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Impfen 15. Juni 2010

Smarte Impfstoffe aus Österreich

Intercell: Vom Spin-off zum erfolgreichen Biotech-Unternehmen.

Intelligente Impfstoffe sind das Spezialgebiet des börsenotierten österreichischen Biotech-Unternehmens Intercell AG. Was als Spin-off der Universität begann, stellt heute einen erfolgreichen, weltweit agierenden Konzern dar, der als innovativer Entwicklungspartner der Pharmabranche sehr gefragt ist.

 

„Smart Vaccines“ bestehen nur aus den nötigsten Inhaltsstoffen und sind in der Lage, beide Seiten des Immunsystems zu stimulieren: T- und B-Zellen. Das erste Produkt auf dem Markt ist der Impfstoff Ixiaro®/Jespect® gegen Japanische Enzephalitis, die in ihrer Verbreitung und Gefährlichkeit der europäischen FSME vergleichbar ist. Am häufigsten erkranken Bewohner ländlicher Regionen – insbesondere Kinder. Das Virus bedroht aber auch Millionen Reisende und Militärbedienstete, die in asiatischen Ländern ihren Dienst versehen. In den USA, Europa, Kanada und Australien ist der Impfstoff bereits zugelassen.

Pflaster statt Nadel

Derzeit befindet sich ein neuartiges, nadelfreies Impfpflaster gegen Reisedurchfall in einer Phase-III-Studie. Die Krankheit entsteht durch die bakterielle Verschmutzung von Nahrung und Wasser. Jährlich besuchen 55 Millionen Reisende endemische Gebiete, 20 Millionen erkranken dabei an Reisedurchfall. Neben dieser Personengruppe sterben jährlich bis zu 350.000 Kinder in Entwicklungsländern an den Auswirkungen von Reisedurchfall. Ebenfalls in der Pipeline befindet sich ein Pflaster gegen pandemische Grippe, das die Immunantwort auf bestehende, injizierte Impfstoffe verstärken soll.

„Beim Impfstoffpflaster sind wir weltweit führend. Neben einer guten Verträglichkeit sehen wir auch Potenzial zur Einmalverabreichung von Impfstoffen sowie die mögliche Lagerung bei Zimmertemperatur. Last but not least ist die Verabreichung schmerzfrei“, so Intercell-Vorstandsvorsitzender (CEO) Gerd Zettlmeissl über die Vorteile der innovativen Vakzination.

Internationale Pharmakonzerne stehen auf Intercell

Das Geschäftsmodell von Intercell unterscheidet sich diametral von anderen Unternehmen der Biotech- und Pharmabranche. Das Risiko und die Entwicklungskosten werden durch eine große Entwicklungspipeline und viele namhafte, internationale Kooperationspartner deutlich reduziert. „Selbst wenn nur ein Teil unserer Produktentwicklungen Marktreife erreicht, ist vieles möglich“, so Zettlmeissl.

1997 als Spin-off der Universität Wien gegründet, agiert der Konzern heute mit den Top-Playern auf Augenhöhe. So sind Novartis, GlaxoSmithKline (GKS), Merck & Co sowie sanofi-aventis strategische (Kooperations-)Partner, die Intercell im Bereich Forschung und Entwicklung, Vertrieb und mit finanziellen Beteiligungen unterstützen.

Intercells Impfstoff gegen Staphylokokkus aureus wird gemeinsam mit Merck & Co entwickelt und befindet sich in der klinischen Phase II/III-Studie. Dieses Bakterium ist einer der häufigsten Verursacher von nosokomialen Infektionen. Die Symptome reichen von unbedeutenden Hautinfektionen bis zu folgenschweren, tödlichen Knocheninfektionen, Infektionen der inneren Organe oder des Blutes. Viele S.aureus-Bakterien sind gegen Antibiotika resistent. Im Tiermodell deckte der Impfstoffkandidat auch Methicillin-resistenten Staphylokokkus aureus (MRSA) ab.

Ebenfalls mit Merck entwickelt Intercell einen Impfstoff gegen durch Gruppe A Streptokokkus (GAS) verursachte Infektionen. Der Impfstoff basiert auf von Intercell entdeckten Antigenen und befindet sich derzeit in der präklinischen Entwicklung. GAS ist ein Bakterium, das Infektionen hervorruft, die von leichten Rachenentzündungen bis zu rheumatischem Fieber und Zerstörung von Muskel-, Fett- und Hautgewebe führen können.

Vertriebspartner Novartis

Gemeinsam mit Novartis arbeitet Intercell an einem Impfstoff gegen die saisonale Grippe. Dabei wird das Intercell-Adjuvans IC31® in Kombination mit dem saisonalen Grippeimpfstoff von Novartis getestet. Laut WHO werden jährlich 250.000 bis 500.000 Todesfälle mit Grippe in Verbindung gebracht, etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung erkranken jährlich an Grippe. Neben dieser Zusammenarbeit übernimmt Novartis den Vertrieb des Impfstoffes gegen die Japanische Enzephalitis in Europa, den USA und Kanada.

Sanofi-aventis kauft Vermarktungsrechte

Gemeinsam mit dem Statens Serum Institut (SSI) in Dänemark, sanofi-aventis und der Aeras Tuberculosis Foundation arbeitet Intercell an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Tuberkulose. Insgesamt sterben jährlich 1,5 Millionen Menschen an den Folgen dieser Krankheit, bei HIV-Positiven ist Tuberkulose die häufigste Todesursache. Der derzeit zugelassene Impfstoff wird Neugeborenen verabreicht und bietet bis zu 15 Jahren Schutz. Eine neuerliche Impfung gewährleistet jedoch keinen ausreichenden Schutz. Daraus resultiert der große Bedarf nach einem wirksameren Impfstoff.

Strategische Partnerschaft mit Boehringer

Mit Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH schloss Intercell kürzlich eine weltweite Options- und exklusive Lizenzvereinbarung ab. Demnach erhält Boehringer die Nutzungsrechte für bestimmte Antigene, die durch das Antigen-Identifikations-Programm (AIP®) von Intercell identifiziert wurden. Diese Antigene sollen der Entwicklung von Tierimpfstoffen dienen.

Des Weiteren hat sich Intercell im Mai mit Cytos Biotechnology Ltd auf den Ankauf der Technologieplattform von Cytos zur Identifizierung von monoklonalen Antikörpern geeinigt. Diese Technologie, die auf der direkten Selektion humaner B-Zellen basiert, ermöglicht eine Identifizierung anti-infektiver Antikörper und ergänzt die bestehende Technologieplattform von Intercell

 

Zum Interview mit Gerd Zettlmeissl, CEO Intercell, zum Impfstoff gegen die Japanische Enzephalitis. 

Facts & Figures
Intercell wurde 1997 als Spin-off der Uni Wien gegründet. Die Zentrale befindet sich am Campus Vienna Biocenter in Wien Landstraße. Hier finden sich Abteilungen für Forschung und Entwicklung, Administration, Finanzen sowie Marketing & Sales. Seit der Gründung 1997 ist das Unternehmen nachhaltig gewachsen, seit 2005 notiert es an der Wiener Börse. 81,9 Prozent der Aktien befinden sich in Streubesitz, 14,9 Prozent entfallen auf Novartis, GKS hält 1,9 Prozent. Insgesamt beschäftigt der Konzern mit Niederlassungen in Livingston (Schottland) und Gaithersburg (USA) etwa 400 Mitarbeiter, davon 220 in Wien.
Kennzahlen 1. Quartal 2010 (in Mio. Euro):
• Umsatz: 4,8
• Periodenfehlbetrag: 14,7
• Aufwand für Forschung und Entwicklung: 17,9
• Finanzergebnis: 0,3
• Liquide Mittel: (31. März 2010) 158,2

Von Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 24 /2010

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