zur Navigation zum Inhalt
© Hendrik Schmidt / dpa
Bakterien sind die häufigsten Auslöser eines Reisedurchfalls.
 
Infektiologie 29. Juli 2015

Endlose Sitzungen während oder nach dem Urlaub

Die Ursachen eines Durchfalls sind allen mikrobiologischen Klassen zuzuordnen.

Diarrhoe ist ein häufiges Krankheitssymptom, das Reisende während und/oder nach einem Trip zum Arzt führt. Die Problematik zeigt sich bei näherer Betrachtung: Nicht immer ist dem Arzt oder auch dem Reisenden der Zusammenhang zwischen Auslandsaufenthalt und Symptom klar, etwa bei Krankheiten mit längerer Inkubationszeit.

Jedes Jahr kehren Tausende Touristen krank von einer Fernreise zurück. Den Symptomen können Krankheiten zuzuordnen sein, die allgegenwärtig sind („cosmopolitan diseases“) und die differentialdiagnostisch wegen der Fixierung auf spezifische Tropenkrankheiten eventuell unberücksichtigt bleiben. Zudem können die Symptome in beliebigen Kombinationen auftreten. Und letztlich muss bei Auftreten dieser Krankheitszeichen nicht zwangsläufig von einer Infektionskrankheit ausgegangen werden. Auch nicht-infektiöse Krankheiten können Symptome dieser Art auslösen. Die Kriterien eines Durchfalls sind definitionsgemäß erfüllt, wenn täglich drei oder mehr ungeformte Stühle abgesetzt werden.

Die Ursachen eines Durchfalls sind mit Ausnahme der Prione allen mikrobiologischen Klassen, Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten, zuzuordnen, wobei Pilze keine klassischen Durchfallerreger sind. Einzig bei massiver Minderung der natürlichen Darmflora und gleichzeitigem Überwuchern von Sprosspilzen wie bei Breitbandantibiotikabehandlung wurden diese mit einer gleichzeitig bestehenden Diarrhoe in einen Zusammenhang gebracht.

• Viren: Die klassischen Auslöser einer reiseassoziierten Diarrhoe sind Noroviren. Insbesondere Schiffskreuzfahrten bergen ein Risiko, da viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Neben dem plötzlichen Beginn mit Übelkeit, sind auch begleitendes Erbrechen und eine durch den nur schwer kompensierbaren Flüssigkeitsverlust bedingte Kreislaufschwäche bis zur Kollapsneigung typische Zeichen dieser Erkrankung. Noroviren gelten als hoch-infektiös und bedingen meist Ausbrüche mit dem Charakter einer „Explosivepidemie“.

• Auch Vertreter von Adeno-, Astro- und Caliciviren gelten als Auslöser einer Reise-Diarrhoe. Bei Kindern ist zusätzlich an Rotaviren zu denken. Gerade diese führen oftmals zu einer massiven und rapiden Dehydrierung. Die Mängel in einer kompetenten intensivmedizinischen kinderärztlichen Betreuung in vielen Reiseländern schlagen sich in einer fünfzigfachen Erhöhung der Mortalität ungeimpfter Kinder nieder. Dies sollte Eltern bewusst gemacht werden, die mit ihren Kleinkindern in solche Regionen reisen möchten. Die Diagnostik viraler Ursachen erfordert die Verfügbarkeit spezifischer Testmethoden (ELISA, PCR), die in den meisten Reiseländern aus Kostengründen, aber auch mangels einer therapeutischen Konsequenz nicht gegeben ist.

• Bakterien: Der häufigste Auslöser eines Reisedurchfalls ist ein mit spezifischen Giftstoffen ausgestatteter „üblicher“ Darmkeim: Escherichia coli (enterotoxigene E. coli = ETEC). Neben ETEC gibt es auch andere enteropathogene E. coli-Varianten, die Diarrhoe verursachen können, wie EHEC (enterohämorrhagische E. coli; blutige Diarrhoe und Komplikationsgefahr durch Nierenschädigung). Weitere häufige Erreger der Reisediarrhoe sind Salmonellen und Campylobacter-Arten. Bei manchen dieser Infektionen kann es zu Fieber kommen. Bei invasiven Salmonellen-Arten (z. B. S. Typhi und S. Paratyphi) ist Fieber das initiale Kardinalsymptom, Durchfall tritt erst später auf. Hier kommt es zu einem steten Anstieg des Fiebers, Werte von über 40°C sind möglich. Die als pathognomonisch geschilderte Trias Fieber plus Hautveränderung in Form von Roseolen plus eine für hochfieberhafte Erkrankung atypische Pulsverlangsamung (Bradycardie) zeigt sich in 30 Prozent der Fälle. Bedingt durch die Gewebeinvasion dieser Erreger kommt es bei unbehandelten Fällen häufig zu Komplikationen wie Darmperforation, Sepsis oder der Ausbildung metastatischer Abszesse. Diese Manifestationen stellen allesamt lebensbedrohliche Zustände dar. Beachtung findet die Tatsache, dass es bei Salmonellen und Campylobacter-Stämmen zu Resistenzentwicklungen gekommen ist. Noch vor zehn Jahren hochwirksame Antibiotika haben ihre Wirksamkeit verloren. Manchmal stehen Antibiotika nur als intravenös zu verabreichende Mittel zur Verfügung.

• Seltener treten Infektionen mit Shigellen und Yersinien auf. Shigellen können milde Bauchbeschwerden, aber auch eine massive blutig-eitrige Diarrhoe, begleitet von Bauchkrämpfen („bakterielle Ruhr“) auslösen, ein schweres und mit Komplikationen behaftetes Krankheitsbild. Auch hier sind Resistenzentwicklungen zu beobachten. Durch die enge Verwandtschaft mit E. coli können sich diagnostische Probleme ergeben. Die Vorsorge wird durch eine niedrige minimale Infektionsdosis erschwert, eine genaue Einhaltung nahrungshygienischer Maßnahmen ist in Risikogebieten anzuraten, wegen der Kontaminationsgefahr sicherer Nahrungsmittel nach der Zubereitung durch Fliegen, weil selbst sichere Nahrungsmittel schon durch den Kontakt mit Fliegen kontaminiert werden können.

Prof. Dr. Martin Haditsch ist Ärztlicher Leiter des TravelMedCenters Leonding und Ärztlicher Leiter des Labor Hannover MVZ GmbH.

Martin Haditsch, Ärzte Woche 26/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben