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Infektiologie 1. Februar 2007

Ein Virus als Überlebenskünstler (Narrenturm 84)

Das Virus trotzt Austrocknung, Kälte und hohen Salzkonzentrationen – manchmal sogar monatelang. So kann es selbst durch Autoreifen übertragen werden. Die Maul- und Klauenseuche, mit Ausnahme von Nordamerika, Australien und Neuseeland weltweit verbreitet, ist dort, wo sie auftritt, eine veritable Plage. Österreich gilt seit dem letzten Ausbruch 1981 als seuchenfrei.

Die Blasen, Aphten und Erosionen auf den Moulagen der Rindermäuler, Schweinerüsseln und Klauen im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum sehen eigentlich gar nicht so spektakulär aus. Dennoch sind sie die charakteristischen Symptome einer der am schwierigsten zu bekämpfenden Viruserkrankungen landwirtschaftlicher Nutztiere: der Maul- und Klauenseuche (MKS). Durch ihren üblicherweise verheerenden Verlauf richtet sie oft immensen Schaden an.
Viele werden sich noch an die Warnplakate und Seuchenteppiche auf den Flughäfen und die grauenhaften Bilder von Massenverbrennungen der Kadaver ganzer Rinderherden in Großbritannien erinnern, die im Jahr 2001 über unsere Bildschirme flimmerten. 6,5 Millionen Tiere mussten damals im Vereinigten Königreich getötet werden.

Erstes nachgewiesenes Virus

In Österreich trat die für Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und andere Klauentiere hochgradig ansteckende Viruserkrankung zum letzten Mal 1981 auf. Seit damals gilt Österreich als seuchenfrei.
Der Erreger der Krankheit ist ein Picornavirus, das in sieben Typen mit etwa 50 Subtypen vorkommt. Da zwischen den einzelnen Virustypen und Subtypen nur eine geringe Kreuzimmunität besteht, ist eine prophylaktische Impfung nicht erfolgversprechend und auch nicht sinnvoll.
Die Seuche ist mit Ausnahme von Nordamerika, Australien und Neuseeland weltweit verbreitet. Entdeckt wurde das Virus Ende des 19. Jahrhunderts durch den Bakteriologen Friedrich August Johannes Loeffler (1852–1915), einem Schüler Robert Kochs. Zusammen mit Paul Frosch (1860–1928) beschrieb er erstmals den Erreger der Maul- und Klauenseuche als ein infektiöses Agens, das wesentlich kleiner als ein Bakterium ist. Damit ist es das erste in der Tierwelt nachgewiesene pathogene Virus. ­Loeffler wurde mit dieser Entdeckung zu einem Begründer der Virologie.
Das MKS-Virus ist unter natürlichen Bedingungen lange infektionsfähig und gegen Austrocknung, Kälte und hohe Salzkonzentrationen weitgehend resistent. In Rohmilch und ungenügend erhitzten Milchproduk­ten, Pökelfleisch und Gefrierfleisch bleibt es sogar monatelang infektiös. Es kann durch Fleisch, Milch, Häute, Felle, Trophäen, aber auch über Kleider, Schuhe, Autoreifen und andere Gegenstände übertragen und verbreitet werden.

Behandlung verboten

Die Tiere können nach überstandener Krankheit bis zu zwei Jahren Virusausscheider bleiben. Eine Behandlung ist nach dem Tierseuchengesetz verboten. Im Seuchenfall kommt daher nur die Keulung, das Töten aller Klauentiere im Umfeld des erkrankten Tieres („stamping out“) und der streng überwachte Abtransport mit seuchensicheren Fahrzeugen zur Tierkörperverwertung in Frage. Umfangreiche generelle Sperrmaßnahmen für den Handel mit Klauentieren und deren Produkten werden zusätzlich sofort veranlasst.
Für den Menschen ist die Krankheit aber weitgehend ungefährlich. Vereinzelt beschriebene Erkrankungsfälle traten praktisch nur bei Personen auf, die intensiven Kontakt mit erkrankten Tieren hatten. Bei den Betroffenen kam es zunächst zu unspezifischen grippeartigen Beschwerden.

Schmerzhafte Blasen

Im weiteren Verlauf treten an der Eintrittspforte – meist an den Lippen, der Mund- und Rachenschleimhaut sowie an Händen und Füßen – unangenehme schmerzhafte Pusteln und Blasen auf. Die Erscheinungen heilen üblicherweise nach einigen Tagen ab. Schwere oder gar tödliche Verläufe kommen beim Menschen nicht vor. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist ebenfalls nicht bekannt.
Obwohl für den Menschen kaum gefährlich, kam die MKS im Zweiten Weltkrieg – zumindest experimentell – als Biowaffe zum Einsatz. Hitler wollte England flächendeckend mit der Seuche überziehen und damit die Nahrungsversorgung der Insel lahmlegen. Der Plan gelangte allerdings nie zur Ausführung, da die Nazis keine sichere Methode fanden, um die Viren über England zu versprühen.
Eine kuriose Geschichte war der BBC im Jahr 2001 während der großen MKS-Epidemie eine Meldung wert: Allem Anschein nach war es die Maul- und Klauenseuche, die „Außerirdische“ von ihrer geheimnisvollen Arbeit auf Englands Kornfeldern abhielt. Während der umfangreichen Sperren der Feldwege und anderen Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche im Süden Englands tauchte dort, anders als in anderen Jahren, nur ein einziger Getreidekreis in den Feldern auf. Wenn das nicht ein Beweis ist – aber wofür?

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 5/2007

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