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No way José! In vielen Urlaubsländern ist die Durchseuchung mit HIV hoch.
 
Infektiologie 24. Juni 2015

In der Ruhe liegt das Risiko

Urlauben bis der Arzt kommt. Souvenirs, die unter die Haut gehen. Plus: Das Phänomen Leisure Sickness.

Reisen bildet – so oder so. Auf Fernreisen lernt man exotische Ausdrücke wie Chikungunya oder Dengue mitunter näher kennen als einem lieb ist. Doch nicht das gefürchtete hämorrhagische Fieber ist die gefährlichste Reisekrankheit, sondern Unfälle im Straßenverkehr. Gefolgt von Durchfall, Influenza und Hautausschlag.

Es hat Zeiten gegeben, da war eine Fernreise ein Staatsakt. Abenteurer und Forscher wie der Botaniker Johann Baptist Emanuel Pohl, überquerten 1817 im Auftrag des Kaiserhauses den Atlantik, um das Innere von Brasilien zu erforschen. Auf uralten Handelswege ritten die Forscher kreuz und quer im Land umher, immer auf der Suche nach ausbeutbaren Naturschätzen, begleitet von einem Tross Sklaven. Die Teilnehmer dieser größten je von Österreichern unternommenen Expedition litten unter den klimatischen Bedingungen. Pohl wurde von Gliederschmerzen, Zittern in den Füßen und Übelkeit geplagt. Er notierte: ... mein Zustand war wirklich höchst beunruhigend. Um ihn fast in das Unerträgliche zu steigern, so ward ich während der ganzen langen Zeit, als ich, meiner Erlösung harrend, hier unter meinem Palmendach lag, von Millionen Muskiten gequält. Fast jede Stunde erschien eine andere Art, und sie lösten sich fast regelmäßig ab (J. E. Pohl: Reise im Inneren von Brasilien, Bd.2, 1837).

Auch im 21. Jahrhundert kann, wer allzu gedankenlos verreist, mit Krankheiten im Gepäck zurückkehren, die er vorher nur vom Hörensagen kannte. An Prophylaxe-Wissen mangelt es nicht, wie das folgende medizinische Urlaubs-Glossar verdeutlichen soll.

Autounfall: Die Welt zitiert den Leiter der Tropenmedizinischen Ambulanz der Charité in Berlin mit den Worten: „Unfälle im Straßenverkehr stehen an erster Stelle der tödlichen Reisekrankheiten.“ In vielen Ländern sei der Verkehr viel ungeordneter als in Zentral- und Mitteleuropa. Touristen sollten im Ausland eher noch vorsichtiger sein als daheim. Wer das für übertrieben hält, dem sei eine Studien-Reise nach Neapel empfohlen, um den Verbeulungsgrad der dortigen Pkw in Augenschein zu nehmen (siehe auch Unfallfoto auf Seite 6). Das Risiko eines Unfalls ist im Sommer um 23 Prozent höher als im Rest des Jahres. Das hat die VAV Versicherung errechnet.

Bagatellverletzungen: Am Strand in ihrem Urlaubsdomizil werden Sportarten wie Kitesurfen oder Bogenschießen angeboten. Sie probieren es aus und schneiden sich dabei in den Finger oder in den Fuß. Das kann passieren, muss aber sofort behandelt werden. Klingt logisch, wird aber im Urlaub mitunter vernachlässigt. Im Notfall genügt bereits gründliches Auswaschen des Wundgebietes mit der Hotelseife, um Entzündungen zu vermeiden. Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel hat selbst ein Arzt nicht immer dabei. Das komplexe Thema Wundversorgung behandeln Hatz et al. („Wundheilung und Wundmanagement – Ein Leitfaden für die Praxis“, Springer Verlag, 1993, DOI 10.1007/978-3-662-10982-3).

Chikungunyafieber: Chikungunya, seit über 60 Jahren in Afrika und Asien bekannt, hat im Dezember 2013 in der Karibik, dann auch auf dem Festland zu Ausbrüchen geführt und sich rasant verbreitet. Da es sich hier zum Teil um frequentierte Urlaubsgebiete handelt, kam es im letzten Jahr zu einem deutlichen Anstieg der Importe in Europa. Wird durch Mücken übertragen. Es gibt keine Impfung und keine ursächliche Therapie. Die beste Vorbereitung ist ein konsequenter Insektenschutz.

Dengue-Virus: Dengue gehört mittlerweile zu den häufigsten Infektionen. Das Dengue-Fieber könnte die Malaria in Sachen Gefährlichkeit für Touristen bald überholen. Das Virus wird von Stechmücken vor allem in den Tropen und Subtropen, aber auch im Mittelmeergebiet (Kroatien, Südfrankreich, Madeira) übertragen. Es gibt keine ursächliche Therapie. Ein Impfstoff ist in der fortgeschrittenen Erprobungsphase. Die beste Vorbeugung ist ein effektiver Mückenschutz und Kleidung, die möglichst viel Haut bedeckt. Der Überträger, die Aedes-aegypti-Mücke, fühlt sich in Metropolen wohl. Außerdem ist die Mückengattung tagaktiv. Typische Symptome sind plötzlich eintretendes hohes Fieber, schwere Kopfschmerzen, eventuell retroorbitale Schmerzen, starke Muskel- und Knochenschmerzen („Knochenbrecher-Fieber“), eventuell nur diskretes morbilliformes Exanthem, in schweren Fällen Hämorrhagien (Beschreibung nach Prof. Dr. Andreas Sing, Münchener Medizinische Wochenzeitschrift MMW 155/2013, DOI10.1007/s15006-013-0089-8.

Escherichia coli: Dieses ist der häufigste Auslöser eines Reisedurchfalls. Escherichia coli (enterotoxigene E. coli = ETEC) ist ein mit spezifischen Giftstoffen ausgestatteter „üblicher“ Darmkeim. Die den Durchfall auslösenden Toxine werden als LT (hitzelabiles) und ST (hitzestabiles Toxin) bezeichnet, wobei durchschnittlich circa die Hälfte ausschließlich das LT und je ein Viertel das ST und LT + ST produzieren. Dies sei deswegen wichtig, weil die Kreuzimmunität eines verfügbaren Cholera-Schluckimpfstoffes auf den Schutz vor jenen ETEC-Stämmen beschränkt, die LT produzieren, schreibt Prof. Dr. Martin Haditsch im Fachjournal „Heilberufe“ (s.S.6). Hier hilft einzig und allein die peinlich genaue Einhaltung nahrungshygienischer Maßnahmen. Zu verzichten gilt es auf Leitungswasser, Eiswürfel, Eiscreme, Salate, rohes Gemüse, ungeschälte Früchte, rohe Fisch- sowie Fleischzubereitung.

Fieber allgemein:Niemals unterschätzen! Fieber ist ein ernst zu nehmendes Kardinalsympton nach einer Reise und gebietet eine sofortige Abklärung, sagt der Infektionsepidemologe Haditsch. Nur durch ein sofortiges korrektes Vorgehen können Spätschäden und Todesfälle verhindert werden. Bei fiebernden Patienten ist die Abnahme von Blutkulturen State-of-the-Art, d. h., neben dem Malaria-Test die Untersuchung von allerhöchster Bedeutung und sollte im Idealfall während des Fieberanstiegs erfolgen.

Gelbfieber: Auch Gelbfieber wird von Mücken übertragen und kann unter Umständen tödlich enden. Das Virus kommt in bestimmten tropischen Regionen Südamerikas und Afrikas vor. Eine hocheffektive Impfung bietet einen langfristigen Schutz.

Hepatitis: Es gibt kein Heilmittel gegen die chronische Leberentzündung. Jedes Jahr sterben etwa 60.000 Menschen an Hepatitis B und etwa 350.00 an Hepatitis C. Die Virusinfektion ist in weiten Teilen Asiens verbreitet. Vorbeugend hilft nur geschützter Geschlechtsverkehr und Vorsicht beim Kontakt mit Blut.

Influenza: Nach Auslandsaufenthalten sind virale Infektionen für Fieber verantwortlich. Zu den häufigsten Erregern zählt als „cosmopolitan disease“ die Influenza bzw. ILI (Influenza like illness). Seit 2013 gibt es eine Reihe neuer Vogelgrippe-Viren. Ein Reassortment mit humanpathogenen Viren und damit die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch ist theoretisch bei allen zoonotischen Grippeviren möglich. Sie stellen auch weiterhin eine potentielle Gefahr für den Menschen dar.

Japanische Enzephalitis: Sie wird durch Mücken übertragen und kommt hauptsächlich in ländlichen Regionen vor, insbesondere im nördlichen Thailand, Vietnam, Indonesien und den Philippinen. Plötzliches Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen können erste Anzeichen dafür sein. Die Krankheit lässt sich nur symptomatisch behandeln, aber es existiert ein Impfstoff dagegen.

Koliken:Ungewohnte Ernährung mit Olivenöl und Meeresfrüchten kann Bauchschmerzen und Blähungen auslösen. Blähungen stellen an sich keine gesundheitliche Gefahr dar. Trotzdem können sie für den Betroffenen eine erhebliche Belastung sein und bei empfindlichem Magen-Darm-Trakt kolikartige Schmerzen hervorrufen. Plötzlich auftretende, starke quälende Blähungen sollten abgeklärt werden.

Lassafieber: Es handelt sich um ein weiteres hämorrhagisches Fieber mit hoher Kontagiosität und Letalität. Der Erreger (Arenaviren) hat sein Reservoir in einer Ratte. Ihre Verbreitung ist auf West-Afrika beschränkt und deckt sich mit dem Endemiegebiet des Virus, das 1969 in Nigeria entdeckt wurde. Ein Auftreten neuer Viren, ähnlicher Bedeutung, ist nicht auszuschließen.

Malaria: Malaria ist nach wie vor der „big killer“ unter den Weltseuchen. Zwar sind weltweit die Inzidenzen seit der Jahrtausendwende um 30%, die Mortalität um 47% zurückgegangen, trotzdem stirbt in Afrika jede Minute ein Kind an einer Infektion. Gegen Malaria gibt es keine Impfung. Als Chemoprophylaxe können vor Urlaubsantritt sowie bis zu vier Wochen nach Verlassen des Gebietes Medikamente genommen werden. Reisende sollen sich mit Mückenrepellents und Insektennetzen schützen und ein Notfallmedikament mitführen. Der Ausschluss der Malaria muss so schnell wie möglich erfolgen. Der Goldstandard ist nach wie vor ein „Dicker Tropfen“ (Erfassung auch niedriger Parasitenzahlen; falls positiv in Kombination mit einem Blutausstrich zur Feststellung der Parasitenart). Zunehmend werden parallel auch Schnelltests und die PCR-Methodik eingesetzt. Der Malaria fiel schon die Biedermeier-Reiseschriftstellerin Ida Pfeiffer zum Opfer. Die Globetrotterin aus Wien starb nach der Rückkehr von einer strapaziösen Madagaskar-Reise 1858.

Nahrungsmittelhygiene: Unbedenklich sind frisch gekochtes Gemüse, frisch geschältes Obst (am besten selbst geschält) und gut durchgebratenes Fleisch. Aber: rohes Fleisch (Geflügelaufschnitt, Wurstaufschnitt, Schinken), roher Fisch ( Sushi, kalte Meeresfrüchte, Austern, etc.), Salate jeder Art (v. a. Eier- oder Kartoffelsalat), Milchprodukte (Yoghurt, Topfen, Pudding, Cremedesserts, etc.), Tiefkühlkost (Unterbrechung der Kühlkette ist möglich) und Speiseeis sind gefährlich. Wasser aus der Leitung trinken verbietet sich von selbst.

Orientbeule: Gehört zu den so genannten „Leishmaniasen“, die durch Infektionen mit parasitären Einzellern hervorgerufen werden. An der Stichstelle wird ein chronisches Hautgeschwür verursacht. Der Stich der Mücke wird dabei meist nicht bemerkt. Die Inkubation kann einige Wochen bis mehrere Monate betragen. Allgemeinerscheinungen bestehen nicht. Nach der Abheilung besteht lebenslange Immunität. Mückenschutz in den verseuchten Gebieten (Mittelmeerraum z. B.) ist ein wirksamer Schutz.

Parasiten: Diese Gruppe ist heterogen. Ektoparasiten verursachen nie, Würmer nur in Ausnahmefällen, Durchfall. Gelegentlich kann es bei hochgradigen Wurmbefall zu Blutungen in den Darm kommen, die für Durchfallepisoden verantwortlich sind. Parasitäre Durchfallerreger gehören v. a. der Gruppe der Einzeller an. Entamoeba histolytica ist die Ursache der Amöbenruhr, die durch voluminöse, teils blut- und schleim- (himbeergeleeartig) bedeckte Stuhlentleerungen charakterisiert wird. Diese Auflagerungen resultieren aus umschriebenen Läsionen der Darmwand (Amoebenulcus). Dringen die Erreger weiter ins Gewebe ein und werden sie auf dem Blutweg verschleppt, resultiert daraus der tropische Leberabszess.

Quallen: Selbst der mondäne Strand von Nizza bleibt von Quallenplagen nicht verschont. Und bei Brandwunden hilft nur eins. Sofort mit Essig- oder Salzwasser die Wunde reinigen, auf keinen Fall Süßwasser verwenden und dann einen Arzt aufsuchen.

Ruhr: Bei der bakteriellen Ruhr, Dysenterie (griech. Durchfall), nach ihren Erregern auch Shigellose genannt, handelt es sich um eine mit heftigen Durchfällen verbundene infektiöse Darmerkrankung. Sie dauert unbehandelt ein bis zwei Wochen an. Komplikationen können zum Tod führen, bei adäquater Therapie ist eine schnelle Heilung möglich.

Sonnenbrand: Das was man gerne tut, ist halt oft schädlich. In der Sonne braten, schadet dem Körper. Vor allem am Beginn des Urlaubs, wenn man noch blass und noch nicht an die Kraft der Sonne gewohnt ist. Je schlechter die Haut vorgebräunt ist, umso mehr Erbgut der Zellen wird geschädigt. Mit jedem Schaden steigt das Risiko für Hautkrebs. Selbst ausreichend Sonnencreme, die die gefährliche UV-Strahlung abfängt, kann die Folgen nur abmildern. Gerade die starke Sonneneinstrahlung in Äquatornähe kann darüber hinaus die Hirnhäute reizen. Wer ohne Kopfbedeckung unterwegs ist, muss mit Kopfschmerzen rechnen.

Tollwut: Da die Tollwut ohne Behandlung tödlich endet, ist eine sofortige Nachbehandlung oder eine prophylaktische Impfung nötig. Übertragen wird die Krankheit über tierischen Speichel, der bei Bissen, Kratzern oder verletzter Haut den Virus übertragen kann. Zu den ersten Krankheitszeichen zählen Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit und die Veränderung der Wahrnehmung im Bereich der Bissstelle. Gefährdete Länder: Indien, Thailand, Vietnam, Bali.

Urlaubskrankheit: Ja, es gibt sie. Die Menschen, die Urlaub nicht genießen können. Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil ihnen der Körper regelmäßig einen Strich durch die Rechnung macht! Studien gehen sogar von 3 Prozent der Bevölkerung aus. Genannt wird dieses Syndrom „Leisure sickness“ oder auch Freizeitkrankheit. Dass Menschen verstärkt in der Freizeit krank werden, beobachten Psychologen schon seit Jahren. Forscher der niederländischen Universität Tilburg sind diesem Phänomen nun auch in einer Studie auf den Grund gegangen. Die Forscher sind sich einig, dass der harte Cut zwischen Stressbelastung im beruflichen Alltag, und dessen plötzlichem Wegfall zu dieser Form von Krankheit führen. Der Körper passt sich den Lebensumständen an, indem er ständig Energie zuführt. Höherer Blutdruck und höherer Ruhepuls sind ebenso Folgen, wie eine Dauerbelastung von Leber, Magen und Darm. Die tägliche Arbeit verdeckt diese Symptome, und sorgt dafür, dass wir durch hohe Adrenalinausschüttung eine stärkere Resistenz gegen Krankheiten aufbauen. Genau dieses Gebilde bricht dann bei den Betroffenen am ersten Urlaubstag zusammen (Literatur: Michael Wieden, 2012, „Liquid Work“, DOI 10.1007/978-3-658-00195-7_6).

Venerische Krankheiten: Herpes, Warzen, Syphilis, Gonorrhö und Chlamydien werden durch Geschlechtsverkehr übertragen. Die Verwendung von Kondomen, die sich aufgrund der starken HIV-Verbreitung ohnehin gehören sollte, schützt.

Die Gefahr des Reisens waren schon den Altvorderen bekannt. Aufgehalten hat es sie nicht. Der altösterreichische Mediziner Emil Holub verschenkte nach seiner Rückkehr aus Südafrika 1887 seine naturkundliche Sammlung an 113 Museen und Institutionen. Die Begründung für seine abenteuerlichen Fahrten zu den Viktoriafällen und ins Innere des Sambesibogens: „Du kommst wieder, um das fortzusetzen, was du begonnen hast.“

Martin Burger, Ärzte Woche 26/2015

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