zur Navigation zum Inhalt
© photos.com
Abb. 1: Im Impfbereich herrschen global krasse Asymmetrien und Defizite. Anerkennenswert sind die Abhilfe-Ansätze von UNO, NGOs, engagierten Ärzten und unter Druck auch die von Konzernen.
 
Impfen 21. September 2010

Ethische Aspekte des Impfens und der Impfverweigerung

Infektionskrankheiten sind global zu sehen, selektive Absicherungen unter Vernachlässigung der anderen reichen nicht mehr.

Impfungen sind eine wesentliche Säule der Vorsorge-Medizin und gehören zu den häufigsten medizinischen Maßnahmen überhaupt. Sie dienen sowohl dem Schutz der einzelnen Geimpften als auch dem Schutz der Bevölkerung. Die Impfzahlen haben in den letzten Jahrzehnten sehr stark zugenommen, und bei vielen früher häufigen Infektionskrankheiten mit gravierenden Konsequenzen wurden eindrucksvolle Reduktionen oder – bei uns – deren Verschwinden erreicht. Trotzdem gibt es – sogar verstärkt – Skepsis und Ablehnung gegenüber Schutzimpfungen.

Impfgegner und deren Motive

Von den Impfgegnern wird eingewendet, Impfen sei gefährlich, stifte mehr Schaden als Nutzen oder wäre überflüssig. Solche Positionen werden einerseits von Anhängern alternativer, radikal-ökologischer oder esoterischer Weltanschauungen und andererseits von bestimmten religiösen Strömungen vertreten. Die Begründungen sind unterschiedlich: Bei religiös motivierten Impfgegnern werden Krankheiten mehr oder weniger als Mittel göttlicher Führung, als Erziehung, Erprobung oder Züchtigung verstanden, die man anzunehmen habe, gegen die man sich nicht mit Impfungen abschirmen dürfe. Bei den Anhängern der angeführten alternativen Weltanschauungen steht hinter der Impfablehnung die Überzeugung, man habe sich in die unantastbaren Ordnungen und Rhythmen der Natur bzw. der kosmischen Kräfte einzufügen, der Mensch dürfe sich nicht darüber erheben, Impfungen wären nutzlose, störende, schädliche Eingriffe.

Ethische Perspektiven

Aus ethischer Perspektive ist dazu klarzustellen: Für den Mainstream christlich-theologischer Ethik ist es aufgrund des biblischen Gottes- und Menschenbildes nicht nur Recht, sondern Aufgabe der Menschen, ihr Leben und ihre Umwelt verantwortlich zu gestalten, dazu gehört die Vermeidung bzw. die Beseitigung vermeidbaren Leidens durch angemessene medizinische Maßnahmen wie Schutzimpfungen. Philosophisch-ethisch gibt es trotz unterschiedlicher Ansätze breiten Konsens darüber, dass wir Menschen offene Wesen mit Denk-, Innovations- und Entscheidungsfähigkeiten sind. Signifikant für die Neuzeit ist eine rasche Expansion des aktiven Forschens und Gestaltens mit dem Ziel einer Verbesserung der menschlichen Lebenschancen und Selbstbestimmung. Mit diesen Fähigkeiten ist – wie von Immanuel Kant unabweisbar klargestellt – die kategorische Pflicht eines verantwortlichen Gebrauchs dieser Potenziale verbunden. Freiheit legitimiert nicht Beliebigkeit und Willkür, die Kriterien des eigenen Handelns müssen allgemein zuträglich sein. Einstellungen und Handlungen, die sich oder andere Menschen, das Gemeinwohl und die Gerechtigkeit mehr als unvermeidlich beeinträchtigen, sind unverantwortlich.

 

Was ergibt sich daraus für unsere Thematik Impfen und Impfverweigerung? Ethik wie Medizin sind wechselseitig auf interdisziplinäre Kooperation angewiesen. Das Fachwissen über Krankheitsursachen, Wirksamkeit von Vorbeugungs- und Therapiemaßnahmen, Risiken und Nebenwirkungen hat die Medizin einzubringen. Kompetenz der Ethik sind gesamtmenschliche und geschichtlich-gesell- schaftliche Zusammenhänge und Handlungsorientierungen.

Konsequenzen

Die Konsequenzen von Unterlassen und Verhindern von Impfungen sind gravierend. So ist zum Beispiel in einer holländischen Region aufgrund religiös motivierter Impfverweigerung Streng-Reform- ierter die Kinderlähmung wieder ausgebrochen, aber auch die in manchen anthroposophischen Kreisen zugelassenen oder sogar provozierten Masern-Infektionen können schlimme Schäden verursachen.

Eine besondere Verantwortlichkeit besteht für Eltern und alle, die solche Entscheidungen für nicht oder nicht voll eigenverantwortungsfähige Kinder und Anvertraute zu treffen haben.

Bestmögliche Information

Für eine ethische Legitimierung von Impfverweigerung genügt nicht der Verweis auf Selbstbestimmung. Im geltenden Richtsatz „informed consent“ ist auf bestmögliche Information zu insistieren. Deshalb sind auf Seiten der Impfgegner wie auf medizinischer Seite Fakten und Argumente zu ausreichender Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Impfschäden und eventuelle Alternativen immer wieder mit größter Sorgfalt zu prüfen.

Leitlinie: Optimale Medizin

Eine Reihe von Standpunkten der Impfverweigerer ist nicht nachvollziehbar, manches mutet sektiererisch an. Doch die zunehmende Impfskepsis könnte nach der lange erfolgreichen expansiven Orientierung der Medizin auch ein Hinweis auf manche Frag-Würdigkeiten und auf notwendige Akzentverschiebungen zu mehr Aufmerksamkeit für Begrenztheiten, für sinnvolle Prioritäten und Proportionen beim medizinischen Einsatz sein, nach der Leitlinie „optimale Medizin statt – unter Ausblendung wesentlicher Zusammenhänge – maximaler Medizin“.

Konkret provozieren bspw. die Stoßrichtung mancher Impf-Kampagnen, die Prioritäten von Forschungsstrategien und die Dimensionierung der Marketing-Budgets großer Pharma-Konzerne den Verdacht, dass Ertragsinteressen zu sehr gegenüber medizinischen Zielsetzungen dominieren. Es geht hier nicht um plakative Polemik. Eine hoch entwickelte Medizin braucht für Forschung, Produktion und Anwendung große finanzielle Mittel. Angemessene Einkünfte bei wertvollen Leistungen sind ökonomisch wie ethisch in Ordnung. Aber überhöhte Erträge, Vergeudung und nicht nach medizinischen Prioritäten eingesetzte Mittel gehen zu Lasten von leidenden und gefährdeten Menschen und des Gemeinwohls, daran aber muss sich alles medizinische Handeln ausrichten und legitimieren.

Handlungsbedarf

Das ist mehr denn je im transnationalen und globalen Zusammenhang zu beachten. Beim Ausmaß globaler Berufs- und Freizeit-Mobilität, freiwilliger und unfreiwilliger Migration sind Infektionskrankheiten global zu sehen, selektive Absicherungen unter Vernachlässigung der anderen reichen nicht mehr. Forschung, Herstellung, Anwendung und Finanzierung von Schutzimpfungen sind entsprechend auszurichten. Tatsächlich herrschen aber global im Impfbereich krasse Asymmetrien und Defizite.

Anerkennenswert sind die Abhilfe-Ansätze von UNO, NGOs, engagierten Ärzten und unter Druck auch die von Konzernen. Aber über diese Ansätze hinaus besteht aus medizinischen, ethischen und ökonomischen Gründen dringender Handlungsbedarf. Die notwendigen Verbesserungen sind nicht einfach, aber mit vertretbarem Aufwand wären viele schwere Leiden, Einschränkungen und das Sterben vor der Zeit von Millionen Menschen deutlich zu verringern. Ist da bloßes „Achselzucken“ und Wegschauen verantwortbar?

 

1 Hon.-Prof. für „Ethik in Naturwissenschaften und Technik“ an der J. Kepler Universität Linz, Prof. für Wirtschaftsethik an der Ökonomischen Fakultät, em. Leiter des Lehrstuhls für Theologische Ethik und Sozialethik der Südböhmischen Universität České Budějovice/Budweis, Mitglied des AK Medizinethik der Medizinischen Gesellschaft für Oberösterreich.

Zur Person
Univ. Prof. Dr. Helmut Renöckl,
Honorarprofessor für Ethik in Naturwissenschaften und Technik an der J. Kepler Universität Linz und Professor für Wirtschaftsethik an der Südböhm Universität Ceske Budejovice/Budweis (bis 2008 Leiter des Lehrstuhls für Theolog. Ethik und Sozialethik), Mitglied der Medizinethik-Arbeitsgruppe der Medizinischen Gesellschaft für Oberösterreich, Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, rund 150 Publikationen.

Helmut Renöckl1, Pädiatrie & Pädologie 4/2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben