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Impfen 4. Mai 2011

Erreger kennen keine Grenzen

Solange Poliomyelitis weltweit nicht ausgerottet ist, sollte laut Experten gegen dieses Virus geimpft werden.

Das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO veranstaltete vom 23. bis zum 30. April 2011 die 6. Europäische Impfwoche. Ziel dieser WHO-Initiative war es, auf das Thema Schutzimpfungen aufmerksam zu machen und den Impfschutz zu verbessern. Das Motte „Shared solutions to common threats“ sollte darauf hinweisen, dass Ausbrüche impfpräventabler Erkrankungen nicht vor nationalen Grenzen Halt machen und für deren Bekämpfung gemeinsame Lösungen entwickelt werden müssen.

 

Impfstoffe und Impfmaßnahmen haben in der Europäischen Region der WHO, der 53 Staaten angehören, zu ausgeprägten gesundheitlichen Verbesserungen geführt, vor allem für Kinder. So ist beispielsweise weltweit zwischen 2000 und 2008 die Zahl der Poliofälle um 99 Prozent und die Mortalität infolge von Masern um 78 Prozent zurückgegangen (www.euro.who.int/de).

Hohe Mobilität, Bevölkerungsgruppen mit nur beschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung und Rückgang der Akzeptanz von Impfstoffen in der Bevölkerung gefährden jedoch diesen Erfolg. Epidemische Masernausbrüche und das Wiederauftreten von Polio unterstreichen diese Gefahr.

Wiederauftreten der Poliomyelitis

Die europäische Zone der WHO wurde im Juni 2002 für poliofrei erklärt. 2010 traten jedoch erstmalig wieder Poliofälle in dieser Region auf. Durch aus Indien eingeschleppte Wildtyp-Polioviren vom Typ 1 (WPV1) kam es in Tadschikistan zu dem größten Polioausbruch in diesem Jahr. Das Virus wurde nachfolgend aus Tadschikistan in die Russische Föderation, nach Kasachstan und Turkmenistan importiert. Insgesamt wurden bei der WHO offiziell 475 WPV1-Fälle registriert (Stand 14. Oktober 2010) und es gab 19 Todesfälle (4 Prozent). Durch eine nationale Impfkampagnen in Tadschikistan und den benachbarten zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan konnte die Infektion eingedämmt werden (Epidemiologisches Bulletin Nr. 42, 25. Oktober 2010). In Tadschikistan war vor diesem Ausbruch 13 Jahre lang keine Erkrankung an Poliomyelits beobachtet worden. Eine Untersuchung legt eine genetische Verwandtschaft mit einem in Indien nachgewiesenen Virusstamm nahe.

Insgesamt konnte 2010 die Zahl der weltweiten Poliofälle gegenüber 2009 weiter reduziert werden, insbesondere in Indien und Nigeria, gleichzeitig stieg aber in Pakistan die Polioinzidenz. Neue Virusimporte und Krankheitsausbrüche gab es in Nepal, Senegal, Mauretanien und Tadschikistan (Epidemiologisches Bulletin Nr. 42, 25. Oktober 2010).

Dramatischer Ausbruch in der Republik Kongo

Seit Mitte Oktober 2010 verzeichnet auch die Republik Kongo (Kongo-Brazzaville) ein ungewöhnlich hohes Auftreten akuter schlaffer Paresen (accute flaccid paralysis, AFP) in der Region um die Hafenstadt Pointe Noire. Bis zum 11. Jänner 2011 wurden der WHO offiziell 476 AFP-Fälle mit 179 Todesfällen gemeldet. Zahlen des Roten Kreuzes bzw. der Regierung Kongo verweisen auf 524 AFP-Fälle und 219 Tote. Sequenzanalysen ergaben eine hohe Übereinstimmung mit dem in Angola zirkulierenden Virus, das ursprünglich aus Indien stammt und auch für einen Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo seit Mai 2010 verantwortlich ist. Die Republik Kongo war seit dem Jahr 2000 dank extensiver Impfprogramme poliofrei (Epidemiologisches Bulletin 24. Januar 2011/Nr. 3).

Untypisch für diesen aktuellen Polioausbruch in der Republik Kongo ist die Verschiebung der Altersverteilung und die ungewöhnlich explosiv ansteigenden Fallzahlen und die dramatisch hohe Mortalitätsrate von etwa 40 Prozent. Das ungewöhnlich hohe Alter der AFP-Patienten könnte aus einer unzureichenden Immunisierung während der politischen Unruhen in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre resultieren. Dieser aktuelle Polioausbruch in der Republik Kongo verdeutlicht einmal mehr das hohe Risiko nicht geimpfter Bevölkerungsgruppen, an Polio zu erkranken (Epidemiologisches Bulletin 24. Jänner 2011/Nr. 3).

Polio-Situation in Österreich

In Österreich ist die Poliomyelitis nach wie vor eine meldepflichtige Krankheit, der letzte Fall trat jedoch im Jahr 1980 auf (www.bmg.gv.at). Bereits am Beginn der 60er-Jahre wurde mittels kostenloser Impfkampagnen die Bekämpfung dieser Viruserkrankung begonnen. Da die dabei verwendete orale Impfung (OPV) als sehr seltene Nebenwirkung (1 Fall auf 890.000 Erstimpfungen) eine Polio-Lähmung hervorrufen kann, wurde ab 1999 für die Immunisierung nur mehr ein Polio-Totimpfstoff (IPV) verwendet.

Laut derzeitigem Österreichischen Impfplan sind im Säuglingsalter drei Teilimpfungen in Form der 6fach-Impfung empfohlen, die Auffrischungsimpfung dip-TET-PEA-IPV zwischen 7. und 9. Lebensjahr.

Im Erwachsenenalter kann die Dreifach- (alle 10 Jahre) durch die Vierfachauffrischung ersetzt werden. Dies sollte vor allem geschehen, wenn Reisen nach Afrika oder Asien geplant oder möglich sind. Damit wird im Impfplan 2011 wieder stärker auf die Polioimpfung hingewiesen. Ab 65 sollte die Auffrischung mit dip-Tet-PEA in 5-jährigen Intervallen stattfinden.

Von Dr. Friederike Hörandl, Ärzte Woche 18 /2011

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