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Dr. Michael Elnekheli Präsident des Berufsverbands österreichischer Gynäkologen
 
Impfen 12. November 2013

Catch-up-Programm fehlt

Nach langem Zögern führt Österreich als eines der letzten Länder ein kostenloses HPV-Impfprogramm ein. Allerdings nur für eine ganz bestimmte Altersgruppe.

Österreich ist einzigartig, meint Dr. Michael Elnekheli, Präsident des Berufsverbands österreichischer Gynäkologen: Mit sieben Jahren Verspätung wird die HPV-Impfung ins kostenlose Kinderimpfprogramm aufgenommen. Zudem wird eine international unübliche Altersgruppe geimpft. Positiv sieht Elnekheli, dass Buben ins Impfprogramm einbezogen werden. Im Gespräch mit der Ärzte Woche erklärt er, warum.

Seit sieben Jahren gibt es eine Impfung gegen HPV. Wie viele Österreicher haben sich denn bisher impfen lassen?

Elnekheli: Es gibt keine exakten Zahlen, es wird aber geschätzt, dass mittlerweile drei Prozent der Österreicherinnen HPV-geimpft sind, wobei die Zahlen je nach Bundesland stark schwanken. Einige Bundesländer, allen voran Niederösterreich, bieten ja eine Förderung für die Impfung an.

Das würde dafür sprechen, dass die Kosten ausschlaggebend sind, dass viele von einer HPV-Impfung Abstand nehmen …

Elnekheli: Keine Frage. Bis dato sind viel zu wenige geimpft. Es gibt kein Land auf der Welt, wo die Durchimpfungsrate so niedrig ist, und wir wissen aus Ländern, die schon ein HPV-Impfprogramm haben: Wenn ein Impfprogramm gestützt wird oder im Idealfall kostenlos angeboten wird, dann steigt die Beteiligung.

Und dass vielleicht die Information in der Bevölkerung noch mangelhaft ist? Könnte auch das ein Grund für die niedrige Impfbeteiligung sein?

Elnekheli: Die HPV-Impfung ist vielfach durch die Medien gegangen. Ich denke, jeder weiß, dass diese Impfung existiert. Leider besteht aber bei vielen Österreichern noch die fälschliche Meinung, dass Nutzen und Sicherheit der Impfung noch umstritten wären. Dieser Imageschaden ist 2006 entstanden. Damals wurde medial ein Todesfall mit der Impfung in Zusammenhang gebracht. Wie sich herausgestellt hat, gab es da keinen kausalen Zusammenhang. Trotzdem ist diese Information vielen im Gedächtnis geblieben. Ich versuche bei meinen Patientinnen, diesen Irrtum auszuräumen, und weise darauf hin, dass Österreich das Land mit der niedrigsten Durchimpfungsrate ist. Aber nicht deswegen, weil die Impfung umstritten wäre, sondern weil die finanzierende Stelle so lang gezögert hat, eine Finanzierung auszusprechen.

Ab Februar nächsten Jahres wird die HPV-Impfung für Kinder nach dem vollendeten 9. Lebensjahr gratis angeboten, allerdings ist dieses Angebot auf die 4. Schulstufe beschränkt ist. Halten Sie die Aktion dennoch für sinnvoll?

Elnekheli: Ich muss sagen, es ist eine einzigartige Vorgangsweise, dass man beschließt, die 9-Jährigen zu impfen. Bei der HPV-Impfung handelt es sich ja um eine präventive Maßnahme zur Vermeidung von Erkrankungen, die ausschließlich sexuell übertragen werden. Sie sollte also sinnvollerweise vor dem ersten Sexualkontakt stattfinden. In allen anderen Ländern hat man die 12-Jährigen geimpft, aus einem praktischen Grund: In diesem Alter erfolgt auch die Röteln-Auffrischungsimpfung. Das ist ein Alter, wo die Mädchen noch in der Schule und daher „greifbar“ sind, und üblicherweise noch vor dem ersten Sexualkontakt stehen. Da ist es natürlich vernünftig, diese Impfungen – HPV und Röteln – gleich zu kombinieren. Das sind einfach impfstrategische Überlegungen.

Zusätzlich haben die meisten Länder noch ein Catch-up-Programm durchgeführt. Das bedeutet, dass man auch noch höhere Lebensalter ins Programm mit einbezieht, um einen schnelleren Effekt zu erzielen. Ich würde mir wünschen, dass wenigstens die Bundesländer an das Kinderimpfprogramm anknüpfen und ein Catch-up-Programm für die jungen Mädchen und Frauen finanzieren.

Auch einzigartig – aber im positiven Sinne – ist, dass im österreichischen Impfprogramm auch alle 9-jährigen Buben eingeschlossen sind. In Australien hat man gesehen, dass ein großzügiges Impfprogramm aller Mädchen und Frauen bis 26 Jahre zwar in sehr kurzer Zeit eine Herdenimmunität entstehen lässt, man hat aber auch gesehen, dass in der männlichen homosexuellen Population die Inzidenz der Feigwarzen gleich geblieben ist. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, auch die Buben zu impfen, um diese Population auch noch zu erreichen. Immerhin sind etwa 10 Prozent der Männer sexuell anders orientiert.

Ich gratuliere also dem Ministerium zur Entscheidung, auch die Buben zu impfen. Aber was man kritisieren muss, ist, dass das das Alter von 9 Jahren insofern viel zu früh angesetzt ist, als dass man sehr, sehr lange warten muss, bis tatsächlich ein Impferfolg zu verzeichnen ist. Das Durchschnittsalter für den ersten Sexualkontakt liegt hierzulande bei knapp unter 16. Wenn man jetzt also beginnt, die 9-Jährigen zu impfen, passiert in den nächsten sieben Jahren einmal überhaupt nichts. Das ist schon traurig.

Es geht ja aber doch primär um die Verhinderung von Karzinomen. Diesbezüglich wird der Impferfolg ohnehin noch lange nicht sichtbar sein ...

Elnekheli: Ich sehe das so: Jetzt haben wir in Österreich schon diesen unglaublich peinlichen Nachteil, dass wir als allerletztes Land mit einer Verzögerung von acht Jahren in die Thematik einsteigen, und dann müssen wir noch so viele Jahre warten , bis das überhaupt Früchte trägt. Würde man jetzt ein ordentliches Catch-up-Programm machen – sprich: auch die Jahrgänge impfen, die kurz vor dem ersten Sexualkontakt stehen – dann hätten wir schon sehr viel schneller eine Herdenimmunität und einen Impferfolg im Sinne von Vermeidung von Feigwarzen. Sie haben natürlich Recht: Ein Einfluss auf die Inzidenz von Zellveränderungen am Gebärmutterhals wird noch viel später sichtbar. Aber die Australier sehen nach sieben Jahren Impfprogramm immerhin schon einen Rückgang von präkanzerösen Zellveränderungen in den Gebärmutterhals-Abstrichen.

Das Dosierungsschema wurde für Kinder von drei auf zwei Teilimpfungen reduziert, für Erwachsene jedoch nicht. Was ist der Hintergrund dieser Regelung?

Elnekheli: Das ist einfach zu erklären: Es gibt sehr gute immunologische Daten zu den verschiedenen Altersgruppen, die gezeigt haben, dass für 9- bis 12-Jährige das Zweidosen-Schema im Abstand von sechs Monaten einen sehr guten Effekt hat. Diese Daten sind aber nur für diese Altersgruppe vorhanden. Das Zweidosen-Schema hat also eine ausreichende Evidenz für die 9- bis 12-Jährigen, an Erwachsenen wäre es Off-Label-Use und kann daher nicht empfohlen werden.

Sprechen Sie in Ihrer Praxis die Zielgruppe aktiv auf die HPV-Impfung an?

Elnekheli: Das Ziel muss sein, alle Frauen auf die HPV-Impfung aktiv anzusprechen. Ich persönlich versuche, alle potenziellen Impfkandidatinnen zu informieren. Leider haben 16-Jährige meist kein großes Interesse. Meiner Erfahrung nach ist es besonders sinnvoll, die Mütter anzusprechen.

Ich denke, dass mit der Aufnahme ins Kinderimpfprogramm auch das allgemeine Bewusstsein für die HPV-Impfung wieder steigen wird: Ich erwarte, dass damit in den nächsten Jahren eine höhere Durchimpfungsrate auch in der Population über 12 Jahre zu erreichen sein wird.

Empfehlen Sie die HPV-Impfung auch Frauen, die bereits Sexualkontakt hatten?

Elnekheli: Ganz klar ja. Erstaunlicherweise wird diese Frage auch häufig von den Patientinnen gestellt. Offensichtlich ist irgendwann einmal der Eindruck entstanden, dass die Impfung nur vor dem ersten Sexualkontakt sinnvoll ist. Das stimmt nicht. Ursprünglich gab es keine immunologischen Daten für ältere Frauen. Mittlerweile ist aber die Altersgrenze aus der Fachinformation verschwunden.

Durchgemachte HPV-Infektionen hinterlassen keine Immunität. Das heißt, man kann sich mit ein und demselben HPV-Typ immer wieder anstecken. Selbst wenn eine Patientin gerade mit einem HPV-Typ infiziert ist, profitiert sie von der Impfung, weil diese ja gegen mehr als einen Typ schützt.

Anders gesagt: Wenn Sie auf der Autobahn von Wien nach Salzburg unterwegs sind, und Sie bemerken in Linz, dass Sie nicht angeschnallt sind, dann ist es immer noch sinnvoll, sich bis Salzburg anzuschnallen.

Das Interview führte Mag. Christine Lindengrün.

Christine Lindengrün, Ärzte Woche 46/2013

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