zur Navigation zum Inhalt
Foto: ©iStockphoto.com/lovleah
In Österreich wird seit 2001 die inaktivierte Polio-Vakzine verwendet.
 
Impfen 15. Juni 2011

Ist eine Eradikation der Poliomyelitis möglich?

Bereits 1988 formulierte die Weltgesundheitsorganisation das ambitionierte Ziel, die Kinderlähmung weltweit bis zum Jahr 2000 zu eliminieren. Trotz zahlreicher Rückschläge wurden 2009 ein neuer Strategieplan ausgearbeitet.

Da der Mensch der einzige Wirt ist, könnte Poliomyelitis theoretisch ausgerottet werden. Bisher wurden bereits große Erfolge erzielt, neue Ausbrüche aufgrund von Kriegen oder Krisenherden und auch fehlende finanzielle Mittel verhinderten jedoch die tatsächliche Eradikation.

 

Poliomyelitis wird durch Polioviren ausgelöst und ist hoch ansteckend. Die Viren werden über Tröpfchen- oder Schmierinfektion übertragen, gelangen über den Mund in den Körper und dringen später in das Nervensystem ein, wo sie innerhalb von Stunden vollständige Lähmungen auslösen können. Nach Angaben der WHO führt eine von 200 Infektionen zur Lähmung, zumeist in den Beinen. Von den gelähmten Patienten stirbt bei unzureichender medizinischer Versorgung (inklusive Beatmungsmöglichkeit) fast jeder zehnte an Störungen der Atemmuskulatur. Poliomyelitis ist in Österreich nach wie vor eine meldepflichtige Krankheit. Wie in vielen anderen Ländern auch, ist in Österreich nach dem 2. Weltkrieg eine schwere Poliomyelitisepidemie aufgetreten (Grafik 1). Im Zeitraum 1946 bis 1961 wurden 12.620 Erkrankungsfälle registriert – mit 1.426 Todesfällen.

Impfschutz seit 1960 verfügbar

Sofort nach Verfügbarkeit des oralen Polio-Impfstoffes (d.i. noch vor seiner Zulassung in Kanada 1962 und den USA 1963) wurde dieser in Österreich gesetzlich empfohlen (Bundesgesetz vom 28. November 1960 über öffentliche Schutzimpfungen gegen übertragbare Kinderlähmung, BGBl. Nr. 244/1960) und im Winter 1960/61 erstmals eingesetzt. Durch die hervorragende Akzeptanz kam es rasch zu einem Verschwinden der Erkrankung in Österreich. Im Zeitraum 1962 bis 1980 wurden nur mehr 37 Krankheitsfälle und 6 Todesfälle registriert.

Globale Eradikation als Ziel

Da Poliomyelitis durch Impfung verhindert werden kann und der Mensch der einzige Wirt ist, ist die weltweite Eradikation prinzipiell möglich. Daher hat die WHO anlässlich ihrer 41. Vollversammlung am 13. Mai 1988 das Ziel formuliert, die Poliomyelitis bis zum Jahr 2000 weltweit zu eliminieren. Zu diesem Zweck wurde von der WHO, UNICEF, den Centers for Diseases Control sowie Rotary International die Global Polio Eradication Initiative (GPEI) gegründet, welche auch von vielen Regierungen, darunter auch Österreich, finanziell unterstützt wird.

Obwohl die ambitionierte zeitliche Vorgabe mittlerweile mehrfach revidiert werden musste, konnte die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr um über 99 Prozent reduziert werden (Grafik 2). Betrug 1988 die Anzahl der geschätzten Fälle 350.000 in 125 Ländern, verringerte sich diese bis 2001 auf etwa 500 Fälle in 10 Ländern.

1994 konnten die Region Nord-, Mittel- und Südamerika poliofrei erklärt werden, im 2000 Oktober die Region West-Pazifik und im Juni 2002 die europäische Region. 2002 wurde jedoch eine neuerliche Zunahme der Poliomyelitisfälle in Afrika und Asien festgestellt.

Bedingungen für den Status poliofrei

Um den Status „poliofrei“ zu erhalten, ist von den einzelnen Ländern eine Reihe von Aktivitäten gefordert:

  • Aufrechterhaltung und Dokumentation hoher Impfbeteiligung,
  • Durchführung der AFP-Surveillance (AFP = acute flaccid paralysis) bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren,
  • Enterovirusüberwachung,
  • Qualitätskontrolle von Laboratorien, die Enteroviren diagnostizieren und
  • Erhebung von nationalen Labors, in denen Poliovirus oder virushältiges Material gelagert wird.

Mittels der Überwachung aller AFP-Fälle wird dokumentiert, dass das nationale Surveillance-System in der Lage wäre, einen Fall von Poliomyelitis sofort zu erkennen und – falls erforderlich – auch die entsprechenden Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung dieser Krankheit zu ergreifen.

Neuerliche Ausbreitung

Durch fehlende Unterstützung und Opposition fundamentalistischer Gruppen gegen die Poliomyelitis-Impfung kam es im Norden Nigerias zu einem faktischen Aussetzen des Impfprogramms und ab 2002 zu einer neuerlichen Ausbreitung der Erkrankung, welche anschließend in 25 Länder verbreitet wurde.

In Folge des Poliomyelitis-Ausbruchs in Tajikistan im Jahr 2010 wurden zusätzlich Fälle mit Lähmung auch in benachbarten Ländern beobachtet (WHO; Stand 3. September 2010):

  • Turkmenistan: 37 AFP-Fälle
  • Uzbekistan: 91 AFP-Fälle
  • Kazakhstan: 54 AFP-Fälle
  • Kyrgystan: 33 AFP-Fälle
  • Chechen Republic: 1 Poliomyelitis (2 Jahre, ungeimpft)

Vaccine-Derived Polioviruses

Als Folge der Schluckimpfung können die vermehrungsfähigen Viren genetisch mutieren und Lähmungen verursachen (Vaccine-Derived Polioviruses – VDPV): Nach der OPV-Impfung vermehrt sich das Virus für 4 bis 6 Wochen im Körper. Das Poliovirus-Genom ändert sich pro Jahr um zirka 1 Prozent. VDPV ähnelt biologisch dem Wildvirus WPV, kann Lähmungen verursachen und kann bei niedriger Poliomyelitis-Durchimpfungsrate langdauernd zirkulieren. In der Zeit von Jänner 2008 bis Juni 2009 wurden einige Ausbrüche beobachtet:

  1. Zwei Ausbrüche durch zirkulierende VDPV (cVDPV) in Kongo (20 Fälle) und Äthiopien (4 Fälle)
  2. Ein Ausbruch in Nigeria verursachte seit 2005 292 Fälle
  3. Zwei Personen mit Immundefizienz und Lähmungen sind Langzeitausscheider von VDPV (Argentinien, USA)
  4. Einzelne VDPV wurden bei Personen und Umweltproben in 11 Ländern gefunden

Vermeidung einer Impfpolio durch inaktivierte Polio-Vakzine

Zur Vermeidung von VDPV-Fällen wurde wie in vielen anderen Ländern auch in Österreich sukzessive von der Polio-Oralimpfung abgegangen. Mit zunehmend geringerer Wahrscheinlichkeit, an einer Poliomyelitis zu erkranken, musste das Risiko eines Falles einer Impfpolio auf 750.000 Impfungen neu bewertet werden. Daher wurde 1997 vom Impfausschuss des Obersten Sanitätsrates empfohlen, die Erstimpfung von Kindern ab dem 3. Lebensmonat mit inaktivierter Polio-Vakzine durchzuführen, sobald ein entsprechender Kombinationsimpfstoff (z.B. DTaP-HIB-IPV) flächendeckend zur Verfügung steht, und nur die Auffrischungsimpfungen ab dem Schulalter mit oraler Vakzine durchzuführen. Ab 2001 wurde statt OPV generell nur mehr IPV empfohlen und eingesetzt.

Ursachen für den bisher ausgebliebenen Erfolg

Hindernisse auf dem Weg einer weltweiten Polio-Eradikation sind einerseits die gestörte Durchführung von Impfprogrammen durch die Unsicherheit in Kriegsgebieten, andererseits führt die verstärkte Mobilität zur Virusverschleppung durch Migranten. Aber auch Impfgegner und vor allem keine ausreichende Finanzierung der Polio-Programme stehen einem Erfolg entgegen.

Trotz aller bisherigen Schwierigkeiten hat die WHO im Jahr 2009 einen neuen Strategieplan ausgearbeitet, welcher unter http://www.polioeradication.org/content/publications/GPEI.StrategicPlan.2010-2012.ENG.May.2010.pdf abrufbar ist.

Empfehlung im Österreichischen Impfplan 2011

Laut derzeitigem Österreichischen Impfplan sind im Säuglingsalter drei Teilimpfungen in Form der 6-fach-Impfung empfohlen, die Auffrischungsimpfung dip-TET-PEA-IPV zwischen 7. und 9. Lebensjahr.

Bei Erwachsenen ist eine Auffrischung für Reisen in Kontinente mit Zirkulation von Polioviren (Afrika, Asien) mit IPV alle 10 Jahre bzw. ab 65 Jahren alle 5 Jahre. FH

 

Quelle: 20. Österreichischer Impftag, Vortrag von Prof. Dr. Ingomar Mutz, 9. April 2011, Salzburg

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben