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Infektiologie 27. September 2006

Wie die Syphilis ihren Schrecken verlor (Narrenturm 69)

Schon seit seiner Kindheit hatte Paul Ehrlich eine besondere Affinität zu Farb­stoffen. Mit seinen farbanalytischen Studien leistete er später wichtige Beiträge zur Diagnostik und entwickelte eine bessere Methode, Tuberkelbazillen selektiv anzufärben. Mit dem „Stoff 606“ gelang dem Mediziner und Chemiker das erste Chemotherapeutikum, das lang gesuchte Mittel gegen Treponema pallidum.

Als Paul Ehrlich am 20. September 1910 vor der 82. Versammlung der Naturforscher in Königsberg die Erfolge bei der Bekämpfung der Syphilis mit dem von ihm entwickelten „Präparat 606“ vorstellte, gab es eine Reihe von Menschen, die sein sensationelles neues Heilmittel nicht triumphal feierten. Neid, Missgunst und Antisemitismus mancher Kollegen machten Ehrlich fortan das Leben schwer. Religiöse Spinner, selbsternannte Moralapostel und konservative Kirchenkreise, die die Syphilis auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts für eine Strafe Gottes hielten, verurteilten das neue Medikament als Werk des Satans, mit dem gewissenlose Lüstlinge nun ihrer gerechten Strafe entgehen konnten. „Ehrlich färbt am längsten“, spotteten schon die Kollegen während des Medizinstudiums, wenn Paul Ehrlich (1854–1915) aus lauter Begeisterung für das Färben von Präparaten wieder einmal das Nachhausegehen vergaß.

Tauben der Mutter eingefärbt

Schon seit seiner Kindheit soll Ehrlich eine besondere Affinität zu Farbstoffen gehabt haben. Er färbte angeblich alles, was ihm in die Hände kam. Gar nicht entzückt soll seine Mutter gewesen sein, als er sogar ihre weißen Tauben mit Anilinfarben blau einfärbte. Das „Spielen“ mit Farben führte schließlich auch zu seiner 1878 gedruckten Dissertation: „Beiträge zur Theorie und Praxis der histologischen Färbung“. Als Arzt in der Berliner Charité hatte er später das Glück eines Chefs, der der Meinung war, dass „nur freie Vögel singen“ und Ehrlich in seinem improvisierten Stationslabor ungehindert seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen ließ. Für die klinische Routinearbeit eines Krankenhausarztes interessierte sich Ehrlich nur wenig.

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Die Königsidee

Die Ergebnisse seiner Beschäftigung mit Farbstoffen konnten sich allerdings sehen lassen. Mit seinen farbanalytischen Studien leistete er wichtige Beiträge zur Diagnostik von Blutkrankheiten und entdeckte auch eine wesentlich bessere und einfachere Methode, um die von Robert Koch identifizierten Tuberkelbazillen selektiv anzufärben. Bei diesen Vitalfärbungen hatte er auch seine Königs­­idee: Wenn bestimmte Farbstoffe von einigen Bakterien selektiv aufgenommen wurden, ohne das andere Gewebe zu färben, so müsste es doch möglich sein, einen giftigen Farbstoff herzustellen, der nur den Schädling im Körper befällt und tötet, die anderen Zellen hingegen nicht oder nur wenig beeinträchtigt. Ehrlich wollte, wie der Freischütz in der Oper von Carl Maria von Weber, auf die Schädlinge im Körper mit „Zauberkugeln“, die praktisch von selbst ihr Ziel finden, „chemisch zielen“. Mit dem Teufel ließ sich Paul Ehrlich nicht ein, dafür aber – da er mit dem „normalen“ Farbstoff Trypanrot wenig Erfolg gehabt hatte – mit einer hochgiftigen Substanz, dem Arsen.

Arsen in Farbstoffmolekülen

Robert Koch hatte 1906 mit Atoxyl, einem Arsenpräparat bei der Bekämpfung der Schlafkrankheit, zunächst verblüffende Erfolge in Uganda gehabt, musste aber bald erkennen, dass das Präparat gewaltige Nebenwirkungen wie vollständiges Erblinden haben konnte. Damals herrschte die irrige Ansicht, dass die von Fritz Schaudinn eben erst entdeckten, so genannten blassen Spirochäten – die Syphiliserreger – mit den Trypanosomen, den Erregern der Schlafkrankheit, eng verwandt wären. Ehrlich hoffte, mit einem chemisch veränderten und daher weniger toxischen Atoxyl gleichzeitig ein Medikament gegen die Schlafkrankheit und ein wirksames Syphilismittel in der Hand zu haben. Einem befreundeten Chemiker gelang es tatsächlich, Arsen in Farbstoffmoleküle, die eine besondere Affinität zu Bakterien erwarten ließen, einzubauen. Unzählige Stoffe untersuchten Ehrlich und sein japanischer Mitarbeiter Sahachiro Hata ohne Erfolg. Erst mit der Substanz, die im Laborjournal die Nummer 606 trägt, gelang ihnen am 31. August 1909 der Durchbruch. Der „Stoff 606“ erwies sich als das lang gesuchte Mittel gegen die Syphilis und andere gefährliche Erreger. Das Präparat 606 war das erste spezifisch wirkende Chemotherapeutikum. Ein Jahr später produzierten es die Farbwerke Höchst unter dem Namen „Salvarsan“, was so viel wie heilendes Arsen bedeutet. Das verbesserte Nachfolgeprodukt „Neosalvarsan“ kam 1912 auf den Markt. Mit Ehrlich und dem „Stoff 606“ begann die moderne Chemotherapie. Millionen Syphilitikern in der ganzen Welt half Ehrlich mit diesem ersten wirksamen Medikament gegen die Treponema pallidum-Infektion. Erst die großtechnische Herstellung von Penicillin verdrängte Neosalvarsan als Syphilis-Medikament in den 1940-Jahren. Den Nobelpreis erhielt Paul Ehrlich aber nicht für seine wichtigste Erfindung, die „Zauberkugeln“ gegen die Syphilis, sondern bereits 1908 für seine bahnbrechenden immunologischen Arbeiten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 39/2006

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