zur Navigation zum Inhalt
© Wilson / fotolia.com
 
Infektiologie 10. Juni 2015

Krankheit als Reisesouvenir

Prophylaxe kann speziell in der Reisemedizin nicht nur schützen, sondern auch Leben retten.

Auf einer Reise krank zu werden oder auch eine Krankheit aus dem Urlaub mitzubringen, lässt sich in den meisten Fällen vermeiden oder zumindest abmildern. Der Apotheker ist oft erster Ansprechpartner für Rat und Empfehlung.

„Das Allerwichtigste vor dem Antritt einer Reise ist eine Reiseanamnese, denn es gibt viele Infektionen mit einem sehr oft streng geographischen Bezug“, ist die vordinglichste Empfehlung, die Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien, auf der Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming Anfang des Jahres mit Nachdruck gab.

Auf zum Arzt und in die Apotheke

Wohin geht die Reise, zu welcher Jahreszeit, wann wurde in den vergangenen Jahren wogegen geimpft, welcher Reisestil wird gewählt – Wohnwagen oder Luxushotel – welche Ernährungsumstellung ist zu erwarten, welcher Reisezweck liegt vor? Auf der Grundlage der Antworten auf diese Fragen lassen sich das Risikoprofil und die passende Prophylaxe erstellen. Der Arzt kann bereits vorbeugende Maßnahmen einleiten, z.B. fehlende Impfungen durchführen oder wieder auffrischen. Der nächste Weg sollte in die Apotheke führen. „Je nach den Reiseangaben stellen wir individuell eine Reiseapotheke zusammen, die Präparate und Hilfsmittel für die Vorbeugung aber auch als erste Hilfe bei Notfällen enthält“, erklärt eine Mitarbeiterin der Mödlinger Apotheke „Alte Stadt“.

Ebenso wichtig wie die Zahnbürste ist auch der Fiebermesser! So kann bereits der Beginn und der Schweregrad einer Erkrankung festgestellt und entschieden werden, ob ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden muss. „In manchen Fällen, wie lebensbedrohlichen Krankheiten, etwa Malaria tropica, kann es erforderlich sein, dass Primärmaßnahmen durch den Laien vorgenommen werden müssen – eine Notfallmedikation, bis eine professionelle Hilfe eintrifft. Das ist natürlich nicht ohne Risiko, vor allem bei Kindern, aber immerhin eine Möglichkeit.“ Dabei müssen Parameter wie Zeitpunkt, Dosis und Modalität der Einnahme, z.B. Malarone® mit reichlich Fett, sowie Nebenwirkungen genau beachtet und schriftlich festgehalten werden.

Wovor wir uns fürchten müssen

EBOLA. „Wie aus medizinischen Mücken mediale Elefanten werden“, bezeichnet Kollaritsch, der auch Leiter des Zentrums für Reisemedizin in Wien ist, die Aufregung über Ebola. Wir essen weder Affen noch Fledermäuse, die Krankheit sei wenig infektiös und nur über Körperflüssigkeit übertragbar, die betroffenen Gebiete sind für den Tourismus uninteressant und die Epidemie sei Dank einer verbesserten Überwachung im Abklingen. „Reisende sind so gut wie nicht gefährdet. Falls erste Anzeichen wie plötzliches Fieber oder Muskelschmerzen auftreten, ist eine Differenzialdiagnose, etwa hinsichtlich Malaria oder Typhus erforderlich.“

PEST. Noch immer aktiv. Obwohl es immer noch Naturpestherde gibt, etwa in Südamerika, Südafrika oder Vietnam, besteht die Gefahr einer Reiseinfektion praktisch nicht, es sei denn unter besonders desolaten Bedingungen. Eine Impfung ist nur in Hochrisikogebieten erforderlich.

SARS. Der Erreger zählt zur Familie der Coronaviridae. SARS (severe acute respiratory syndrome) wird erstmals 2003 diagnostiziert, verschwindet wieder und kommt 2012, vor allem in Saudiarabien und Jordanien zurück. Die Krankheitsbilder reichen von banaler Verkühlung bis zu schweren Atemwegsbeschwerden, ältere Menschen sind besonders anfällig.

MERS-CoV. Diese Virusinfektion ist über die gesamte arabische Halbinsel verbreitet und löst ebenfalls leichte bis schwere Respirationsprobleme aus. Derzeit besteht kaum eine Gefahr, einzelne Fälle durch Einschleppung sind allerdings denkbar, darum ist eine Reiseanamnese im Verdachtsfall besonders hilfreich.

Chikungunya. Auch Europa ist gefährdet. Das Wort bedeutet „zusammenkrümmen“, so stark ist der Leidensdruck durch Muskel- und Gelenksschmerzen, verbunden mit hohem Fieber. Die Virusinfektion wird durch tagaktive Mücken, Culexarten, übertragen und kann auch zu arthritischen Langzeitbeschwerden führen Daher ist auch bei diesen Fällen die Reiseanamnese wichtig. Die Erkrankungen haben sich von Afrika und Indien bis in die Karibik, Mittel- und Südamerika ausgebreitet. Per Dezember 2014 gab es Verdachtsfälle aus 41 Ländern. „Auch wir in Europa sind dafür verletzlich, die Relevanz bei Reisenden aus Endemiegebieten ist durchaus ernst zu nehmen, mehrere tausend Fälle wurden bereits importiert“, warnt Kollaritsch. In Italien wurde 2007 eine lokale Epidemie durch einen Reisenden aus Indien ausgelöst. Im Oktober 2014 gab es autochthone Fälle in Frankreich. Derzeit ist nur eine symptomatische Therapie möglich. Deshalb gilt die Empfehlung, in der Regenzeit verseuchte Gebiete nicht aufzusuchen und die Haut durch ständiges Eincremen und mit Sprays entsprechend zu schützen. Der Apotheker kann hier bei der Auswahl helfen. An einem Impfstoff wird gearbeitet.

Malaria. Global wird zwar ein Rückgang an Malariafällen festgestellt, trotzdem meldete die WHO 2014 ca. 220 Millionen klinische Malariafälle und 600.000 Tote! Außerhalb von Afrika sind auch Amazonien, Indien, Afghanistan und Indochina Risikogebiete. Der Rückgang der Malariafälle ist vor allem einer besserer Überwachung, einer konsequenteren Behandlung und mehr Wissen über die Gefahren zu verdanken. Eine Vorsichtsmaßnahme, die ganz leicht zu erfüllen ist: Bettnetze, die Schutz vor den Stechmücken bieten!

Als Malariaprophylaxe und Therapeutika steht in Österreich eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung. Tatsächlich in Verwendung zur Prophylaxe sind u.a. Chloroquin, Mefloquin, Ato+Pro und Doxycycline; für die Therapie ist zusätzlich Chinin im Einsatz. Zur Auswahl gibt es spezielle Dosen und ebenso Präparate für Kinder verschiedenen Alters. Eine Infektionsverhütung durch „Insect Protection Measures“ kann die Infektion bei konsequenter Anwendung bis zu 90 Prozent senken. Eine Krankheitsverhütung durch Chemoprophylaxe, die meist die bereits entwickelten Blutformen des Erregers tötet, kann bei einer korrekten Einnahme der Präparate eine Effizienz bis zu 95 Prozent erreichen. Das lohnt sich also!

Quelle: Wissenschaftl. Fortbildungswoche für Apotheker, Schladming, Februar 2015

Quiz: Reisemedizinische Prophylaxe

Wie jedes Jahr stellte Prof. Dr. Herwig Kollaritsch Fragen an das Publikum:

Infektionsgefahr? Ein Angestellter der Botschaft von Liberia präsentiert sich mit hohem Fieber, trockenem Husten und Durchfall. Zuletzt war er vor fünf Wochen in Liberia.

Antwort: Ein Ebola-Verdacht ist auszuschließen, da die Inkubationszeit kürzer als fünf Wochen ist.

Welches Malariamedikament ist am ehesten bei Gravidität erlaubt?

Antwort: Mefloquin.

Welche Altersgrenze ist bei Doxycyclin zu beachten?

Antwort: Acht Jahre

Welches Malariamedikament ist als Prophylaktikum für Schwarzafrika am besten für Kinder unter drei Jahren geeignet ?

Antwort: Mefloquin, weil es auch am sichersten wirkt und einfach zu dosieren ist.

Welches Land gilt nach wie vor als polioendemisch?

Antwort: Nigeria

Welcher Zustand gilt als klare Kontraindikation für Tropenreisen ?

Antwort: PaO2<70 mm Hg ohne ständige Sauerstoffgabe

Gerta Niebauer, Apotheker Plus 5/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben