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Infektiologie 7. April 2015

HIV: Heilung rückt näher

Derzeit ist HIV durch eine antiretrovirale Therapie ganz gut im Griff. Neue Ansätze könnten sogar eine vollständige Heilung ermöglichen.

Wer in Österreich lebt, hat gute Chancen, trotz HIV-Infektion eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie die übrige Bevölkerung zu haben. Die moderne antiretrovirale Therapie macht das möglich. Mithilfe von Gentherapien erhoffen sich Forscher eines Tages sogar die Heilung.

Weltweit leben etwa 35 Millionen Menschen, die sich mit HIV infiziert haben. In Österreich sind es etwa 10.000 Menschen. Rund 90 Prozent der Infizierten erhalten hierzulande eine antiretrovirale Therapie. Doch viele HIV-Infizierte wissen nichts von ihrer Infektion. Man schätzt, dass das weltweit bei 19–20 Millionen und in Österreich bei rund 3.000 Menschen der Fall ist. Ein bis zwei Personen infizieren sich in Österreich pro Tag mit HIV. 42 Prozent aller Menschen infizierten sich bei heterosexuellen Kontakten, 38 Prozent bei homosexuellen Kontakten, 16 Prozent intravenös, 4 Prozent unbekannt.

Hohe Lebenserwartung

Aufgrund der sehr guten Therapieoptionen haben behandelte HIV-Infizierte inzwischen eine ähnliche Lebenserwartung wie Gesunde. Die Palette der Arzneien wurde bis heute auf weit über 20 Präparate aus fünf Wirkstoffklassen erweitert. Acht Fixkombinationen mit zwei oder drei Wirkstoffen – gegebenenfalls mit einer Booster-Substanz – in einer Tablette, einmal täglich eingenommen, vereinfachen die Therapie und erhöhen die Adhärenz.

Weil die Therapie viel verträglicher als zu Beginn der Pandemie ist und da sich in Studien gezeigt hat, dass optimal behandelte HIV-Infizierte mit maximaler Virusunterdrückung den Erreger nicht weitergeben, ist das Interesse an dem Konzept „treatment as prevention“ stark gewachsen. Studien zufolge lässt sich durch eine solche Behandlung das HIV-Übertragungsrisiko um 96 Prozent verringern.

Präexpositionsprophylaxe

Inzwischen wurde dieses Konzept in Empfehlungen der „Centers for Disease Control and Prevention“ aufgenommen. Danach muss vor einer solchen Prophylaxe belegt sein, dass keine HIV-Infektion vorliegt und die Nierenfunktion normal ist. Empfohlen wird das Kombiprärat Tenofovir plus Emtricitabin bei Männern mit HIV-infiziertem Sexualpartner.

Dass diese Prophylaxestrategie erfolgreich ist, zeigt auch die iPrEx-Studie (Pre-Exposure Prophylaxis Initiative) mit über 1.200 HIV-negativen Probanden, die täglich Tenofovir und Emtricitabin einnehmen sollten. In der Gruppe derer, die auf die Prophylaxe per Tablette setzten (76 % der Teilnehmer), aber auf Kondome verzichteten, lag die HIV-Inzidenz bei 1,8 Infektionen pro 100 Personenjahre. In der Gruppe ohne medikamentöse Prophylaxe und Kondomgebrauch waren es mit 2,6 Infektionen pro 100 Personenjahre deutlich mehr.

Hoffnung auf Heilung

Große Hoffnung setzen AIDS-Forscher in gentherapeutische Strategien, bei denen die von HIV bevorzugten Immunzellen resistent gegen den AIDS-Erreger gemacht werden. Fehlt den Zellen die Andockstelle für das Virus, kann es die Zellen nicht infizieren, was eindrucksvoll bei Timothy Ray Brown, dem „Berlin-Patienten“ zu sehen ist. Er hatte vor mehr als fünf Jahren im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung Knochenmark von einem Spender erhalten, dessen Immunzellen aufgrund einer Mutation die Andockstellen für HIV fehlten.

Trotz Absetzen der antiretroviralen Therapie ist bei ihm auch heute – mehr als fünf Jahre nach Therapieende – HIV nicht nachweisbar. Brown gilt als geheilt. Jetzt versuchen Forscher, den Erfolg mit weniger drastischen Therapien zu wiederholen. Dabei werden autologe Immunzellen ex vivo genetisch verändert und dann reinfundiert. Eine erste Studie mit zwölf Patienten lässt vermuten, dass der Eingriff sicher ist. Die Halbwertszeit der veränderten und dadurch HIV-resistenten Zellen im Körper beträgt fast ein Jahr.

 

Der Originalartikel ist erschienen in „MMW – Fortschritte der Medizin“ 2/2015, DOI 10.1007/s15006-015-2634-0, © Springer Verlag.

Literatur:

1.Statistik HIV/AIDS 2014,

Aidshilfe Salzburg

2. Unaids Report on the global AIDS epidemic 2013

3. iPrEx-Studie: www.iprexnews.com

4. MMWR 2014; 63: 437

5. Teba P et al. NEJM 2014; 370: 901–91

6. Grant RM et al. Lancet Infect Dis 2014; 14: 820–829

7. RKI – Epid. Bulletin; 44/2014: 3. November.

PK/springermedizin.de, Ärzte Woche 15/2015

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