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Impfen 2. März 2011

Impfen – eine Frage der Motivation

Wiener Impftag 2011 zeigt Diskussionspunkte und Argumente

Im Gegensatz zu dem stark überarbeiteten Impfplan 2010 weist die Fassung für 2011 keine prinzipiellen Veränderungen auf. Lediglich Klarstellungen, Ergänzungen und zusätzliche Literaturangaben zu einzelnen Impfungen wurden in der aktuellen Version eingefügt, die Anfang Februar beim „Wiener Impftag“ unter Patronanz der Ärztekammer für Wien, in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Grünen Kreuz für Vorsorgemedizin präsentiert wurde.

Erweiterungen betreffen etwa Hepatitis B bei beruflicher Exposition, Influenza bei Kindern, Masern-Mumps-Röteln bei Erwachsenen, Meningokokken, Pneumokokken, Poliomyelitis und Titerbestimmungen. Grundsätzlich sollte die Grundimmunisierung bei Säuglingen und Kleinkindern rechtzeitig begonnen, nicht unnötig verzögert und zeitgerecht abgeschlossen werden, stellte Univ.-Prof. Dr. Ingomar Mutz zum Thema „Neuerungen im Impfplan 2011“ fest. Darüber hinaus ist aber bei jedem Arztkontakt und bei Patienten aller Altersstufen der Impfstatus zu erheben und sind gegebenenfalls Auffrischungsimpfungen vorzunehmen.

Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien, berichtete über „Impfungen bei Risikopatienten“. „Im Gegensatz zu den Impfempfehlungen bei gesunden Personen, die auf der Basis von prospektiven Studien zur Überprüfung von Immunogenität, Effektivität und Sicherheit beruhen, gibt es sehr wenige Impfstudien in Risikopatienten“, stellte Wiedermann-Schmidt fest. Die derzeit bestehenden Impfempfehlungen für Risikopatienten, wie Tumorpatienten, Autoimmunkranke oder Schwangere beruhen daher vorwiegend auf theoretischen Überlegungen bzw. einer geringen Datenlage von ausgesuchten Patientenkollektiven. Daher ist die Impfcompliance von Seiten der Patienten, aber auch der Ärzte, oftmals nicht sehr hoch, was eine generell schlechte Impfversorgung dieser besonders infektionsgefährdeten Risikopatienten zur Folge hat.

Die allergen-spezifische Immuntherapie, Hyposensibilisierung oder „Allergieimpfung“, die in diesem Jahr ihr 100-Jahr-Jubiläum begeht, ist neben der – oft nicht durchführbaren – Allergenkarenz die einzige kausale Therapieform von Allergien des Respirationstraktes, berichtete Univ.-Prof. Dr. Eva-Maria Varga, Graz. Sie ist klinisch effektiv, verhindert neue Allergensensibilisierungen und hat  das Potential, den „Etagenwechsel“ vom Heuschnupfen zum Asthma zu verhindern. Neben der bewährten subkutanen Applikationsform stehen auch sublinguale Anwendungsmöglichkeiten zur Verfügung, sowie seit kurzem die orale Tablette, die ebenfalls sublingual zum Einsatz kommt und eine Form der Immuntherapie für Gräserpollenallergiker darstellt. Ob die orale Gräsertablette bei Kindern mit Heuschnupfen, Asthma verhindern hilft, wird zurzeit in einer Multicenterstudie an mehr als 600 Kindern untersucht.

Die Rolle von Impferfolgsprüfungen stellte Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch zur Diskussion: „Titerprüfungen nach Impfungen sind bei Ärzten und bei Patienten sehr beliebt. Allerdings haben sie sehr viele Schwachpunkte und sind nur in den seltensten Fällen in der Lage über Art und Dauer des Schutzes nach einer Impfung mehr als eine grobe Orientierung zu geben.“ Zahlreiche Parameter, wie Testart, Blutabnahmezeitpunkt, Anzahl der vorhergegangenen Impfungen oder laborbedingte Testschwankungen relativieren die Aussagekraft deutlich. Ein kritisches Herangehen an Titerbestimmungen ist daher notwendig, um die Wertigkeit dieser Tests richtig einzuschätzen, betonte Kollaritsch.

Wirksamer Schutz vor Pneumokokken

Streptococcus pneumoniae ist nach wie vor der häufigste Verursacher ambulant erworbener Pneumonien, gefolgt von Influenza A-Viren und Mycoplasma pneumoniae. Besonders betroffen sind Kinder und ältere Erwachsene, was sich in der Anzahl der Hospitalisierungen infolge einer Pneumokokken-Infektion widerspiegelt. Bei Säuglingen und Kleinkindern manifestieren sich schwere invasive Pneumokokken-Erkrankungen in Form von Meningitis Sepsis. Gleichzeitig sind die durch Pneumokokken verursachten Erkrankungen die am wirksamsten durch Impfung zu verhindernden. Außerdem kann durch diese Impfung auch die Penicillinresistenz herabgesetzt werden, ein Umstand, der besonders in Ländern wie Spanien, Frankreich oder Griechenland eine besondere Rolle spielt. Hier liegen die Penicillin-Resistenzraten zwischen 25 und 50 Prozent. „Daraus erkennen wir den Stellenwert, den wir dieser Impfung zuweisen müssen“, betonte Prof. Dr. Egon Marth, Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin der Medizinischen Universität Graz.

Impfstoffe mit unterschiedlichen Angriffspunkten

„Polysaccharid-Impfstoffe und Konjugat-Impfstoffe“ verglich Marth hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Angriffspunkte: „Im Zusammenhang mit der Wirkungsweise von Polysaccharid-Impfstoffen und Konjugierten Impfstoffen ist die Unterscheidung der Thymus-abhängigen (TD) und der Thymus-unabhängigen (TI) Antigene entscheidend.“ Die Immunantwort beim Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff ist Thymus-unabhängig. Er erzeugt bei Kindern unter zwei Jahren keine Immunogenität, da bestimmte B-Zellen im Kleinkindesalter noch nicht vorliegen. Werden die Polysaccharide an Träger gekoppelt, also konjugiert, kann die Antikörperantwort verstärkt werden. Heute zur Verfügung stehende Trägerproteine sind beispielsweise Diphterietoxoid, Tetanustoxoide, CRM197, OMP oder ein rekombinantes Haemophilus-influenzae-b-Protein. Konjugierte Impfstoffe sind hoch immunogen und induzieren das immunologische Gedächtnis, auch des Säuglings. Daher können diese Impfstoffe ab dem zweiten Lebensmonat verabreicht werden und „Auffrischungsimpfungen“ sind möglich.

Argumente für die Influenza-Impfung

Für die Influenza Impfung gibt es, so Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Popp, zahlreiche sachliche Argumente. Allerdings lassen sich Laien davon selten überzeugen. Dazu kommt, dass Influenza-artige Erkrankungen häufig auftreten und die Differenzierung zur echten Influenza allein durch Beobachtung klinischer Symptome schwierig ist. Zu bedenken ist auch, dass eine Influenza nicht allein respiratorische Symptome verursachen kann: Das Virus kann auch Durchfälle verursachen. Eine Serologie wäre die einzige Methode, das Vorliegen einer echten Grippe zu bestätigen.

Kinder sind die Vektoren der Influenza: Sie erkranken und sorgen für die Ausbreitung. Erwachsene werden infiziert und erkranken zum Teil schwer. Zum Tod führen meist die Komplikationen der Influenza. Warum lassen sich Menschen also impfen? – Prophylaxe ist auf allen Gebieten eine Frage der Motivation. Daran mangelt es in Österreich: Die schwere Erkrankung, die Komplikation der Influenza sind für viele Erwachsene „weit weg“; sie fühlen sich nicht gefährdet. Eher noch sehen Menschen einen Sinn in Reiseimpfungen.

Der Einfluss der Medien ist im Zusammenhang mit der Influenza Impfung stark: Werden negative Vorbilder präsentiert, so führt dies zu Demotivation. Wird das Thema aber hochgespielt, erzeugt dies bei der Bevölkerung Panik. Popp: „Wir Ärzte müssen unsere Patienten überzeugen! Am besten dadurch, dass wir mit gutem Beispiel vorangehen: Selbstverständlich sind meine Familie und ich gegen Grippe geimpft!“ Auch sollte der Patient bedenken, dass durch die Influenza-Impfung viel Leid und Stress vermieden werden kann.

 

 

 

Der Österreichische Impfplan 2011 ist unter www.oegk.at im Internet zu finden.

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