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Impfen 17. Mai 2011

Erwachsene häufig ungeschützt

Bei Kindern ist die Durchimpfungsrate für Pertusssis ausreichend, bei Jugendlichen und Erwachsenen bestehen hingegen erhebliche Impflücken.

Bei Kleinkindern und Kindern ist das Kranheitsbild der Pertussis aufgrund der Impfung rückläufig, hingegen steigt die Erkrankungszahl bei Adoleszenten und Erwachsenen. Diese ungeschützten Personen können zur Infektionsquelle für Neugeborene in den ersten Lebenswochen werden.

 

Vor Einführung der Impfung zählte Pertussis zu den häufigsten Kinderkrankheiten. Obwohl die Inzidenz durch die Verfügbarkeit eines Impfstoffes und nationale Impfempfehlungen seit den 1940er Jahren deutlich reduziert werden konnte, ist in den letzten ein bis zwei Dekaden wieder eine Zunahme zu beobachten,

insbesondere bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den USA, Kanada sowie in verschiedenen europäischen Ländern – trotz hoher Durchimpfung bei Kindern. Auch die Zahl der an Pertussis erkrankten Erwachsenen mit pulmologischen Komplikationen und Langzeitverlauf hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Viele Studien weisen Erwachsene auch als Infektionsquelle für Neugeborene in den ersten Lebenswochen aus.

Häufiger als gedacht

Weltweit werden die Pertussis-Fälle auf 20-40 Millionen pro Jahr geschätzt, davon verlaufen etwa 500.000 tödlich. Drei Viertel dieser Todesfälle betreffen Neugeborene und Säuglinge. In Österreich wurden laut Bundesministerium für Gesundheit 410 Fälle im Jahr 2010 gemeldet – Pertussis ist meldepflichtig – und laut Statistik Austria ist auch die Anzahl der Pertussiserkrankungen seit 1995 wieder im Ansteigen. Dies ist weniger auf eine Zunahme bei Kindern zurückzuführen – hier sinkt die Häufigkeit dank Impfung – als auf eine bei Adoleszenten und Erwachsenen.

Untypischer Krankheitsverlauf

Bei Bordetella pertussis handelt es sich um ein kleines bekapseltes, aerobes, gramnegatives Stäbchen, das sich auf dem respiratorischen, zilientragenden Epithel vermehrt. Es bildet eine Vielzahl von Toxinen und Virulenzfaktoren, unter anderem Pertussis-Toxin, filamentöses Hämagglutinin, Trachea-Zytotoxin, Pertactin, hitzelabiles Toxin und Adenylatzyklase-Toxin, die Gewebeschäden verursachen und zusätzlich die lokalen Abwehrkräfte verschlechtern (Epidemiologisches Bulletin, 3. August 2009/Nr. 31 S. 299 ff).

Einziger Wirt für Bordetella pertussis ist der Mensch, die Übertragung erfolgt durch Tröpfchen. Pertussis ist hoch kontagiös, am höchsten nach der Inkubationszeit – etwa 7-14 Tage – und etwa zwei bis 3 Wochen nach Hustenbeginn. Weder die Infektion noch die Impfung führt zu einer lebenslangen Immunität.

Typische Symptome der Erkrankung sind bei Säuglingen und Kleinkindern krampfartige Hustenattacken – vor allem in der Nacht Atemnot, keuchende Atemgeräusche und manchmal Erbrechen. Bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen verläuft die Erkrankung meist milder und es besteht oft nur ein lang andauernder unspezifischer Husten, der nicht in erster Linie an eine Pertussis-Erkrankung denken lässt. Daher wird das Krankheitsbild häufig verkannt. Zeit- und kostenintensive Diagnostik folgen, oft auch inadäquate Therapiemaßnahmen. Bei hartnäckigem, lang andauerndem Husten bei Erwachsenen sollte daher auch immer die Möglichkeit einer Pertussis zumindest ins Kalkül gezogen werden.

Mögliche Komplikationen sind Pneumonien, Lungenversagen und schwer verlaufende Otitis media. In einer kanadischen Studie an 664 Jugendlichen und Erwachsenen mit Pertussis wurden bei insgesamt 28 Prozent der erwachsenen Patienten Komplikationen beobachtet (DeSerres G et al, The Journal of Infectious Diseases 2000; 182 (1): 174–179), insgesamt zwei Prozent wurden davon hospitalisiert, von den über 50-Jährigen sogar sechs Prozent. In einer Befragung von 203 Erwachsenen mit Pertussis in Massachusetts erlitten zwei Prozent Pneumonien, 28 Prozent Harninkontinenz und vier Prozent Rippenbrüche (Lee G et al, Clin Infect Dis 2004; 39 (11): 1572–1580).

Nur mehr azelluläre Impfstoffe

In Österreich stehen seit 1996 nur noch azelluläre Impfstoffe zur Verfügung, die seltener mit Nebenwirkungen verbunden und damit auch sicherer sind. Derzeit enthalten diese entweder drei oder fünf Pertussis-spezifische Antigene. Studien mit drei oder vier Impfdosen von Impfstoffen mit zwei bis fünf Pertussis-Komponenten bei Kindern zeigten eine hohe Effektivität, mit 80–84 Prozent liegt diese höher als die von Impfstoffen mit ein oder zwei Pertussis-Antigenen (67–70 %) (Epidemiologisches Bulletin, 3. August 2009/Nr. 31 S. 299 ff).

Empfehlungen im Impfplan 2011

Im Säuglingsalter ist wegen des häufigen Vorkommens von Keuchhusten und des schweren Verlaufs einer Pertussisinfektion in diesem Alter ein frühestmöglicher Beginn der Impfserie angezeigt, d. h. unmittelbar nach Vollendung des 2. Lebensmonats. Die Durchimpfungsrate bei 2-jährigen Kindern in Österreich liegt laut OECD-Bericht Health in Europe 2010 bei 83 Prozent. Der EU-weite Durchschnitt beträgt 95 Prozent.

Zur Aufrechterhaltung der Immunität gegen Pertussis wird allen Jugendlichen und Erwachsenen eine regelmäßige Auffrischimpfung empfohlen, da diese der einzig effektive Weg ist, einer Infektion vorzubeugen und auch empfängliche Gruppen der Bevölkerung, die nicht geimpft werden können (z.B. Neugeborene), indirekt zu schützen. Laut Österreichischem Impfplan ist eine Auffrischungsimpfung – sofern eine Grundimmunisierung vorliegt – im Alter von sieben bis neun Jahren und ab dem 18.-20. Lebensjahr alle 10 Jahre und ab dem 60. Lebensjahr alle 5 Jahre empfohlen. Wenn die letzte Tetanusimpfung mehr als zwei Jahre zurückliegt, kann die Auffrischung mit einem Drei- oder Vierfachimpfstoff (dip-TET-PEA-IPV) erfolgen. Eine Auffrischungsimpfung mit einem Vierfachimpfstoff ist vor allem dann empfehlenswert, wenn Reisen in Kontinente mit Zirkulation von Polioviren möglich oder geplant sind. Repevax® (dT-PEA-IPV) kann Kindern ab dem vollendeten 3. Lebensjahr, Jugendlichen und Erwachsenen verabreicht werden, ab dem vollendeten 4. Lebensjahr und für Erwachsene stehen die Kombinationsimpfstoffe Triaxis® (dT-PEA), Boostrix® (dT-PEA) bzw. Boostrix Polio® zur Verfügung.

Von Dr. Friederike Hörandl, Ärzte Woche 20 /2011

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