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Infektiologie 18. Juli 2007

Mit Windeln nicht in die Tropen

„Eltern sollen bei der Reiseplanung die Regeln des gesunden Menschenverstandes einhalten und nicht aus persönlichen Gründen die Bedürfnisse des Kindes ignorieren“, betonte Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Zentrum für Reisemedizin in Wien, anlässlich der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach am Wörthersee zum Thema Reisemedizin. Schließlich scheitert ja auch der Urlaub der Eltern, wenn ihr Kind krank wird.

„Von wesentlicher Bedeutung ist das Alter der Kinder, dementsprechend sind auch die Empfehlungen in drei Altersgruppen aufgegliedert“, erklärte Reisemediziner Kollaritsch: Kinder bis zum vollendeten ersten Lebensjahr; Kinder vom zweiten Lebensjahr bis zum Volksschulalter; und Schulkinder und Jugendliche.
Grundsätzlich ist, so der Spezialist, davon abzuraten, mit Kindern unter einem Jahr in Gebiete zu fahren, wo keine solide medizinische Versorgung möglich ist. Die Verdauung ist in dieser Lebensphase noch sehr labil, jede Infektion führt über eine Stoffwechselstörung zu einer Dyssynergie des Verdauungstrakts in Form einer Hyperperistaltik. Die höheren Lufttemperaturen in südlichen Ländern bewirken ein längeres Verweilen der Speisen in Magen und Dünndarm. Jede Ernährungsstörung birgt bei kleinen Kindern die Gefahr einer Infektion, die bis zur Toxikose führen kann. Nicht zuletzt muss bedacht werden, dass bei Kindern vor Vollendung des ersten Lebensjahres ein optimaler reisemedizinischer Schutz im Sinne von Impfungen nicht möglich ist. Es sind ja in diesem Lebensalter viele übliche Kinderimpfungen noch nicht vollständig, sogar hinsichtlich der Basis­impfung ist nur ein teilweiser Schutz gegeben. Daraus ergibt sich zwingend der Schluss, dass in diesem Lebensalter nur westeuropäische Länder, einschließlich Griechenland, in Frage kommen.

Hygiene bei Nahrung und Umwelt beachten

Aber auch für Kinder bis zum Volksschulalter ist von einer Reise in Länder mit niedrigem Hygienestandard abzuraten, weil sie dazu neigen, alles in den Mund zu stecken und vor allem auch Tiere angreifen, die Tollwut haben könnten. Der kindliche Stoffwechsel ist zudem noch sehr labil. Für den Arzt bedeutet es eine große Verantwortung, den reisefreudigen Eltern klarzumaschen, dass auch in diesem Alter oft nicht vorhersehbare Gefahren für ihr Kind bestehen – ganz abgesehen von der in dieser Altersklasse besonders großen Unfallgefahr. Qualitätsvolle Clubs mit Kinderbetreuung bieten hier eine gewisse Erleichterung. Kinder ab dem dritten Lebensjahr können bereits alle erforderlichen Reiseimpfungen erhalten und auch banale Infekte besser bewältigen.

Sonnenschutz, Insektenschutz

Vor dem Antritt der Reise sollen alle Impfungen laut Impfplan 2007 kontrolliert werden. „Ab dem zweiten Lebensjahr wird insbesondere eine Rotavirusimpfung – neu seit Mai 2006 – generell empfohlen, die Wahrscheinlichkeit, in diesem Alter eine Infektion zu erwerben, ist extrem hoch“, betonte Kollaritsch.
Eine besondere Aufmerksamkeit muss dem Sonnenschutz gewidmet werden – Sonnenbrände im Kindesalter können im Erwachsenenalter zu Hautkarzinomen führen, „die Haut hat ein gutes Gedächtnis“, sagen die Dermatologen. Es gibt speziell für Kinder entwickelte Sonnenschutzmittel, die gut verträglich sind und in ausreichender Dicke und Häufigkeit aufgetragen werden sollten. Ebenso wichtig ist der Insektenschutz: Kleidung, Moskitonetz und Repellents helfen. Für Kleinkinder gibt es spezielle Galenika, beispielsweise das ExoPic 8 Kids Spray als alkoholische Lösung mit zehn Prozent, EBAAP ist für Kinder ab einem Jahr besonders gut geeignet. Die Wirkungsdauer beträgt acht Stunden bei Stechmücken und vier Stunden gegen Zecken, Bremsen und Milben.

Schulkinder – Familienurlaub ohne Stress

Die reisemedizinische Vorbereitung von Schulkindern und Jugendlichen ist im Wesentlichen bereits jenen der Erwachsenen gleichzusetzen. Grundsätzlich bestehen in diesem Alter auch keine Einschränkungen mehr bei der Auswahl des Reiseziels, allerdings sollten Destinationen mit sehr großen Anforderungen an den Organismus gemieden werden. Beispielsweise extreme Höhenlagen wegen der Vasolabilität der Jugendlichen, belastende Safaris oder schwierige Treckingaufenthalte.
Gerade bei Kindern im Schul­alter sollten Ärzte auf die Wichtigkeit der lege artis vorgenommenen spezifischen Prophylaxemaßnahmen hinweisen. Immer wieder wird in den Schulen nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub eine Häufung von Hepatitis-A-Fällen als Folge der nicht durchgeführten Hepatitis-A-Prophylaxe beobachtet. „Die Unterlassung dieser Impfung ist besonders verantwortungslos, weil dadurch nicht nur das eigene Kind an einer vermeidbaren Infektion erkranken kann, sondern auch die Mitschüler betroffen werden können“, betont dazu Kollaritsch. Übrigens ist die Hepatitis-A-Ansteckungsgefahr in der Türkei ebenso hoch wie etwa in Mexiko.
Die Vorbereitungen sind jedenfalls sehr vielfältig und umfangreich. Gerade der Kinderarzt wird daher oft mit der Frage konfrontiert, inwieweit es möglich und sinnvoll ist, Kinder auf Fernreisen mitzunehmen. „Diese Problemstellung ergibt sich vor allem im Hinblick auf die erforderlichen Impfungen und die Notwendigkeit einer Malariaprophylaxe, also Maßnahmen, von denen angenommen wird, dass sie für Kinder belastend sind. Dazu ist aber zu bemerken, dass spezifische Vorbeugungsmaßnahmen für den gesunden kindlichen Organismus sicher keine außergewöhnliche Belastung darstellen“, sagte Kollaritsch.

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