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Häuserblock um Häuserblock wird mit Insektizid eingesprüht.
 
Infektiologie 30. September 2016

Insektizid-Einsatz: Neu Delhi im Nebel

 In Neu Delhi grassiert das Dengue-Fieber. Trotz steigender Mittel im Kampf gegen die übertragenden Mücken bekommt die Stadt die Tropenkrankheit nicht in den Griff. Kritiker weisen auf die vielen wilden Müllhalden in der indischen Hauptstadt hin.

Wer dieser Tage in Neu Delhi lebt, hat gute Chancen, eine so genannte „Vernebelung“ zu erleben. So nennt man es in der Landwirtschaft, wenn ganze Felder mit Insektenvernichtungsmitteln eingesprüht werden. Nur dass in der Metropole keine Felder, sondern dicht besiedelte Wohngegenden mehrere Stockwerke hoch von potenziell ungesundem Rauch überzogen werden.

Der Nebel ist ein Versuch der Behörden, einem in dieser Jahreszeit besonders hartnäckigen Feind zu Leibe zu rücken. Kurz nach der Regenzeit, die im August endet, steigt die Zahl der Moskitos in der Stadt sprunghaft an. Das ist nicht nur nervtötend, sondern sogar potenziell tödlich. Denn Neu Delhi hat trotz der beeindruckenden Wachstumsgeschichte der indischen Wirtschaft immer noch kein Mittel gegen von Mücken übertragene Tropenkrankheiten gefunden. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren war die Zahl der Toten durch Dengue-Fieber sogar besonders hoch.

Symptome von Dengue sind starkes Fieber und Kopfschmerzen, begleitet von starken Schmerzen in Muskeln und Gelenken. Wegen der Gelenkschmerzen wird die Krankheit auch Knochenbrecherfieber genannt. Dengue kann sogar tödlich verlaufen, weil es die Zahl der Blutplättchen deutlich senken und im schlimmsten Fall innere Blutungen und Organversagen auslösen kann.

Bis Mitte September betrug die offizielle Zahl der Dengue-Erkrankungen in Neu Delhi knapp 1400. Hinzu kommen mehr als 2.600 Fälle von Chikungunya, einer ähnlich verlaufenden, jedoch meist weniger gefährlichen Fieberkrankheit, die ebenfalls von Mücken übertragen wird. Vier Menschen sind bislang an den Krankheiten gestorben.

„Damit haben wir weniger Fälle als im vergangenen Jahr“, sagt A. C. Dharival, Direktor des Nationalen Kontrollprogramms für Vektorübertragene Krankheiten. Vektoren sind im Fall von Dengue Moskitos. Im vergangenen Jahr habe es gut 3.800 Dengue-Fälle gegeben.

Allerdings gibt es massive Zweifel an den offiziellen Zahlen.

Lokale Medien berichten von Dutzenden Dengue-Toten und mehreren tausend Erkrankungen. „Delhis Dengue-Bluff“ titelt etwa die Zeitung Hindustan Times und berichtet, selbst Einblick in mindestens 19 Sterbeurkunden gehabt zu haben, in denen Dengue-Fieber als Todesursache stand.

Auch im vergangenen Jahr hatten Medien statt der offiziellen 3.800 Fälle von mindestens 15.000 Erkrankungen berichtet und von mehr als 60 Toten.

Geht es nach dem National Green Tribunal, einem Gericht für Umweltschutzfälle in Neu Delhi, sind die Behörden der Hauptstadt dafür verantwortlich, dass das Moskitoproblem überhand nimmt.

In einer Mitteilung bezeichnete es die Reaktion der Behörden auf den jüngsten Dengue- und Chikungunya-Ausbruch als „peinlich und schockierend“. Es warf der Stadtverwaltung vor, völlig unvorbereitet auf das jährlich wiederkehrende Phänomen gewesen zu sein.

Kritiker der Vernebelungen sagen, dass die Insektizide nur sehr kurz und sehr begrenzt wirken. Ein viel größeres Problem sei, dass die Moskitos sich in den Tausenden wilden Müllkippen der Stadt nach der Regenzeit leicht vermehren könnten. Geld, um dagegen vorzugehen, ist vorhanden: Als Teil der so genannten „Mission sauberes Indien“ wird eine Art Solidaritätszuschlag auf verschiedene Steuern erhoben und für Reinigungsprojekte zur Verfügung gestellt.

Laut einer Studie des liberalen indischen Thinktanks CCS hat Neu Delhi nur einen winzigen Bruchteil dieses Geldes ausgegeben. Kapil Mishra, in der Hauptstadt für Wasser zuständig, hat in einem offenen Brief dazu aufgerufen, den Kampf gegen die Krankheiten zu unterstützen. Dazu gehört die Suche nach Freiwilligen für weitere Vernebelungsaktionen. Bis Ende Oktober, wenn die Brutsaison der Moskitos vorbei ist, werden die Wohnviertel Neu Delhis unter Rauch gesetzt.

Alternativen? Gibt es: Eine solarbetriebene Moskitofalle konnte den Mückenbestand auf der kenianischen Insel Rusinga deutlich, um 70 Prozent, reduzieren. In der Folge gingen die Malaria-Infektionen um fast ein Drittel zurück, berichtet The Lancet. Die Falle ködert Moskitos mit einem menschenähnlichen Duftstoff, einem Gemisch aus Milchsäure und anderen über die Haut ausgeschiedenen Stoffen.

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