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Phagen können helfen, wenn Antibiotika gegen multiresistente Keime unwirksam sind.
 
Infektiologie 9. Jänner 2017

Mit Phagen gegen die Plagen

Phagentherapie. Die Ausbreitung multiresistenter Keime zwingt, nach neuen Optionen im Kampf gegen bakterielle Erreger zu suchen. Eine Hoffnung könnte die Phagentherapie sein.

Sie sind fast überall, im Wasser, im Boden, im Abwasser, auf Fleisch und Sauerkraut – selbst in unserem Darm: Phagen, die Viren der Bakterien. Es wird geschätzt, dass bei Menschen jeder Milliliter Fäzes 1010 Viruspartikel enthält, von denen die meisten Phagen sind.

Sie vermehren sich durch Befall meist nur einer bestimmten Bakterienart und zerstören die Keime dabei, ob diese nun pflanzen- oder humanspezifisch sind – und entziehen so einer weiteren Vermehrung die Grundlage. Und das macht die 1915 entdeckten Viren für die Therapie bei Besiedelung mit resistenten Keimen so interessant. Selbst mit Allergien ist bei einer Therapie vermutlich nicht zu rechnen.

Schon vor 100 Jahren bekannt

Nach Anfängen der Phagentherapie in Frankreich vor etwa hundert Jahren, die aber nicht weiter verfolgt wurden, werden schon seit vielen Jahren Bakteriophagen in Osteuropa, etwa in Georgien, zur Therapie bei bakteriellen Infektionen genutzt.

Selbst in Polen, einem EU-Mitglied, wird die Phagentherapie gegen resistente Keime nach einer kleinen randomisierten Studie in Georgien – das Einverständnis der Patienten vorausgesetzt – praktiziert ( FEMS Microbiology Letters 2016; 363: fnv225 ).

Große randomisierte Studien fehlen

Wie dringend neue Optionen gerade gegen multiresistente Bakterien sind, macht unter anderem die Meldung über die Entdeckung eines Resistenzgens deutlich, das die Wirksamkeit des, gegen multiresistente Keime verwendeten, Peptidantibiotikums Colistin einschränkt ( Liu YY et et al., Lancet Infect Dis 2016; 16(2): 161-168 ).

Doch noch fehlt eine große randomisierte klinische Studie unter standardisierten Bedingungen, die den Nutzen der Behandlung mit Bakteriophagen belegt. Daran wird zwar schon seit einiger Zeit in einem europäischen Projekt gearbeitet, doch richtig in die Gänge kommt es nicht.

Die bereits 2013 gestartete französische randomisierte Phase-I/II-Studie Phagoburn kommt leider nur langsam voran, wie Science berichtet ( Kelly Servick, 2016, Science Vol. 352, Issue 6293 ). Daran sollten 220 Patienten mit schweren Verbrennungen von elf Verbrennungszentren in der Schweiz, in Frankreich und Belgien teilnehmen.

Abgespeckte Studie

Die Studie ( NCT02116010 ) ist Teil des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms. Produziert werden die Phagen von dem französischen Unternehmen Clean Cells. Die Verumgruppe erhält einen von dem Unternehmen Pherecydes Pharma entwickelten Cocktail aus 25 Phagen, der sowohl E. coli als auch Pseudomonas aeruginosa unschädlich machen soll. Vergleichsgruppe sind Patienten, die topisch mit Silbersulfadiazin versorgt werden.

Der erste Patient war Mitte 2015 aufgenommen worden. In diesem Monat sollten die finalen Daten verfügbar sein. Nun verzögert sich das. Die Studie ist abgespeckt, der E.-coli-Part gestrichen.

Methicillin-resistente Staphylokokken sind das Ziel einer weiteren, allerdings deutlich kleineren Phagentherapiestudie, in der seit wenigen Wochen in Phase 1 in den USA bei sechs Gesunden geprüft wird, ob und in welcher Dosis die topische Behandlung am Unterarm, mit einem Phagencocktail des Unternehmens AmpliPhi Biosciences, sicher ist. Dabei dienen die Probanden jeweils als eigene Kontrolle.

Dass schließlich selbst eine intravenöse Applikation von Phagenlösungen sicher ist, darauf weisen australische Wissenschaftler um Dr. Peter Speck von der Flinders University in Adelaide mit Blick auf viele kleine Studien in den vergangenen Dekaden hin, unter anderem zur Therapie von Infektionen mit Salmonella typhi, Staphylococcus aureus oder Escherichia coli. Die meisten Erfahrungen mit der intravenösen Anwendung hat demnach der Kinderarzt Prof. Dr. Hans Ochs vom Seattle Childrens Hospital, der für seine immunologischen Studien den Phagen phi X174 verwendete.

Intravenöse Therapie angewendet

Inzwischen geht es also glücklicherweise nicht mehr um das Pro und Contra dieser Therapieform, sondern darum, wie künftig Patienten davon – oder von Phagenlysinen – profitieren und vor möglichen Nebenwirkungen bewahrt werden können.

Experten um Dr. Laurent Debarbieux vom Pasteur-Institut in Paris und vom Queen Astrid Military Hospital in Brüssel schlagen aus Anlass eines Workshops der Arzneimittelbehörde EMA (European Medicinal Agency) in London im vergangenen Jahr die Gründung eines öffentlichen Nationalen Referenzzentrums für Phagentherapie vor, das die entsprechenden Projekte begleitet und unter anderem die Produktqualität und Patientensicherheit sicherstellt.

Es ist zu begrüßen, dass sich immer mehr Wissenschaftler für die Entwicklung der Phagentherapie nach westlichen Standards für klinische Studien stark machen. Im gleichen Atemzug müssen allerdings die regulatorischen Voraussetzungen für solche Studien geschaffen werden. Das würde wiederum das Engagement pharmazeutischer Unternehmen fördern.

Mit dem von der EMA ausgerichteten Workshop ist zumindest ein Anfang gemacht. Eine treibende Kraft könnte auch der „World Congress on Targeting Infectious Diseases“ werden, Treffpunkt von Wissenschaftlern und Vertretern forschender Unternehmen. Er fand vor kurzem zum vierten Mal statt und stand nach Ebola und Vogelgrippe nun im Zeichen der Phagentherapie.

Bleibt zu hoffen, dass bis zur routinemäßigen Behandlung mit Phagen nicht noch weitere 100 Jahre ins Land ziehen.

Peter Leiner/ ÄZ

, Ärzte Woche 1/2/2017

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