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© Rohde/DSMZ
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von Zellen des E.-coli-Typstamms DSM 30083T.
 
Infektiologie 19. Jänner 2015

Colibakterium genetisch enträtselt

Das Genom des Escherichia-coli-Typstamms ist endlich sequenziert. Im Erbgut fand sich pathogenes Potenzial.

Das Darmbakterium Escherichia coli ist der am besten untersuchte Modellorganismus der Wissenschaft. Allerdings blieb der Referenzorganismus dieser Art, der sogenannte Typstamm, bisher von der mikrobiellen Genomik unberücksichtigt. Jetzt wurde das Erbgut des Typstamms DSM 30083T sequenziert und mit nahen Verwandten verglichen.

Die Untersuchungen erlauben nicht nur eine ganz neue Sicht auf die Vielzahl von medizinisch und biotechnologisch relevanten E.-coli-Stämmen, einschließlich der pathogenen EHEC-Erreger und Shigellen, sondern lieferten auch eine allgemein anwendbare Methode, um bakterielle Arten in Unterarten einzuteilen.

Die Forschungsarbeiten wurden am Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH in Braunschweig und am Joint Genome Institute in Kalifornien durchgeführt.

Haustier der Mikrobiologen

Das Darmbakterium Escherichia (E.) coli, das „Haustier“ der Mikrobiologen und Biotechnologen, hat eine bewegte Geschichte. Vom Bakteriologen Theodor Escherich im Jahre 1886 erstmals unter dem Namen „Bacterium coli commune“ beschrieben, ging das ursprüngliche Isolat in den frühen 1920er Jahren verloren. Erst 1941 wurde es von Fritz Kauffmann am Staatlichen Serum-Institut in Kopenhagen erneut isoliert, wissenschaftlich beschrieben und in mehreren mikrobiellen Stammsammlungen hinterlegt.

Heute ist E. coli der wohl am besten erforschte Mikroorganismus und ein wesentlicher Indikatorkeim für Badegewässer und das Trinkwasser. „Es mutet sicher eigenartig an, dass gerade die Nummer Eins, der Typstamm des Bakteriums, dem als Modellorganismus ganze Kongresse gewidmet sind, erst jetzt in seiner Sequenz vollständig aufgeklärt wird“, vermerkt Dr. Christine Rohde, Leiterin der E.-coli-Stammsammlung an der DSMZ in Braunschweig. „Zuerst sequenzierte man vorrangig die Genome von pathogenen E.-coli-Vertretern oder genetisch veränderten biotechnologisch relevanten Stämmen. Außerdem arbeiten Mediziner und Hygieniker in der Praxis eher mit Serotypen, die sich schnell durch einen Antikörpertest bestimmen lassen, um verschiedene E.-coli-Stämme zu unterscheiden.“

Dr. Markus Göker, Bioinformatiker an der DSMZ führt weiter aus: „Vollständige Bakteriengenome sind für die humane Diagnostik, die Biotechnologie und die Suche nach antimikrobiellen Wirkstoffen von fundamentaler Bedeutung. Das gilt gerade heute, nachdem sich einige E.-coli-Stämme zu gefährlichen Problemkeimen wie EHEC oder EAHEC entwickelt haben.“ Der E.-coli-Typstamm wurde im Rahmen des GEBA-Projekts (Genomic Encyclopedia of Bacteria and Archaea) sequenziert, dessen Fokus auf Typstämmen mit außergewöhnlicher Physiologie oder einer Schlüsselstellung im Stammbaum liegt. „Es handelt sich um den einzigen Mikroorganismus im Projekt, der aufgrund seiner Bedeutung als Modellorganismus aufgenommen wurde“, so Göker.

Pathogenes Potenzial im Erbgut

Der E.-coli-Typstamm unterscheidet sich physiologisch und genomisch stark vom ungefährlichen Laborstamm K-12. „Aufgrund seines Serotyps wurde der Typstamm in die biologische Sicherheitsstufe 2 eingeordnet, und die Genomsequenzierung bestätigte sein pathogenes Potenzial“, berichtet Dr. Jörn Petersen, Plasmidexperte an der DSMZ. „Im Gegensatz zum Laborstamm K-12 enthält der E.-coli-Typstamm in seinem 5.038.133 Basenpaare langen Genom ein zusätzliches ringförmiges Plasmid mit 131.289 Basenpaaren, das eine Sequenzidentität von 99 Prozent zu bekannten Plasmiden aus pathogenen E.-coli-Isolaten aufweist. Diese verursachen z. B. die Colibacillose bei Geflügel und Hirnhautentzündungen bei Neugeborenen, wobei das horizontal übertragbare Plasmid für die Virulenz dieser Stämme verantwortlich ist.“

Moderne Stammbaumanalyse am Computer

Mithilfe der kompletten Genomsequenz des E.-coli-Typstamms ist es den Forschern in Braunschweig gelungen, mit modernen taxonomischen Methoden zu prüfen, ob die große Anzahl der bisher sequenzierten E.-coli-Isolate wirklich zur gleichen Art gehören. „Wir haben dazu über 250 E.-coli-Stämme analysiert und auch ihre in der Literatur vorgeschlagene taxonomische Einteilung in Untergruppen, die Phylotypen, überprüft.“ Die bioinformatische Analyse wurde mit der sogenannten GGDC-Methode (Genome-to-Genome Distance Calculator) nach dem neuesten Stand der Technik durchgeführt. „Diese Methode ist analog zur klassischen DNA-DNA-Hybridisierung im Labor, aber wesentlich exakter“, erklärt Göker.

Shigellen sind eigentlich Colibakterien

Die Ergebnisse belegen die Zugehörigkeit aller sequenzierten E.-coli-Stämme zu einer Art. Eine neue Erkenntnis ist, dass E. coli in mehrere Unterarten aufgeteilt werden müsste, von denen die eine sämtliche Stämme der Gattung Shigella enthält, bekannt als Erreger der Shigellenruhr. „Shigella ist jedoch ein aus medizin-historischen Gründen etablierter Name, sodass wir nicht auf taxonomische Änderungen abzielten“, so Göker. „Viel wichtiger ist, dass sich die an E.-coli erprobten Verfahren nutzen lassen, um generell bakterielle Arten in Unterarten einzuteilen.“

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