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© Lisa Resatz
Prof. Lagler war überrascht, als er bei einer immungesunden Patientin auf Spuren einer seltenen Infektionskrankheit stieß.
 
Infektiologie 11. März 2016

„Wir hatten zuerst den Verdacht auf eine Herzklappenentzündung, es sah aus wie eine Endokarditis.“

3 Fragen, 3 Antworten

Einem Forscherteam um Prof. Dr. Heimo Lagler gelang der Nachweis von „Candidatus Neoehrlichia“ mithilfe eines Anaplasmaceae-spezifischen Primers. Mit diesem Ansatz sollen nun mehr Patienten mit Fieber unbekannter Ursache gescreent werden.

Wie hoch ist die Zahl an Neoehrlichiose-Infektionen im Jahr?

Lagler:Man weiß noch zu wenig über diese Erkrankung, um das seriös beantworten zu können. Es gibt vermutlich eine Dunkelziffer. Die Neoehrlichiose ist schwer nachzuweisen, es dürfte asymptotische und milde selbstlimitierende Verlaufsformen geben. Das Standardantibiotikum Doxycyclin, das häufig bei Verdacht auf eine bakterielle Infektion, wie bei Borreliose, vom Hausarzt verschrieben wird, wirkt gut. Aber der Erreger Candidatus Neoehrlichia ist in bis zu 4 Prozent der Zecken in Österreich nachweisbar, auch in Füchsen in Vorarlberg hat man sie vor Kurzem gefunden. Früher wurde die Neoehrlichiose sehr selten, aber ausschließlich bei Patienten mit schweren Grunderkrankungen diagnostiziert, was bei unserer Patientin nicht der Fall war. Sie war vom Fieber gesund und kam gerade von einer Tropenreise zurück.

Wann wird der erste Fall aus heimischen Fluren vorliegen?

Lagler:Da sind wir dahinter, jetzt sind wir sensibilisiert darauf. Das war ja das Spannende an diesem Fall, dass diese junge gesunde Patientin mit Fieber von einer Tropenreise zurückgekehrt ist, wir aber die Inkubationszeit des Erregers nicht kennen. (Die könnte lang sein?) Es besteht die Möglichkeit, dass die Patientin sich im vergangenen Herbst in Österreich angesteckt hat und durch irgendeinen Faktor die Krankheit erst nach der Reise ausgebrochen ist. Wir hatten ja zuerst den Verdacht auf eine klassische Tropenerkrankung, dann, nach den ersten klinischen Befunden, sind wir von einer Endokarditis ausgegangen. Wir haben Blutkulturen abgenommen und das Standardprozedere bei „Fieber unbekannter Ursache“ durchgeführt. Es war aber alles negativ. Es gibt die Blutkultur-negative Endokarditis – die ist ja immer wieder für eine Überraschung gut, auch mit seltenen Erregern. Wir haben daher diese bakterielle Breitspektrum-PCR angewandt, die uns dann die Diagnose geliefert hat.

Was bedeutet „Neoehrlichiose“?

Lagler: Es ist eine neue Form der Ehrlichiose, eine seltene bakterielle Infektionskrankheit, benannt nach Paul Ehrlich. Es handelt sich um intrazelluläre Bakterien, die durch Zecken übertragen werden und die in den Leukozyten vorkommen. Man ist darauf gekommen, dass es auch andere Bakterien gibt, die übertragen werden und verwandt sind. Man kann sie nur noch nicht einordnen. Daher nennt man sie C. Neoehrlichia. Bei den intrazellulären Erregern ist aufgrund der neuen molekularbiologischen Methoden viel im Umbruch. So wie bei den verwandten Rickettsien. Wir haben in weiterer Folge bei der Patientin einen Anaplasmaceae-spezifischen Primer angewendet, der die ganze Familie abdeckt – und wir konnten den Erreger bis kurz vor Ende der Doxycyclin-Therapie im Blut nachweisen. Die schwer kranke Patientin konnte nach der Therapie gesund das Krankenhaus verlassen. Es gibt Überlegungen, dass wir Patienten mit Fieber unbekannter Ursache (FUO) mit diesem neuen Ansatz screenen. Bis jetzt hatten wir aber keinen Fall bei immungesunden Patienten, das war der erste, und da waren wir recht überrascht.

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