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Elefantiasis ist eine stigmatisierende Krankheit, die heute fast ausgerottet ist (aufgenommen auf den Philippinen, 1962)
 
Infektiologie 16. Oktober 2015

„Therapien, die Spaß machen“

Nobelpreis: Artemisinin und Ivermectin sind hochwirksame Arzneien gegen Infektionskrankheiten.

Drei Forscher, deren Arbeit Millionen von Menschen ihr Leben verdanken, erhielten den „Nobelpreis für Medizin oder Physiologie“. Ein Aufschwung der Tropenmedizin ist deswegen nicht zu erwarten, denn die Ausbreitung von einst rein tropisch-subtropischen Infektionskrankheiten ist so weit fortgeschritten, dass die Tropenmedizin heute normaler Teil der Infektiologie ist, sagt Dr. Christoph Wenisch.

Sind die Laureaten Campbell, Omura (Nobelpreis für ihre Entdeckung des Anti-Wurmparasiten-Wirkstoffs Avermectin) und Youyou Tu (Nobelpreis für die Isolation des pflanzlichen Malariamittels Artemisinin) drei wissenschaftliche Außenseiter? „Nein, viele Menschen laufen unter der Wahrnehmungsschwelle, aber wir haben das schon mitbekommen, dass die Sterblichkeit so stark zurückgegangen ist, und dass man Malaria so gut behandeln kann. Das haben wir genau diesen Leuten zu verdanken. “Dr. Christoph Wenisch weiß wovon er spricht, der Facharzt für Innere Medizin, Intensivmedizin, Infektiologie und Tropenmedizin arbeitet am Tropencenter Wien-Süd.

Die diesjährigen Medizinnobelpreis-Preisträger haben sich mit Parasitosen befasst. Einen Aufschwung für die heimische Tropenmedizin erwartet Wenisch nicht. Zu Unrecht, wie er meint, denn: „Wir haben hier eine Sammlung von Fällen, die im Land entstanden sind aufgrund des Klimawandels, der gewisse Infektionskrankheiten zu uns gebracht hat, die es früher nur in den Tropen und den Subtropen gab.“ Von Flugreisenden eingeschleppte Tropenkrankheiten, die man früher nur in entlegenen Landstrichen gesehen hat, sind heute nichts Besonderes mehr: das Dengue-Fieber, die Cholera, Typhus-Infektionen, Malaria.

Kurzum: Die Tropenmedizin ist nicht mehr so tropisch, im Sinne von exotisch, wie früher, sondern Teil der Infektiologie.

Malaria: Wie ein Verkehrsunfall

Das größte Interesse bei der Verkündung der Preisträger galt der Chinesin Tu. Kein Wunder: Sie ist erst die zwölfte Frau unter den 210 Medizin-Nobelpreisträgern. Sie wies vor 43 Jahren nach, dass der Auszug einer chinesischen Heilpflanze gegen Malaria hilft. Den Wirkstoff extrahierte Tu aus dem ausgepressten Pflanzensaft des Einjährigen Beifußes, auch „Qinghao“ genannt. Daraus synthetisierte sie das Derivat Dihydroartemisinin, das heute in der Behandlung schwerer Formen der Malaria eingesetzt wird. Die von der WHO empfohlene „Artemisinin-basierende Kombinations-Therapie“ (ACT) ist wirksamer als ältere Therapien, gegen die mittlerweile viele Malariastämme weltweit resistent sind. Resistenzen sind auch bei Artemisinin bekannt, allerdings nicht aus Afrika. Wenisch: „Malaria muss man sich wie einen Verkehrsunfall vorstellen. Wenn man das schnell therapieren kann, dann bleiben keine Schäden, das macht schon Spaß mit solchen Medikamenten zu arbeiten.“ Im April 2014 starb der Filmemacher Michael Glawogger als Folge eines solchen Verkehrsunfalls. „Das macht wiederum keinen Spaß, wenn man hört, dass Malaria zu spät erkannt oder therapiert wurde. Gut hilft, wer schnell hilft. Und da braucht man Medikamente, die in der Lage sind, die Parasiten schnell abzutöten.“

Ihren geringen Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit verdanken die drei Ausgezeichneten auch ihrem bescheidenen Auftreten. Satoshi Omura meinte, die eigentliche Leistung hätten die von ihm erforschten Mikroben vollbracht: „Es wäre angemessen, wenn man ihnen den Preis verleihen könnte.“

Martin Burger, Ärzte Woche 42/2015

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