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Eine Aedes aegypti-Stechmücke: Brasilien fördert nun die Erforschung des Virus.
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Fußball-WM öffnete für Zika-Virus das Tor nach Südamerika.

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Vor dem Karneval-Start im Sambódromo von Rio rücken Desinfektions-Trupps aus.

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Kampagne gegen Moskito-Brutstätten in Rio de Janeiro. )

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Joao Batista aus Recife hält seine einen Monat alte Tochter Alice Vitoria im Arm, die an Mikrozephalie erkrankt ist.

 
Infektiologie 1. Februar 2016

Zika-Virus erreicht Österreich

Tropenmediziner erwarten weitere Fälle. Ausbreiten kann sich das Virus hierzulande derzeit nicht.

In Deutschland, Dänemark, Italien, Großbritannien und nun auch in Österreich sind bereits Zika-Infektionen diagnostiziert worden. Fälle von Mikrozephalie in Deutschland könnten mit dem Zika-Virus in Zusammenhang stehen.

Zika ist der neue HoneymoonHorror. Nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise in die Dominikanische Republik stellen sich Symptome eines grippalen Infekts ein. Auslöser: das Zika-Virus. Eigentlich nichts Besonderes. Oder, wie es der Tropenmediziner Prof. Dr. Herwig Kollaritsch ausdrückt: Unter der Voraussetzung, dass die Patientin nicht schwanger ist, „ist das so wichtig, als würde in China ein Reissack umfallen“.

Zika tötet zwar nicht, ist aber perfide. Vieles deutet darauf hin, dass infizierte Schwangere Gefahr laufen, dass das Virus über die Plazenta ihr ungeborenes Kind erreicht und neurologische Spätfolgen auslöst (siehe auch Info-Box auf dieser Seite).

Das Virus, das während der Fußball-WM 2014 den Sprung nach Süd- und Mittelamerika geschafft hat, breitet sich weiter aus. Aus Zentral- und Mitteleuropa kommen nun, da die öffentliche Wahrnehmung geschärft ist, immer mehr Meldungen über mögliche Infektionen. Offenbar wurde eine Infektion nun auch erstmals in Österreich diagnostiziert.

Wie das ORF-Ö1-Morgenjournal unter Berufung auf das Tropenmedizinische Institut der MedUni Wien berichtete, soll sich eine heimische Touristin bei einer Reise nach Brasilien infiziert haben. Kollaritsch sagt, es sei zu befürchten, dass immer wieder Reisende in den nächsten Wochen mit dem Zika-Virus zurückkehren werden. Der Experte: „Vier Fünftel werden es nicht einmal merken.“

Eine Epidemie sei in Österreich nicht zu befürchten: „Erstens ist es zu kalt“, betont Kollaritsch. Außerdem gebe es hierzulande „keine kompetenten Überträger“. Wichtig sei das Auftreten des Virus allenfalls bei der Diagnostik, wo ebenfalls bereits Fälle des Zika-Virus registriert wurden.

Ein genaues Bild von eingeschleppten Virus-Fällen in Europa gibt es nicht, denn die Infektion ist nicht meldepflichtig. Zwar registrierte Italien schon vier Fälle, Großbritannien drei und Spanien zwei. Der deutsche Virologe Jonas Schmidt-Chanasit meint aber: „Diese Zahlen sind alle nicht korrekt.“ Gute Aufzeichnungen über das Auftreten der Krankheit fehlten. Es gibt nur wenige Referenzzentren, die die Infektion diagnostizieren könnten, neben dem Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg noch das Pasteur-Institut in Paris und zwei weitere Einrichtungen in Großbritannien und den Niederlanden. Jetzt steige die Zahl der Fälle täglich, weil sich mehr Patienten untersuchen ließen und die Mediziner genauer hinschauten.

In Brasilien, das mit rund 4000 registrierten Fällen der so genannten Mikrozephalie am stärksten betroffen ist, gebe es derzeit Fallkontrollstudien. Dabei werden Frauen mit fehlgebildeten und gesunden Kindern auf Antikörper gegen ZikaViren getestet. Bei gestorbenen Babys und im Fruchtwasser sei das Virus bereits nachgewiesen worden. Das seien aber nur einzelne Hinweise. Für Studien müssten Hunderte Schwangere untersucht werden. „Ich denke, in einigen Wochen werden wir den endgültigen Beweis haben“.

Missbildungen dieser Art kommen auch bei Neugeborenen in Deutschland vor. Schmidt-Chanasit hält es für denkbar, dass auch hier in einigen Fällen eine Zika-Virusinfektion die Ursache sein könnte. Obwohl einer der möglichen Überträger des Virus, die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), in Südeuropa und auch in Süddeutschland vorkomme, sei bislang keine in Europa erworbene Zika-Infektion bekannt. Eine Reisewarnung für Schwangere macht nach Meinung des Experten nur für Länder Sinn, in denen die Infektion in großer Zahl auftritt, wie in Brasilien, Kolumbien und Französisch-Polynesien. Vereinzelte Fälle in Afrika oder Südostasien rechtfertigten eine solche Warnung nicht. Wenn eine werdende Mutter dennoch nach Brasilien reisen wolle, könne sie nur auf Mückenschutz achten. Eine Impfung oder ein Medikament gibt es nicht.

Wenn das Zika-Virus bei österreichischen Gelsen auftauchen sollte, werden die heimischen Gesundheitsbehörden relativ rasch Bescheid wissen. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) überprüft seit 2011 Stechmücken auf humanpathogene Viren wie das West-Nil-Virus, Dengue, Chikungunya und auch das Zika-Virus. Das Zika-Virus wurde dabei bislang noch nie nachgewiesen. Der Überträger, die Tigermücke, ist aber 2012 hierzulande bereits registriert worden. Der Zuzug an sich exotischer Stechmücken ist dem Ökologen und Stechmückenexperten Bernhard Seidel zufolge problematisch. Auch die Japanischen Buschmücke (Aedes japonicus) und eine erst vor wenigen Jahren nachgewiesene „neue pannonische Fiebermückenart“ (Anopheles hyrcanus) fühlen sich hier durchaus wohl.

Dass diese wärmeliebenden Gelsen ihren Verbreitungsraum so weit ausdehnen konnten, ist für den Experten vor allem auf ihre Verfrachtung entlang der weltweiten Handelsrouten und weniger auf klimatische Veränderungen zurückzuführen.

Gelsen und ihre Larven kämen etwa als blinde Passagiere in Wasserlacken, die sich in exportierten Reifen bilden, zu uns. „Das Reifenlager ist dann gleich das erste große Brutgebiet, von dem aus sie freien Lauf in alle Richtungen haben.“

 

Mikrozephalie

Im Unterschied zum DengueVirus, gilt das Zika-Virus als vergleichsweise unbekannt. Das ändert sich nun. Denn das durch Mücken, Zecken oder andere Vektoren auf Schwangere übertragene Zika-Virus wird mit einer großen Zahl von Kindern in Zusammenhang gebracht, die mit ungewöhnlich kleinen Köpfen geboren werden, geistige Behinderungen sind die Folge (Mikrozephalie). „Das ist ein Notfall für das öffentliche Gesundheitswesen und eine Tragödie für die betroffenen Familien“, zitiert die Zeitschrift „Science Daily“ Prof. Uriel Kitron vom Emory’s Department of Environmental Sciences (Atlanta, Georgia, USA). In Brasilien wurden 3.900 Fälle ermittelt. Der wichtigste Überträger ist der gleiche wie beim Dengue-Virus: die Stechmücke „Aedes aegypti“. „Das Virus scheint über die Plazenta das ungeborene Baby zu befallen. Etwas Schlimmeres ist kaum vorstellbar.“

MB/APAmed, Ärzte Woche 5/2016

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