jahr. Heuer kann es wieder ähnlich werden, wieder sind es die gleichen Virenstämme H1N1, H3N2 und Influenza B.“

Aus den genannten Gründen wünscht sich der Vorstand des Departments für Virologie mehr Unterstützung für die Influenza-Impfung im niedergelassenen Bereich: „Die Menschen vertrauen in sehr hohem Maße ihren Hausärzten und den Kinderärzten. Wenn von diesen Vertrauenspersonen eine entsprechende Empfehlung kommt, dann lassen sich die Leute sicher mehr impfen.“

1Kunze U, Böhm G, Groman E., Influenza vaccination in Austria from 1982 to 2011: A country resistant to influenza prevention and control.
Vaccine. 2013 Oct 17;31(44):5099-103. PMID: 24012564

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