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Impfen 29. Juni 2012

Zehn Jahre poliofrei

Viele Patienten leiden auch heute noch unter Spätsymptomen der Kinderlähmung.

Eine Schutzimpfung machte es möglich: Am 21. Juni 2002 erklärte die WHO die Region Europa für poliofrei. Seitdem hat es dort offiziell keinen neuen Fall gegeben. Doch die Kinderlähmung ist im Leben Zehntausender noch immer präsent.

 

Seit zehn Jahren ist die WHO-Region Europa offiziell poliofrei – doch bis heute leiden allein in Deutschland Zehntausende unter den Folgen der Infektion. Viele kämpfen mit den Lähmungen, die der Ausbruch der Kinderlähmung mit sich gebracht hatte. Bei anderen kommt es noch Jahrzehnte nach der Infektion zu neuen Beschwerden. Die Ursache: das Postpoliomyelitische Syndrom, kurz PPS.

„Wir schätzen, dass es allein in Deutschland etwa 50.000 Betroffene gibt, vielleicht auch etwas mehr“, sagt Dr. Sabine Diedrich vom Robert- Koch-Institut (RKI) in Berlin. Das PP-Syndrom trete meist nach einer stabilen Phase von mindestens 15 Jahren nach der Infektion auf. Ursache sei vermutlich eine Schädigung der Motoneuronen. „Es kommt zu einer Schwächung der Gliedmaßen, was an die alte Polioinfektion erinnern kann“, so Diedrich.

Wiederkehr der Krankheit

Atemnot, Schluckbeschwerden, schwere Erschöpfungszustände – das waren die Symptome, unter denen Karola Rengis Anfang der 1990er Jahre plötzlich litt. „Ich bin gut zehn Jahre von Arzt zu Arzt gelaufen“, sagt sie. Erst 2001 stellte ein Experte die Diagnose PPS. Rengis war 1953 als Zweijährige an der Kinderlähmung erkrankt, hatte von damals Lähmungen zurückbehalten. Als die gesundheitlichen Probleme plötzlich wieder schlimmer wurden, habe sie nicht an Folgen der Kinderlähmung gedacht. „Wenn man so lange damit gelebt hat, dann hat man sich damit arrangiert und denkt nicht daran, dass es einen noch ein zweites Mal trifft“, sagt Rengis.

Keine Aussicht auf Heilung

Heilbar ist das Post-Polio-Syndrom nicht. Als Karola Rengis 2001 die Diagnose bekam, konnte sie sich trotz der Lähmungen noch frei und selbstständig bewegen. „Inzwischen bin ich auf Unterarmgehstützen und Rollstuhl angewiesen“, sagt sie. „Die Betroffenen erleiden einen Kraftverlust von ein bis 17 Prozent im Jahr.“ Eine spezielle Physiotherapie könne das etwas abfangen.

Nachdem sie wusste, dass das PP-Syndrom die Ursache ihrer Beschwerden war, gründete Rengis eine Selbsthilfegruppe. Dort erlebte sie, dass es den meisten Betroffenen ähnlich ging wie ihr selbst. „Nur sehr wenige Ärzte, meistens Neurologen, können diese Diagnose stellen. Es gibt sogar noch Ärzte, die sagen, dass es PPS gar nicht gibt“, sagt Rengis. Viele Patienten wüssten deshalb oft jahrelang nicht, was der Grund für ihre Beschwerden sei.

Die Infektionszahlen waren nach Einführung eines Poliomyelitis-Impfstoffs (Österreich im Winter 1961/1962) rasch zurückgegangen. „Der letzte Poliofall in der WHO-Region Europa wurde am 26. November 1998 aus dem Osten der Türkei gemeldet“, weiß RKI-Expertin Diedrich. In Österreich ist der letzte Fall an Kinderlähmung im Jahr 1982 aufgetreten. Zu jener Zeit impften Ärzte mit der Schluckimpfung, einem abgeschwächten Lebendimpfstoff. Bis zu drei Kinder steckten sich in Deutschland jährlich darüber an. „Dieses Risiko wollte man nicht mehr tolerieren, deshalb wurde 1998 die Impfstrategie geändert“, so Diedrich. Heute wird der Totimpfstoff über die Mehrfachimpfung gespritzt. Ein erneuter Ausbruch der Krankheit sei derzeit „eher unwahrscheinlich“. Die hohen Impfraten müssten aber aufrechterhalten werden. Dass es immer wieder zu neuen Erkrankungen kommen könne – auch in eigentlich poliofreien Regionen –, bewiesen Ausbrüche in Tadschikistan 2010 und China 2011. Diedrich rät deshalb: „Unbedingt gegen Polio impfen!“

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