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Infektiologie 19. Juli 2007

Das Glück des Tüchtigen (Narrenturm 107)

Die historischen Pestpräparate im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum erinnern nicht nur an die Laborpestfälle in Wien, die 1897 die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten, sondern auch an einen Jahrzehnte dauernden Prioritätenstreit um die Entdeckung des Pest-Bakteriums.

 Lymphknoten im Halsbereich
Lymphknoten im Halsbereich. Präparat aus dem Narrenturm.

Foto: Regal/Nanut

Es gibt wohl kaum eine Krankheit, die sich so sehr ins Unterbewusstsein der Menschheit eingebrannt hat wie die Pest. Kein anderes Leiden ängstigt auch heute noch die Menschen derart – obwohl es wirksame Antibiotika gibt. Nicht zu Unrecht. Die Pest gehört noch immer zu den gefürchtetsten Infektionskrankheiten weltweit. In zumindest drei historisch belegten Pandemien – die so genannte Pest des Justinian im 6. Jahrhundert nach Christus, in der Mitte des 14. Jahrhunderts die große europäische Pestepidemie und im 19. Jahrhundert die Pest in Asien, die „Hongkong Pest“ – forderte der „Schwarze Tod“ weltweit mehr als 100 Millionen(!) Opfer.

Die Charakteristika der Pest: unberechenbar und unheilbar

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren weder der Erreger noch der Übertragungsweg der Seuche bekannt. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Pest wieder einmal in Asien wütete und auch die Drehscheibe des internationalen Seehandels Hongkong erreichte, wurden auch die Europäer unruhig. Die engen Handelsbeziehungen mit Asien und die durch Dampfschiffe und Eisenbahn bedeutend „kleiner“ gewordene Welt bewirkten, dass mehrere europäische Regierungen Forscherteams nach Asien schickten, um mit den neuesten wissenschaftlichen Methoden diese Geißel der Menschheit systematisch zu erforschen. Die Pest war, was sie seit Jahrhunderten war: unberechenbar und vor allem unheilbar. Mehr als dass sie in Epidemien auftrat, ansteckend war und zumeist tödlich verlief, wussten damals auch die bedeutendsten Forscher nicht.
Das bakteriologische Institut in Paris – seit 1888 nach Louis Pasteur benannt – schickte 1894 den jungen Schweizer Tropenarzt und Bakteriologen Alexandre Yersin (1863–1943) nach Hongkong, um den Erreger der Pest zu suchen. Drei Tage vor Yersin traf der von den Engländern gerufene japanische Bakteriologe Shibasaburo Kitasato (1852–1931) mit seinem Team in Hongkong ein. Er belegte sofort alle Räumlichkeiten im Hospital von Kennedy Town, betrachtete Yersin als gefährlichen Rivalen und boykottierte ihn. Kitasato lehnte es ab, mit dem Konkurrenten aus Frankreich zusammenzuarbeiten und weigerte sich sogar, mit Yersin zu sprechen. Weil alle Räume im Hospital von Engländern oder Japanern belegt waren, musste Yersin mit einem winzigen Labor in einer Ecke des Treppenhauses vorlieb nehmen. Da Kitasato auch alle Leichen für sein Team beanspruchte, erhielt Yersin keine Genehmigung für Autopsien. Er musste Leichenträger bestechen, um Material für seine Untersuchungen zu haben. In einem Keller, in dem die Toten einige Stunden aufgebahrt waren, ehe man sie auf einem Friedhof verscharrte, schnitt er heimlich Pestbeulen aus den Leichen. Erst nach Protesten des französischen Konsuls beim englischen Gouverneur beendeten die Engländer den Boykott und Yersin konnte endlich offiziell beliebig viele Pestleichen obduzieren. Überraschenderweise gelang es ihm, in nur einer Woche den Pesterreger aus den Lymphdrüsenpaketen der Leichen einwandfrei zu identifizieren, Kulturen anzulegen und die Infektiosität des gefundenen Keimes an Meerschweinchen zu beweisen. Einige Tage vorher hatte auch Kitasato einen Bazillus im Blut entdeckt, den er übereilt als den Pesterreger bezeichnete. Der Streit, wer den Keim nun wirklich als Erster entdeckt hat, wurde jahrzehntelang geführt.

Kurz und gedrungen, mit abgerundeten Enden

Ältere medizinhistorische Arbeiten nannten beide Forscher als Entdecker und der Erreger wurde auch vereinzelt „Kitasato-Yersin-Bazillus“ genannt. Tatsache ist, dass Yersins klassische Beschreibung des von ihm entdeckten Keims – „kurze gedrungene Bazillen mit abgerundeten Enden, die sich leicht mit Anilinfarben einfärben lassen, nicht aber nach der Gram-Methode“ – der auch heute noch gültigen Definition des Pestbazillus entspricht. Kitasatos Keim weicht dagegen deutlich davon ab. Besonders die typische und einfach durchzuführende Gram-Färbung – der Pestbazillus ist eindeutig gramnegativ – bereitete dem Japaner, immerhin einer der besten und erfahrensten Bakteriologen seiner Zeit, bei seinem Keim aber gröbere Schwierigkeiten. Man nimmt daher heute an, dass Kitasato möglicherweise ganz andere Erreger – vielleicht Pneumokokken – isoliert hatte.
Sein überaus einfaches und primitives Labor scheint Alexandre Yersin Glück gebracht zu haben. Da er keinen Brutschrank hatte, musste er seine Kulturen bei Raumtemperatur – im Juni in Hongkong etwa 27 Grad Celsius – anlegen und arbeitete so bei Temperaturen, die, wie man heute weiß, für Pestbazillen ideal sind. Kitasato, der vorwiegend Blut untersuchte, hatte einen auf die damals üblichen 37 Grad eingestellten Brutschrank zur Verfügung. Heute weiß man, dass es eben Pneumokokken sind, die im Blut eher bei 37 Grad wachsen, während Pestbakterien sich besser bei Temperaturen unter 30 Grad entwickeln.

Tragischer Irrtum

Die bessere Ausrüstung wurde Kitasato hier zum Verhängnis. Auch später behauptete er noch, dass „sein“ Pestbazillus grampositiv sei. Ein tragischer Irrtum eines großen Pioniers der medizinischen Bakteriologie. Heute ist allgemein anerkannt, dass der Bazillus, den Yersin entdeckte und kultivierte, ohne Zweifel der Pesterreger ist. Ihm zu Ehren erhielt der bis dahin als Pasteurella pestis bezeichnete Keim 1964 nach den üblichen terminologischen Regeln den Namen Yersinia pestis.
Vier Jahre nach Yersins Entdeckung konnte der Franzose Paul-Louis Simond (1858–1947) beweisen, dass der Pesterreger durch Rattenflöhe übertragen wird. So gelang es, innerhalb von ein paar Jahren ein Geheimnis zu lüften, das die Menschheit seit Jahrhunderten in Angst und Schrecken versetzte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 28/2007

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