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Infektiologie 1. März 2016

Dem Virus ist Fett egal

Die Schwere einer saisonalen Influenza-Virus-Infektion korreliert nicht mit Fettleibigkeit.

Spielt das Gewicht eine Rolle, ob ein Grippe-Patient in eine Intensivstation muss, künstlich beatmet wird oder eine radiologisch-verifizierte Lungenentzündung entwickelt? Diese Frage haben nun US-amerikanische Forscher geklärt. Die Studienpopulation bestand aus hospitalisierten Erwachsenen, bei denen Influenza im Labor bestätigt wurde. Dabei wurde kein Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und der Schwere der Erkrankung gefunden. Jedoch zeigte sich, dass die Infektion bei Adipösen seltener zu einer Lungenentzündung führt.

Nach der A(H1N1)-pdm09-Influenza-Virus-Pandemie 2009 gab es einige Studien, die Fettleibigen eine höhere Rate von schwereren Verläufen attestierten; doch die Daten waren limitiert. Kwon et al. waren unter den ersten, die zeigten, dass stark adipöse Menschen ein erhöhtes Risiko hatten, in einem Krankenhaus behandelt werden zu müssen (Kwong JC et al., Clin Infect Dis. 2011;53:413–21). In der aktuellen Studie wurde untersucht, ob eine mögliche Verbindung zwischen Fettleibigkeit und einem schweren Krankheitsverlauf bei Spitalspatienten zu finden ist.

Multizentrale Daten verwendet

Die Daten stammen von dem Centers for Disease Control and Prevention’s (CDC) Influenza Hospitalization Surveillance Network (FluSurv-NET), einem Überwachungssystem, bei dem 81 Länder in 15 US-Staaten mitwirken. Es wurden Patientendaten zwischen Oktober 2012 und April 2013 miteinbezogen. In diesem Zeitraum gab es 9.048 hospitalisierte Patienten mit einer Labor-bestätigten Influenzainfektion, alle Patienten waren 20 Jahre oder älter. In dieser Saison war der Virus-Stamm A(H3N2) prädominant.

Die Mehrheit der Probanden (7.552) war älter als 50 Jahre. Bei den meisten erfolgte die antivirale Therapie am Tag der Aufnahme. 562 Patienten (6,2 %) mussten künstlich beatmet werden, und 1.396 (15,5 %) wurden in eine Intensivstation aufgenommen. 2.854 (32,6 %) der Patienten entwickelten eine Pneumonie. Die Forscher berücksichtigten demografische Charakteristiken, Komorbiditäten, Lifestyle-Faktoren und die Krankenversorgung. Der body mass index (BMI) wurde kategorisiert und mit drei Influenza-Out- comes, die einen schweren Verlauf darstellen, verglichen:

• Künstliche Beatmung

• Aufnahme in eine Intensivstation

• (Radiografische) Diagnose einer Influenza-assoziierten Pneumonie

Die Ergebnisse zeigen keinen Zusammenhang zwischen adipösen Patienten (BMI ≥ 30) und der Schwere der Outcomes. Fettleibige hospitalisierte Patienten hatten im Vergleich zu den Patienten der niedrigeren BMI-Gruppen ein geringeres Risiko, eine Pneumonie zu entwickeln. Untergewicht war ein unabhängiger Risikofaktor, um eine Pneumonie zu bekommen. Übergewichtige Patienten wurden seltener auf Intensivstationen aufgenommen, und die Zahl der Patienten, die künstlich beatmet werden mussten, war unabhängig vom BMI.

Daher scheint der BMI bei der saisonalen Influenza eine kleinere Rolle für das Outcome zu spielen, als es bei dem H1N1-Stamm der Pandemie 2009 der Fall war. Eine Erklärung für die abweichenden Ergebnisse könnte sein, dass adipöse Menschen eher stationär aufgenommen werden, selbst bei einem schwächeren Krankheitsverlauf.

Das kann in einem größeren Anteil an adipösen Patienten mit einem weniger schweren Outcome resultieren, was zu einem Bias der Ergebnisse führen würde. Im Fall der Pneumonie konnten Singanayagam et al. zeigen, dass Adipositas mit einer reduzierten 30-Tage-Sterblichkeit einhergeht (Singanayagam A et al., Eur Respir J. 2013;42:180–7). Als Grund wurde eine Sekretion von Adipokinen durch das Fettgewebe genannt, die eine antiinflammatorische Wirkung mediieren können. In Bezug auf die Mortalität reichte die Fallzahl von 237 verstorbenen Patienten nicht aus, um eine zuverlässige Aussage treffen zu können.

Originalpublikation:

Elise S. et al.,Obesity not associated with severity among hospitalized adults with seasonal influenza virus infection; Infection10/ 2015,

Volume 43, Issue 5, pp 569-575;

DOI 10.1007/s15010-015-0802-x

Philip Klepeisz, Ärzte Woche 9/2016

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