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© Abdoulaye BARRY/MSF
Nomaden nahe des ausgetrockneten Flussbetts des Salamat im Tschad, sie flüchten vor der Trockenzeit in weniger lebensfeindliche Gegenden.
 
Infektiologie 5. März 2017

Der exotische Hepatitis-Virus

Ärzte ohne Grenzen. Die Hilfsorganisation bekämpft im Tschad eine hierzulande kaum bekannte Hepatitis-Form, und zwar Hepatitis E. Sie stellt u. a. sauberes Trinkwasser zur Verfügung. Hepatitis E ist eine akute Leberentzündung,die für Schwangere lebensbedrohend ist.

„Die Hälfte des Landes ist fast leer. Eine Wüste. Die Hauptstadt ist dafür sehr schön und fast sauberer als Wien.“ Das sagt Alexander Spina als gelte es das zentralafrikanischen Land als Urlaubsziel anzupreisen. Spina kennt aber auch die andere Seite des Tschad. Hier wütet die in Österreich sehr seltene Hepatitis E. Das Hepatitis-E-Virus wird, sehr ähnlich der Hepatitis A, über den Stuhl infizierter Personen verbreitet. Die Übertragung erfolgt durch verunreinigtes Trinkwasser, aber auch durch eine Schmierinfektion. Was wiederum nicht für überragende hygienische Zustände spricht.

Wobei: „Alle waschen sich hier permanent die Hände, das ist Teil der islamischen Kultur. Das Problem ist das verseuchte Wasser. Wenn man sich ohne Seife die Hände wascht, kann man angesteckt werden.“ Spina war für Ärzte ohne Grenzen im Tschad im Einsatz. Er testete im Spital der Stadt Am Timan auf neue Hepatitis-E-Fälle, half bei der Verbesserung der Wasserversorgung und der Hygienebedingungen der Stadt.

Die Krankheit verlaufe oft asymptomatisch, sagt Spina, „die Leute bekommen leichtes Fieber und etwas Gelbsucht, haben aber keinen schweren Verlauf mit Durchfall oder Erbrechen“, sie seien aber nichtsdestotrotz hochinfektiös. Schwere Verläufe gebe er vor allem bei Schwangeren und auch bei Immunkompromittierten. Wir hatten schon Todesfälle bei uns im Spital in der Stadt Am Timan.“

Laut Schätzungen besteht für einen von 25 Betroffenen mit Hepatitis E die Gefahr eines Todesfalles, doch bei schwangeren Frauen im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft sind die Risiken der Mutter- und Neugeborenensterblichkeit weit höher. Exakte Erhebungen liegen nicht vor, es gibt aber Erfahrungswerte.

Spinas deutsche Kollegin Dr. Veronika Siebenkotten-Branca, eine Gynäkologin und Internistin, stieg ins Flugzeug, als sie erfuhr, „dass in unserer Klinik in Am Timan zwei schwangere Frauen an Gelbsucht gestorben waren: Es handelt sich um einen Hepatitis E-Ausbruch. Ich wusste nicht viel über diese Virus-Infektion, denn hier bei uns gibt es nur wenige Fälle. In Afrika tritt hingegen ein Genotyp auf, der vor allem durch verunreinigtes Wasser übertragen wird. Insbesondere Frauen im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft sind in Gefahr. Ihre physiologische Immunschwäche sei ein Grund für die fulminanten Verläufe. Die Sterberate liegt bei bis zu 30 Prozent.“

Siebenkotten-Branca beschreibt den Fall von Apsita Yaya. „Sie war in der 24. Schwangerschaftswoche, als sie zu uns kam – mit deutlichem Ikterus, Erbrechen, Durchfall und Kopfschmerzen. Wir gaben ihr u. a. Glucose- und Elektrolytinfusionen. Nach zweieinhalb Wochen konnten wir sie stabil entlassen: Mutter und Baby werden überleben.“

Mangelernährte Kinder

Ein Erfolgserlebnis für Ärzte ohne Grenzen. Immerhin. Dass Kinderleben gerettet werden ist nicht selbstverständlich in diesem Teil der Welt. Im Nordosten Nigerias und in den angrenzenden Gebieten der Nachbarstaaten Niger, Tschad und Kamerun sind nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als sieben Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Rund 2,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Mehr als 500.000 Kinder werden demnach an akuter Mangelernährung leiden – ein lebensgefährlicher Zustand.

Es könnten dort „Hunderttausende Menschen sterben“, warnt Toby Lanzer, der UNO-Nothilfekoordinator für die Sahel-Zone. Für den Hilfseinsatz veranschlagen die Vereinten Nationen in diesem Jahr Kosten von rund 1,5 Milliarden Dollar (umgerechnet ca. 1,4 Milliarden Euro). Anfang vergangener Woche wurde in Oslo eine Geberkonferenz abgehalten.

Zumeist ist keine spezifische medikamentöse Behandlung gegen die Krankheit notwendig, da sie von alleine ausheilt. Die Behandlung besteht in unterstützenden Maßnahmen (Absenken des Fiebers, Medikamente gegen die Übelkeit). Bei Hepatitis-E-Infektion bei Organtransplantierten (oder anderen Immunsupprimierten) wird eine Therapie mit Ribavirin (600-1000 mg/Tag) über drei Monate durchgeführt, was fast immer zur Heilung führt.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 10/2017

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