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Infektiologie 23. Jänner 2007

Parasitäre Geißel des Orients (Narrenturm 83)

Saharageschwür, Nilbeule, Febris Aleppensis: Die durch Sandmücken übertragene Krankheit gewinnt in letzter Zeit durch Ferntourismus auch hier zu Lande Bedeutung. Kennzeichnend sind die oft großflächigen Narben, die die Infektion hinterlässt. Die viszerale Form, das schwarze Fieber, verläuft meist tödlich.

Nicht nur tropenmedizinisch interessierte Ärzte kommen im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum auf ihre Rechnung. Bis ins Detail naturgetreue Moulagen der kutanen Leishmaniose im Gesicht erinnern an den wohl prominentesten Leishmaniose-Patienten der Literatur, Lord David Lindsay, Kara Ben Nemsis treuen Begleiter in Karl Mays Orientgeschichten.
Sie erinnern aber auch daran, dass die durch Sandmücken übertragene parasitäre Erkrankung etwa durch Ferntourismus und als Co-Infektion von immungeschwächten HIV-Patienten bei uns an Bedeutung gewinnt. Vielleicht fühlen sich infizierte Sandmücken wegen der globalen Erwärmung auch in unseren Breiten schon recht wohl.
„Wir selbst befanden uns wohl, mit Ausnahme eines einzigen. (...) Lindsay war nämlich vor einigen Tagen von einem Fieber befallen worden, das ungefähr vierundzwanzig Stunden anhielt. (...) Nun hatte sich bei ihm jenes schaudervolle Geschenk des Morgenlandes entwickelt, das der Lateiner Febris Aleppensis, der Italiener Mal d´Aleppo, der Franzose Bouton d´Haleb nennt. Diese ‚Aleppobeule‘, die (...) Hunde und Katzen heimsucht, wird stets von einem kurzen Fieber eingeleitet, wonach sich entweder im Gesicht, auf der Brust oder an den Armen und Beinen eine große Beule bildet, die unter Aussickern einer Feuchtigkeit fast ein ganzes Jahr anhält und beim Zurückgehen eine tiefe, nie wieder verschwindende Narbe hinterlässt.“
So genau und vor allem richtig beschrieb Karl May 1892 in seinem Roman „Von Bagdad nach Stambul“ die kutane Form der Leishmaniose.
Aleppobeule, Orientbeule, Saharageschwür, Delhibeule, Taschkentgeschwür, Nil-, Jericho- oder Bagdadbeule: Die Hautleishmaniose, eine seit dem Altertum bekannte Krankheit, hat viele Namen. Erste Erwähnungen einer „Nile pimple“ genannten Krankheit, vermutlich die Hautleishmaniose, finden sich bereits im Papyrus Ebers, einem medizinischen Dokument aus der Zeit um 2000 v. Chr. Und im Bericht eines assyrischen Priesters aus dem Jahr 650 v. Chr.: „Bezüglich dieses Teufels in der Haut, mein König, Euer Gnaden: Dieses kommt nicht von Herzen. Die Krankheit dauert ein Jahr, und alle, die davon krank sind, genesen wieder.“

Lebenslange Immunität

Diese relativ milde Form der Leishmaniose heilt tatsächlich nach mehreren Monaten spontan, hinterlässt aber – bevorzugt natürlich an den meist unbedeckten Körperstellen, wo die Sandmücken ihre Blutmahlzeit halten, also im Gesicht, an Händen und Füßen – großflächige Narben.
Die Tatsache, dass eine durchgemachte Infektion eine lebenslange Immunität hinterlässt, wurde im Nahen Osten bereits sehr früh dazu benutzt, die Kinder künstlich zu immunisieren. Durch die Impfung mit Geschwürsekret etwa am Oberschenkel konnte man sich außerdem den Sitz der Beule auswählen und dadurch die entstellenden Narben im Gesicht und an den Händen vermeiden. Diese künstliche Infektion war möglicherweise eine der ersten Vorbeugungsmaßnahmen gegen Infektionskrankheiten überhaupt. Einen Impfstoff gegen die Leishmaniose gibt es bis heute nicht.

Furchtbare Entstellungen

In Südamerika findet sich neben der Hautleishmaniose auch eine Form der Schleimhautleishmaniose, die durch die Zerstörung von Lippen, Nasen und Gaumen furchtbare Entstellungen verursacht. Indianische Terrakottafiguren mit den typischen nasopharyngealen Gesichtsdeformitäten beweisen, dass die Schleimhautleishmaniose im ersten Jahrhundert n. Chr. in Peru und Ecuador wütete.
Im Gegensatz zur Leishmaniose der Haut verläuft die viszerale Form – auch Kala-Azar (schwarzes Fieber) oder Dum-Dum-Fieber – ohne Behandlung mit Antimonpräparaten oder mit Amphotericin B meist tödlich.
Bei einem am „Dum-Dum-Fieber“ verstorbenen britischen Soldaten – infiziert hatte er sich im April 1900 im Camp Dum-Dum bei Kalkutta – entdeckte William Boog Leishman in der Milz kleine intrazelluläre Körperchen, die eine Ähnlichkeit mit Trypanosomen hatten. Er hielt dies für postmortale Veränderungen. Drei Jahre später entdeckte der britische Tropenarzt Charles Donovan im frischen Milzblut eines indischen Knaben, der an der gleichen Krankheit litt, ähnliche Körperchen und bewies damit, dass seine und Leishmans Körperchen keine postmortalen Veränderungen waren. 1903 erhielt der Erreger den Namen Leishmania donovani.
Die zyklische Entwicklung des Erregers ausschließlich in den Sandmücken und die Übertragung konnte erst Jahrzehnte später durch zahlreiche Versuche zweifelsfrei geklärt werden.
Nach Angaben der WHO sind heute etwa zwölf Millionen Menschen auf allen Kontinenten – Ausnahme ist Australien – mit Leishmanien infiziert. Pro Jahr kommt es zu eineinhalb bis zwei Millionen Neuerkrankungen. Zwei Drittel davon mit der kutanen Form.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 4/2007

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