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Abb. 1: Im 20. Jahrhundert wurden die übertragbaren Krankheiten durch Impfprogramme deutlich zurückgedrängt, so dass manche impfpräventablen Erkrankungen in Europa kaum mehr vorkommen.
 
Impfen 21. September 2010

Impfen – Raten und Abraten

Die ersten Impfungen (gegen Pocken) wurden in Österreich im Jahr 1798 durch Dr. Peintinger in Leoben und im April 1799 (durch die aus Genua stammenden Ärzte Drs. De Carro, Peschier u. Ferro) durchgeführt. Die Pockenimpfung war damals die einzige verfügbare Impfung, und deren Durchführung war gesetzlich angeordnet, wobei medizinisch begründete Ausnahmen im Einzelfall möglich waren. Diese bisher einzige Impfverpflichtung hat nach der Erklärung der WHO über die weltweite Eradikation der Pocken am 8. Mai 1980 mit Wirksamkeit vom 31. Dezember 1980 ihre Gültigkeit verloren.

Für alle anderen Impfungen wurde in Österreich auf Grund des bis heute gültigen allgemeinen politischen Konsens nie eine gesetzliche Verpflichtung erlassen.

Die rechtliche Möglichkeit, dass für die Allgemeinheit schädigendes Gesundheitsverhalten auch durch Zwangsmaßnahmen beeinflusst werden kann, ist aber durch das Epidemiegesetz (§7 Absonderung Kranker) gegeben, bezieht sich aber nicht auf Impfungen. Der Rechtsstreit, ob Maßnahmen zur allgemeinen Gesundheitsförderung selbst bei eventuellen Nachteilen des Betroffenen auch gegen dessen Willen angeordnet und durchgeführt werden sollen, wurde in USA durch den Supreme Court of the United States in der Entscheidung Jacobson v. Massachusetts, 197 U. S. 11 (1905) am 20. Februar 1905 erstmals entschieden: Er bestätigte das Recht der Stadt Cambridge, Massachusetts, zur Impfung gegen Pocken zu verpflichten, und klärte damit, dass unter bestimmten Umständen der Gefährdung der öffentlichen Gesundheit die Rechte des Einzelnen nachrangig zu bewerten sind: „Auf Grundlage der Selbstverteidigung, von überragender Notwendigkeit, hat eine Gemeinschaft das Recht, sich selbst vor einer Krankheitsepidemie, welche die Sicherheit ihrer Mitglieder bedroht, zu schützen.”

Der Österreichische Impfplan

Im Österreichischen Impfplan wird ausdrücklich festgestellt: Entsprechend der UN-Konvention vom 20. Nov. 1989 haben Kinder das Recht auf beste Gesundheitsversorgung. Dazu gehört auch der Schutz vor Erkrankungen, die durch Impfung vermeidbar sind. Es ist eine ärztliche Verpflichtung, für einen ausreichenden Impfschutz der betreuten Personen (Patienten) zu sorgen. Ein Abraten von Impfungen ohne Kontraindikation durch Ärzte ist ein Verstoß gegen die Prinzipien der Evidence-basierten (= Beweis-gestützten) Medizin.

Impfprogramme

Im 20. Jahrhundert wurden die übertragbaren Krankheiten durch Impfprogramme deutlich zurückgedrängt, so dass manche impfpräventablen Erkrankungen wie z. B. Kinderlähmung oder Diphtherie in Europa kaum mehr vorkommen, in der Bevölkerung weitgehend unbekannt sind und auch nicht als Bedrohung gesehen werden. Damit hat die von wissenschaftlichen Daten überforderte und manchmal auch manipulierte Gesellschaft gerade in den Ländern mit hervorragendem Gesundheitsdaten zu einer in gehobenen Bildungsschichten verbreiteten Impfskepsis geführt, welche zunehmend auch sinnvolle Impfprogramme, wie die Elimination der Masern, in Frage gestellt und gefährdet. Während in der medizinischen Gemeinschaft die beweisgestützte Medizin (evicence based medicine = EBM) gefördert und gefordert wird, bedient sich die Allgemeinheit in enormen Ausmaß antiquierter und/oder esoterischer Methoden der Krankheitsvorbeugung und –behandlung.

Legislatur in Österreich

Der Gesetzgeber hat zwar zur Gesundheitsprävention gesetzliche Regelungen, wie Sturzhelmpflicht für Motorradfahrer und Gurtenpflicht für Autofahrer, aber ungeachtet häufiger Krankheiten (und seltener Todesfälle) durch impfpräventable Erkrankungen (z. B. Hepatitis, Masern, Meningokokken etc.) in Österreich keine diesbezüglichen verpflichtenden Maßnahmen ergriffen. Leider gibt es auf dem Gebiet der Impfungen auch keine bundesweiten, offiziellen Informationskampagnen. Sollte sich die Situation mit der manchmal zu Unrecht als zufriedenstellend angesehenen Seltenheit an Erkrankungs- und Todesfällen z. B. durch eine weltweite Pandemie mit hoher Sterblichkeit plötzlich und drastisch ändern, wäre bei Verfügbarkeit einer wirksamen Schutzimpfung ein Einschreiten des Gesetzgebers denkbar, möglich und wünschenswert.


Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Ingomar Mutz
Vorsitzender der Impfkommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und
Präsident des Österreichischen Grünen Kreuzes für Gesundheit

Univ.-Prof. Dr. Ingomar Mutz, 1 Vorsitzender der Impfkommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

, Pädiatrie & Pädologie 4/2010

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