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Infektiologie 13. Dezember 2007

Vitrinen voller Bakterien (Narrenturm 124)

Im Jahr 1889 gründete Franz Král (1846-1911), Honorardozent für „Bakterioskopie und bakteriologische Technik“ an der k.k. deutschen technischen Hochschule zu Prag das „Král’sche Bakteriologische Museum“. Eine Einrichtung, die in der Welt der sich gerade entwickelnden Mikrobiologie größtes Ansehen genoss. Im Jahr 1945 wurde die Sammlung, die nach dem Tod Králs nach Wien übersiedelte, in den Wirren der letzten Kriegstage fast völlig zerstört.

 Bild
Links: Franz Král, Honorardozent für „Bakterioskopie und bakteriologische Technik“ an der k.k. deutschen technischen Hochschule zu Prag.
Rechts: Ausstrichpräparat(e) mit dazugehörigem Dia.

Foto: Regal/Nanut

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts veränderte eine Revolution – ein in der Medizin eigentlich recht seltenes Ereignis – das gesamte Ideengebäude der Medizin: die Bakteriologie. Endlich gab es etwas, womit man die oft Jahrhunderte lang kontrovers diskutierten Ursachen von Krankheiten erklären konnte. Die Ätiologie einer Krankheit war bis dahin ja eine der zentralen und unbeantworteten Fragen der Heilkunde. Zwar sprach bereits Girolamo Fracastoro im Jahr 1556 von „Krankheitssamen“, die durch Wind oder Kontakt mit einem infizierten Gegenstand übertragen wurden, und das Mikroskop bewies später auch das Vorhandensein kleinster, zappelnder, dem menschlichen Auge unsichtbarer Tierchen, aber konnten diese „Animalcula“ tatsächlich für bestimmte Krankheiten verantwortlich sein?

Die Anfänge der Bakteriologie

Ein Zusammenhang wurde gelegentlich zwar vermutet, konnte aber erst im Jahr 1876 bewiesen werden. Robert Koch entdeckte, dass Bakterien die Krankheitsursache für den Milzbrand (Bacillus anthracis) sind. Dies gilt heute als Geburtsstunde der Bakteriologie. Der Anstoß kam aber von Louis Pasteur, der bereits 20 Jahre zuvor entdeckt hatte, dass Mikroorganismen für Gärungsvorgänge verantwortlich sind. Nach der Entdeckung des Milzbrandbazillus ging es Schlag auf Schlag. Innerhalb kurzer Zeit gelang es, die Ursache vieler Infektionskrankheiten zu ergründen und aufsehenerregende Erfolge in der Bekämpfung von Seuchen zu erzielen: Neisser beschrieb 1879 die Gonokokken (Neisseria gonorrhoeae), Carl Joseph Eberth entdeckte 1880 die Typhusbakterien (Salmonelle typhi), Koch isolierte 1882 noch den Erreger der Tuberkulose (Mycobakterium tuberculosis) und ein Jahr später den Erreger der Cholera (Vibrio Cholerae), Friedrich Löffler, Kochs Schüler, beschrieb 1884 den Erreger der Diphtherie (Corynebakterium diphtheriae), Arthur Nicolaier fand 1885 den Erreger des Wundstarrkrampfes (Clostridium tetani) und Alexandre Yersin isolierte 1894 in Hongkong den Erreger der Pest (Yersinia pestis), um nur einige zu nennen.

Králs bakteriologisches Museum

Am Ende dieser „20 goldenen Jahre der Bakteriologie“ eröffnete Král sein bakteriologisches Museum. Die Bakteriologie war zwar noch eine recht junge Wissenschaft, aber Králs Technik zur Herstellung und Konservierung von Bakterienstämmen auf festen Nährböden war bereits ausgereift. Král verkaufte auch Kolonien von Mikroorganismen und lebenden Reinkulturen. Seine Kollektion und sein Laboratorium waren in der Fachwelt weithin bekannt. Lieferbar waren nicht nur Mikroorganismen aus der Humanpathologie. Král bot auch veterinärpathologische Stämme, Bakterien für das Gärungsgewerbe – Brauereien, Essigfabriken und Weinproduktion – und ausgefallene Bakterien für wissenschaftliche Forschungseinrichtungen an. Tatsächlich hatte er Leuchtbakterien, Insekten tötende Mikroorganismen und sogar Mikroorganismen aus der Südpolregion in seiner Sammlung. Für den Unterricht konnten Kolonien von Mikroorganismen auf festen Nährböden und das dazugehörige mikroskopische Bild im Ausstrichpräparat als Foto oder Diapositiv erworben werden. Weiter bot er Eprouvettenkulturen für Lehrsammlungen, Wandtafeln und gefärbte oder ungefärbte mikroskopische Präparate an. Als besonders originell galten seine „Strichkulturen auf Gelatine und Agar in flachen Reagenzröhrchen, die in ihrer ganzen Ausdehnung mikroskopisch untersucht werden konnten“.
Wegen seines „vorgerückten“ Alters – immerhin war er bereits 64 Jahre alt – wollte Král 1910 sein „Weltlaboratorium im wahrsten Sinn des Wortes, samt der einzig dastehenden Sammlung, seinem unerschöpflichen Studienmaterial und eigenen unerreichten Methoden“ an einen tüchtigen Bakteriologen, bevorzugt in eine der Weltstädte Berlin, London oder New York, abgeben. Sein Wunsch ging nicht ganz in Erfüllung. Nach seinem Tod kam die Sammlung 1911 in eine andere – damals tatsächlich – medizinische Weltstadt: nach Wien, in das „Staatliche Serotherapeutische Institut“, wo sie von Prof. Dr. Rudolf Kraus und Doz. Dr. E. Pribam betreut und trotz erheblicher Schwierigkeiten im Ersten Weltkrieg beträchtlich erweitert wurde. Beide Pathologen erhielten später ehrenvolle Berufungen ins Ausland. Das Schicksal der Sammlung nach der Ausreise von Pribam und später Kraus ist bis heute nicht ganz geklärt. Sicher ist, dass große Teile der vermutlich über 5.000 Stämme zählenden Sammlung 1945 im Hof des Wiener Hygieneinstituts von russischen Soldaten, aus Unkenntnis und vermutlich auch Angst, zerschlagen und in einen Kanal geschüttet wurden. Das wenig ruhmreiche Ende einer in Fachkreisen einst weltbekannten und wichtigen Sammlung. Einige „überlebende“ Objekte des „Král’schen Bakteriologischen Museums“ können noch in einer Vitrine des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums im Narrenturm studiert werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 50/2007

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