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© Peter Nemenz
Prof. Dr. Franz Allerberger Leiter des Geschäftsfeldes für Öffentliche Gesundheit der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit
© Ernst Weingartner / chromorange / picture alliance

Vor dem Genuss nicht erhitzter Kuhmilch wird gewarnt. Große Ehec-Ausbrüche sind dabei nicht zu befürchten.

 
Infektiologie 24. Mai 2016

Erschreckend hohe Fallzahl

Franz Allerberger war vor fünf Jahren plötzlich mit einer nicht alltäglichen Epidemie konfrontiert: Ehec.

Vor einer neuen Ehec-Welle sind wir nicht gefeit, auch wenn Österreich wundersamerweise bislang von großen Ausbrüchen verschont blieb. Vor fünf Jahren führte der aggressive Darmkeim selbst das deutsche Gesundheitssystem an seine Grenzen. Den Ausbruch in Deutschland führt Prof. Dr. Allerberger auf importierte Sprossen zurück.

Wie erinnern Sie sich an den Ausbruch der Ehec-Epidemie?

Allerberger: Wir haben am Ende des Tages doch sieben Patienten gehabt mit einem Ehec-Bakterium, das wir in dieser Form noch nicht gekannt haben, das ist EHEC O 104:H4. Für jeden war die Größenordnung dieses Ausbruches erschreckend. Wir haben doch mehr als 3.800 Erkrankungsfälle in Deutschland gehabt, das ist eine Zahl, die nicht alltäglich ist.

Was ist Ihnen noch aufgefallen?

Allerberger: Das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) ist zwar nur die Spitze des Eisberges – nur etwa 10 Prozent der Infektionen sind Nierenversagen –, aber wir haben doch bei der Hälfte der Fälle nicht den klassischen O 157 (Anm.: der häufigste Ehec-Serotyp O 157:H7), den die Amerikaner vor zwei Jahrzehnten beschrieben haben, sondern andere Serotypen. Die Tatsache, dass es O 104 (Anm.: der neue aggressive Ehec-Serotyp O 104:H4) war, war eigentlich nicht so überraschend. Überraschend war einfach die Größe des Ausbruchs. Diese Fallzahl hat selbst ein so gutes medizinisches System wie das deutsche an die Grenze der Überforderung gebracht, einfach weil nicht so viele Maschinen für die Nierenwäsche da sind.

O 104 war also nicht völlig neu?

Allerberger:Dieser Stamm war vor dem großen Ausbruch vereinzelt beschrieben worden, aber genau diesen Stamm in dieser Form hatten weder wir noch die Deutschen in den Stammsammlungen. Was ja auch wieder ein Glücksfall war, denn wenn dieser Stamm nicht zugleich auch gegen viele Antibiotika resistent gewesen wäre, dann hätte es wahrscheinlich die diagnostischen Kapazitäten bei Weitem überfordert. So war es möglich, antibiotika-resistente Keime zu suchen – wir nennen sie ESBL-Bildner (Anm.: Extended Spectrum ß-Lactamase-Bildner) – und auf diese Art den Erreger leichter in den Stuhlproben zu finden. Das ist einfacher, als seinen Ehec-Erreger auf die herkömmliche Art suchen zu müssen. Wir haben uns durch diese unübliche Antibiotika-Resistenz, die in der Form für uns auch neu war, bei der Diagnostik leichter getan, weil wir im ersten Schritt gar nicht nach Ehec-Bakterien gesucht haben, sondern einfach geschaut haben, ob der resistente Escherichia coli im Stuhl hat. 90 Prozent der Proben konnten wir danach verwerfen. Diesen kleinen Teil, wo Resistenzen aufgetreten sind, haben wir dann genauer angeschaut, und da waren wir leichter in der Lage, diesen O 104 zu finden.

Was macht das Ehec-Bakterium so anpassungsfähig?

Allerberger: Wir wissen es nicht. Wir waren 1982, als der erste Ausbruch in Amerika durch rohes Hamburger-Fleisch ausgelöst wurde, damals schon erstaunt, wie schnell sich das weltweit ausgebreitet hat. Da wird schon auch die industrielle Intensivtierhaltung mitbeschuldigt. Es gibt selbst in Tirol auf der Alm kaum eine Kuh mehr, die nicht Kraftfutter bekommt. Dieses Kraftfutter führt zu Verschiebungen im pH-Wert des Pansens. Es ist halt ein Unterschied, ob eine Kuh Heu und Gras frisst oder proteinreiches Kraftfutter. Diese ökologische Nische, diese pH-Verschiebung im Pansen hat dazu geführt, dass sich der Keim im Rinderbestand weltweit ausgebreitet hat und plötzlich zum relevanten Pro-blem geworden ist.

Ehec hat über Nacht gesunde Menschen in sterbenskranke verwandelt, warum macht der Ehec-Erreger so viele Menschen krank?

Allerberger: Ob der wirklich so viel krankmachender ist als normale Erreger, da wäre ich mir nicht so sicher. Die Inkubationszeit für Durchfall ist ca. eine Woche, und normalerweise vergeht dann noch einmal eine Woche, bis die Patienten Nierenversagen entwickeln. Die mediane Inkubationszeit beim deutschen Ausbruch zwischen Lebensmittelaufnahme und Durchfallbeginn betrug acht Tage, da ist kein großer Unterschied zu einer Woche gegeben. Der Median zwischen Durchfallbeginn und Nierenversagen war fünf Tage, das ist weniger als die normale Woche, die wir für den klassischen O 157 kennen. Es ist ein bisschen schneller gegangen, aber im Wesentlichen verläuft die Erkrankung nicht anders. Wir haben in Deutschland 855 HUS-Fälle und 2.987 Fälle von akuter Gastroenteritis. Die Anzahl der Todesfälle war nicht unüblich hoch. Es sind 35 UHS-Patienten und 18 Durchfall-Patienten verstorben. Insgesamt 53 Todesfälle bei mehr als 3.800 Erkrankungen, das sind keine 2 Prozent. Österreich ist erstaunlicherweise bisher von schweren Ausbrüchen verschont geblieben. Wir hatten im vergangenen Jahr 114 Ehec-Fälle und drei Todesfälle (ein Patient ist an Durchfall gestorben, Anm.), das sind 2,6 Prozent. Die Mortalität in Deutschland war von der Höhe her im Rahmen, aber die Fallzahl an sich war erschreckend.

Es gibt die These, der Mensch komme als Reservoir für den aggressiven Keim infrage.

Allerberger: Da muss man vorsichtig sein. Was wir sagen können, ist, dass beim großen Teil der Fälle, die wir aufklären können, auch bei uns, Wiederkäuer das Reservoir sind. Wir haben einen Fall publiziert über ein Kinderhotel in Kärnten, in dem Fälle von Nierenversagen bei Kleinkindern aufgetreten sind. Dort gab es rohe Kuhmilch am Buffet. Wir waren in der Lage, am Hof, wo die Milch herkam, im Tierbestand denselben Erreger zu finden. Es gab einen kleinen Ausbruch, wo Volksschulen am Schaubauernhof rohe Ziegenmilch trinken durften, und da ist es auch zum Durchfall mit Ehec-Keimen gekommen. Da wo wir es aufklären können, sind Wiederkäuer das Reservoir. In Deutschland steht für mich außer Frage, dass es die Sprossen waren. Die Tatsache, dass in Frankreich kurz darauf ein kleiner Ausbruch mit demselben Erreger war, würde schon dafür sprechen, dass das mit den Sprossen ins Land gekommen ist. Warum sollte die Krankheit in Frankreich und Deutschland sonst mehr oder weniger gleichzeitig auftreten. Aber wirklich belegen, ob die Erreger schon in Ägypten oder erst bei uns auf die Sprossen gekommen sind, kann man im Einzelfall nicht. Es kann jeder Mensch, der Durchfall hat – und manchmal merken sie ja gar nicht, dass sie besiedelt sind –, bei ungenügender Hygiene die Keime auf Lebensmittel bringen.

Dieser Ehec-Stamm kann jederzeit wieder ausbrechen?

Allerberger: Da gibt es keine Garantie. Heuer gab es in Rumänien einen Ausbruch mit zwei toten Kindern. Außer Rumänien waren auch Italien und Deutschland betroffen, nicht Österreich. Schuld war ein Käseprodukt aus pasteurisierter Milch, selbst da kann etwas passieren. Hohe Fallzahlen entstehen nur, wenn es industriell produzierte Lebensmitteln sind – im Gegensatz zu dem genannten Schaubauernhof oder dem Kinderhotel. Beides dürfte nicht sein. Die Abgabe von unpasteurisierter Milch in einem Kinderhotel ist gesetzlich nicht gedeckt, beim Schaubauernhof auch nicht. Der Gesetzgeber warnt vor dem Genuss nicht erhitzter Kuhmilch. Aber die Probleme sind nicht die französischen Rohmilchkäse, die machen das Kraut nicht fett. Das Problem entsteht, wenn industriell gefertigtes Lebensmittel, bei dem man es primär nicht erwartet, aufgrund des Vertriebs, der eine ganz andere Größenordnung aufweist, betroffen ist. Ich will nicht sagen, Österreich ist überfällig. Aber der liebe Gott meint es gut mit uns. Wir hatten bislang noch keinen ernsthaften Ausbruch, aber am Ende des Tages kann sich das Gesundheitssystem nur darauf vorbereiten, wenn es sicherstellt, dass man den Erreger schnell diagnostizieren kann, und auf etwaige Ehec-Krankheitshäufungen unverzüglich reagiert. Zu den Deutschen kann man nur sagen: Hut ab!

Der Fall Weden

Brigitte Weden, 76, erinnert sich an ihren ersten unfreiwilligen Besuch im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf im Mai 2011. Nach dem Duschen bemerkt sie Blut im Handtuch. „Ich dachte sofort: Das ist Ehec.“ Die frühere Sekretärin fährt in die Klinik. Dort wartet sie mit rund 100 mutmaßlichen Ehec-Patienten. Nach mehreren Stunden wird sie untersucht und nach Hause geschickt. Daheim sei der Durchfall erst richtig losgegangen. „Das Blut wurde immer mehr. Ich habe zwei Nächte auf dem Klo verbracht. Es war furchtbar.“ Auch beim zweiten Klinik-Besuch sei sie weggeschickt worden. „Ich hab‘ mich verpackt wie ein Baby.“ Irgendwann entscheidet die Tochter, den Notruf zu verständigen. Nach der Klinik-Aufnahme ändert sich die Behandlung. Irgendwann werden auch ihre Blutwerte besser. Nach zwei Wochen darf sie – noch geschwächt – nach Hause.

Martin Burger, Ärzte Woche 21/2016

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