zur Navigation zum Inhalt
Foto: IntMedCom
Prof. Dr. Heidemarie Holzmann Leiterin der Abteilung für Angewandte Medizinische Virologie, Department für Virologie, Medizinische Universität Wien
Foto: Archiv

Prof. Dr. Ursula Wiedermann Schmidt Vorstand des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Medizinuniversität Wien

 
Impfen 13. April 2011

Grenzen und Widerstände

Renaissance schwerer Infektionskrankheiten durch Impfmüdigkeit.

Impfen zählt zu den erfolgreichsten Strategie der Medizin im Kampf gegen Infektionskrankheiten. Dennoch scheint es neben den großen gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Erfolgen, die Impfungen bereits gebracht haben, auch Grenzen und Widerstände zu geben. Durch eine zunehmende Impfmüdigkeit oder Impfskepsis sinkt die Durchimpfungsrate. Viele Personen erkranken wieder an schweren Infektionen, wie zum Beispiel an Masern oder Röteln. Dadurch kommt es zu einer Renaissance schwerer Infektionskrankheiten in Österreich.

 

Unter dem Motto „Dem Impfwesen verpflichtet“ feierte der österreichische Impftag am 9. April 2011 in Salzburg sein 20-jähriges Jubiläum. Gegründet von Prof. DDr. Ernst-Gottfried Huber, ist der Impftag heute die wichtigste Fortbildungsveranstaltung für Ärzte und Apotheker zum Thema Impfen. Ziel des Impftags ist die Verbreitung von Wissen über das Impfwesen.

Impfungen lebensnotwendig für Risikogruppen

Besonders Risikogruppen (wie Schwangere, Tumorpatienten, chronisch Kranke, Autoimmunkranke etc.) stehen unter einem erhöhten Infektionsrisiko und sind daher eine besondere Zielgruppe für eine adäquate Impfversorgung. „Diese Risikogruppen profitieren zum einen besonders von der guten Durchimpfungsrate der gesamten Bevölkerung und dem kollektiven Impfschutz, zum anderen ist ein ausreichender Individualschutz essentiell zur Krankheitsverhinderung bei direktem Erregerkontakt“, so Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Vorstand des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Medizinuniversität Wien.

Die derzeit bestehenden Impfempfehlungen für Risikopatienten beruhen vorwiegend auf theoretischen Überlegungen und zu geringer Datenlage. So liegen nur wenige prospektive Impfstudien bei Risikopatienten vor, oft fehlt auch eine Zulassung der Impfstoffe für diese Patientengruppe. Daher ist die Impfcompliance von Seiten der Patienten, aber auch der Ärzte oftmals nicht sehr hoch und führt zu einer unzureichenden Impfversorgung dieser Risikopatienten.

„Unbestritten ist aber, dass bei diesen Personengruppen besonderes Augenmerk auf eine adäquate Impfversorgung gelegt werden muss. Auch wenn nicht in allen Fällen ein vergleichbar hoher Impfschutz wie bei gesunden Personen erreicht werden kann, so kann der Verlauf und die Dauer einer Infektion auch mit einem suboptimalen Impfschutz verringert werden“, so Wiedermann-Schmidt. Fragen, die auf der Basis Evidenz-basierter Medizin zu klären sind, sind der richtige Zeitpunkt einer Impfung im Rahmen laufender Therapien oder während der Schwangerschaft, Dauer des Impfschutzes und welcher Impfstoff (adjuvierte Impfstoffe) bevorzugt für Risikogruppen einzusetzen ist.

Warum Impfen sinnvoll ist

„Die Akzeptanz von Impfungen sinkt in unserer Gesellschaft. Wir fürchten uns nicht mehr vor der Krankheit, sondern viel mehr vor den seltenen und meist harmlosen Nebenwirkungen der Impfung“, gab Prof. Dr. Heidemarie Holzmann, Leiterin der Abteilung für Angewandte Medizinische Virologie, Department für Virologie, Medizinische Universität Wien, zu bedenken. Eltern werden von Impfskeptikern und negativen Medienberichten verunsichert. Es gibt Gruppen, die Impfungen aus religiösen oder philosophischen Gründen ablehnen. Diese nicht geimpften Populationen sind häufig Ausgangspunkt von Epidemien. „Es kann nicht oft genug betont werden, dass Impfungen zu den wirksamsten Vorsorgemaßnahmen zählen. Sie haben nicht nur einen positiven Einfluss auf die geimpfte Person, sondern auch auf die Volkswirtschaft“, so Holzmann. Mit einer Impfung und dem dadurch entstandenen Impfschutz erspart man den Geimpften eine womöglich lebensbedrohliche Krankheit und der Allgemeinheit die oft hohen Kosten einer Therapie.

Statt Elimination noch immer aktuell: Masernerkrankungen

„Weltweit rangieren Masern an erster Stelle der durch Impfungen vermeidbaren Todesfälle bei Kindern unter 15 Jahren. Da der Mensch einziger Wirt dieses Virus ist, sind die Masern durch Impfung ausrottbar“, so Holzmann. Erklärtes Ziel der WHO war die Elimination der Masern bis 2010. Dieses wurde nun auf 2015 verschoben.

Jedes Kind kann heute gegen Masern, Mumps oder Röteln geimpft werden. Doch nicht alle Eltern schließen sich den Impfempfehlungen an. Viele impfmüde Mütter und Väter nehmen die gefährliche Erkrankung ihres Kindes bewusst in Kauf oder fördern sie sogar. Masern sind allerdings keine harmlose Kinderkrankheit, sondern eine gefährliche Infektionserkrankung. Der Erreger, das Masernvirus, ist hochinfektiös und wird praktisch immer klinisch manifest. In 20 bis 30 Prozent der Maserninfektionen kommt es zu den typischen Komplikationen wie Otitis media oder Bronchopneumonien, seltener zu einer Masernenzephalitis. Besonders gefürchtet ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine langsam progrediente Schädigung des Gehirns mit Todesfolge.

„Laut WHO waren die Masern im Jahr 2000 weltweit mit 733.000 Todesfällen für fast die Hälfte der durch Impfung vermeidbaren Todesfälle im Kindesalter verantwortlich. Besonders in den Entwicklungsländern sind Masern aufgrund von Mangelernährung oder Vitamin A-Mangel eine häufige Todesursache im Kindesalter, da diese Infektion das Immunsystem schwächt und damit Sekundärinfektionen begünstigt. Große Impfaktionen konnten zwar die globale Masern-Mortalitätsrate zwischen 2000 und 2008 um 78 Prozent senken, wodurch in diesem Zeitraum 4,3 Millionen Todesfälle verhindert werden konnten, trotzdem zählen Masern auch heute noch zu den führenden Erkrankungen mit Todesfolge im Kindesalter.

Große Impflücken bei den 15- bis 30-Jährigen

Voraussetzung zur Unterbrechung der Wildzirkulation ist eine hohe Durchimpfungsrate (1. Impfung > 95 %, 2. Impfung > 90 %). „In vielen Ländern Europas (außer Nordeuropa) sind die Durchimpfungsraten jedoch nicht ausreichend, um die Wildviruszirkulation zu unterbrechen. Daher sind wir immer wieder mit Masernausbrüchen konfrontiert“, bedauerte Holzmann. Laut WHO zählt Österreich mit der Schweiz und Deutschland zu den Top-ten-Ländern mit hohen Zahlen an Masern-Neuerkrankungen.

Während sich in Österreich die Durchimpfungsraten bei den Kleinkindern auf Grund der Impfprogramme bessern, bestehen noch immer große Impflücken bei den 15- bis 30-Jährigen. „Wenn wir das Ziel der Masernelimination bis zum Jahr 2015 erreichen wollen, brauchen wir eine Aufklärung der Bevölkerung in Bezug auf die Masernerkrankung und die Vermeidbarkeit durch Impfung, eine Erhöhung der Durchimpfungsraten und vor allem den politischen Willen zu zusätzlichen Impfkampagnen für junge Erwachsene“, so Holzmann.

 

Quelle: Pressekonferenz „Impfskepsis gefährdet die Volksgesundheit“, 5. April 2011, Wien

Impfaktionen 2011
Auch 2011 laufen wieder einige Impfaktionen. In den jeweiligen Aktionszeiträumen werden die Impfstoffe preisgünstiger angeboten.

Impfaktion gegen Meningokokken: 1. März bis 30. September

Impfaktion gegen Hepatitis: 1. April bis 31. Mai

Impfaktion gegen FSME: 1. Jänner bis 31. Juli

„Frisch dich auf“-Impfaktion für junge Erwachsene (Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung und Keuchhusten): 1. Mai bis 30. Juni.

Für Herbst werden wieder Impfaktionen gegen Pneumokokken und Influenza vorbereitet.

Von Dr. Friederike Hörandl, Ärzte Woche 15 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben