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Das Krankheitsgefühl ist bei der Influenza deutlich ausgeprägter als beim grippalen Infekt.
 
Infektiologie 5. Dezember 2014

Erneut einmal um die Welt

Ein Update zur Influenza-Saison 2014/2015: Wenige Fakten, viele Spekulationen.

Erneut rüsteten sich die Influenza-Viren genetisch auf und werden in Bälde auch Österreichs Ordinationen befüllen. Eine Voraussage, wie die Grippe-Epidemie verlaufen wird, ist wie jedes Jahr spekulativ. Die letzte Grippewelle war bemerkenswert, denn zum einen setzte die Influenza-Aktivität in Europa etwa fünf Wochen verspätet ein und breitete sich zum anderen nur langsam aus.

„Zudem sind sieben Spieler leicht grippeerkrankt, sagte der Fußball-Teamchef, „ich hoffe aber, dass alle übermorgen bis zum Match einsatzfähig sind.“

Eine Meldung aus einer heimischen Zeitung. Es ist nur eine von vielen Nachrichten, die zeigt, wie die Begriffe „Grippe“ und „grippaler Infekt“ beständig vertauscht werden, denn wer an einer echten Grippe erkrankt ist, kann unter keinen Umständen zwei Tage später Hochleistungssport bieten.

Zum Unterschied zur Influenza werden grippale Infekte durch verschiedene Krankheitserreger wie Rhinoviren, Coronaviren oder Adenoviren ausgelöst werden. Die Erreger werden durch Tröpfcheninfektion übertragen oder gelangen über kontaminierte Hände auf die Schleimhäute, die vor allem bei feuchtkaltem Wetter vorgeschädigt und somit vulnerabler sind. Die oftmalige Verwechslung der Begriffe „grippaler Infekt“ und „Grippe“ bewirkt jedoch, dass die echte Influenza verharmlost wird, was wiederum den Impfmuffeln in die Hände spielt.

Schutzimpfung wirksam

Dabei empfehlen Impfkommissionen weltweit die Grippeschutzimpfung vor allem Menschen ab 60 Jahren, Personen mit Grundkrankheiten wie Diabetes mellitus oder Asthma, Schwangeren, medizinischem Personal und Betreuern von Risikopatienten.

Auch eine rezente niederländische Metaanalyse bestätigt den Nutzen der Impfung bei Senioren. So haben Mitarbeiter der Universität Groningen ( Darvishian M et al.; Lancet Infect Dis 2014; 14: 1228–39 ) versucht, die typischen methodischen Schwächen von Influenza-Studien zu umgehen (z. B. nicht die unspezifischen Endpunkte „Grippe, grippeartiger Infekt oder Pneumonie“ anvisieren), in dem ausschließlich Test-negative Fall-Kontroll-Studien einbezogen wurden. Das Ergebnis: Wenn die Impfung mit den zirkulierenden Viren übereinstimmte, dann senkte sie das Risiko für eine Influenza bei sporadischen Ausbrüchen um 31 Prozent, bei regionalen um 58 Prozent und bei großflächigen um 46 Prozent. Im Fall einer Epidemie zeigte sich ein Schutzeffekt, auch wenn der Impfstamm von den zirkulierenden Viren abwich, mit einem Rückgang des Infektionsrisikos um 43 Prozent (regional) bzw. 28 Prozent (großflächig). Keine Schutzwirkung fand sich dagegen bei lokaler Virusausbreitung, unabhängig davon, ob die Vakzine passten oder nicht.

Die niederländischen Epidemiologen sind daher überzeugt, „dass die saisonale Influenzaimpfung als Präventionsmaßnahme zur Reduktion der Influenza und ihrer Komplikationen bei älteren Menschen erhalten bleiben sollte“. Michael Jackson vom Group Health Research Institute in Seattle ist in einem Begleitkommentar etwas weniger euphorisch: „Die Ergebnisse legen nahe, dass Influenzaimpfprogramme für Ältere einen geringen bis mittelmäßigen Nutzen haben.“

Mutationsfreudige Viren

Über die Zusammensetzung der jährlichen Vakzine entscheidet ein von der WHO eingesetztes Expertengremium. Da die virale RNA-Polymerase eine hohe Lesefehlerrate hat, ist die Mutationsrate der Grippeviren sehr hoch (300-fach höher als bei anderen Mikroorganismen). Die Punktmutationen der Oberflächenproteine führen zu einem „Antigendrift“, der jedes Jahr aufs Neue die Epidemie lostritt und dafür sorgt, dass die erworbene Immunität gegenüber den Viren im Folgejahr nur begrenzt wirkt.

Die Erreger der Influenza stammen aus den Virusgattungen A und B, wobei insbesondere das Virus A mutationsfreudig, weshalb sich die Bestandteile der Virushülle, nämlich Hämagglutinin (H) und Neuramidase (N) beständig verändern. Influenzaviren werden daher nicht nur nach ihrem Serotyp (A oder B) beschrieben, sondern auch nach der Art der Hüllenbestandteile (z. B. H5N1).

Die Vielfalt der Influenza-A-Viren kommt am deutlichsten durch die große Zahl der H- und N-Subtypen zum Ausdruck. Während bei Mensch, Schwein, Pferd und anderen Säugern bislang nur ein Teil dieser Subtypen beobachtet wurde, findet man bei Vögeln fast das gesamte Spektrum. Man geht heute davon aus, dass Wasservögel (Gans, Ente, Möwe) die natürlichen Wirte der Influenza-A-Viren sind. Mehr als hunderte H- und N-Kombinationen wurden in diesen Tieren entdeckt.

Auch fliegend unterwegs

Die meisten aviären Influenzaviren rufen in ihren natürlichen Wirten keine bis nur milde Symptome hervor. Diese niedrig pathogenen Viren müssen von den hoch pathogenen aviären Influenzaviren (herkömmlich Geflügelpestviren genannt), unterschieden werden. Hierbei handelt es sich um Viren der Subtypen H5 und H7, die eine extrem hohe eine Letalitätsrate (etwa 75 Prozent) aufweisen. Im Gegensatz zur lokalen Infektion der apathogenen aviären Viren, die sich in der Regel auf den Respirations- bzw. den Verdauungstrakt beschränkt, führen die hoch pathogenen Viren zu einer systemischen Infektion.

Die hoch pathogenen Erreger entstehen, wenn niedrig pathogene Viren der Subtypen H5 und H7 von Wasservögeln auf Hühner übertragen werden und dann mutieren. Demnach kommen hoch pathogene Viren natürlicherweise nicht bei Wasservögeln vor, jedoch scheint es vor einigen Jahren zu einer Rückübertragung von H5N1-Viren von Hühnern auf Wassergeflügel gekommen zu sein.

Am 5. 11. 2014 wurde im deutschen Mecklenburg-Vorpommern ein Ausbruch von hochpathogener Influenza in einem Putenmastbetrieb bestätigt. Am 15.11. meldeten auch die niederländischen Behörden erkranktes Geflügel, am 17.11. bestätigte sich ein Ausbruch auf einer Entenfarm in North Yorkshire, England (die Ärzte Woche berichtete). Mittlerweile wurde der Subtyp als H5N8 identifiziert. Zwar wurden die erkrankten Tiere gekeult, jedoch kann eine weltweite Weitergabe des Virus durch Wildvögel nicht ausgeschlossen werden. Die gute Nachricht ist, dass bislang kein Fall von einer Übertragung vom Tier auf den Menschen bekannt wurde – auch nicht in Asien, wo das H5N8-Virus in den letzten Monaten verstärkt aufgetreten ist.

Der beste Zeitraum für die Grippeschutzimpfung sind die Monate Oktober und November. Der Impfstoff für die Saison 2014/2015 ist in seiner Zusammensetzung unverändert gegenüber der Vorsaison. Experten empfehlen trotzdem auch jenen eine Impfung, die bereits im Vorjahr vakziniert wurden, da die Schutzwirkung vermutlich nur eine Saison anhält und von vielen Faktoren abhängt. Nach der Impfung ist der Impfschutz in zehn bis 14 Tagen aufgebaut.

Neuraminidasehemmer

Haben sich die Influenza-Viren jedoch schon breit gemacht, so werden von der WHO vor allem Neuraminidasehemmer empfohlen. Die Virostatika mussten jedoch Anfang dieses Jahres einen Dämpfer einstecken: So wurden bis dato zurück gehaltene Daten von der Cochrane Collaboration ausgewertet. Diese gestehen Oseltamivir und Zanamivir zwar einen therapeutischen Nutzen zu, der jedoch als zu gering eingeschätzt wird. Die Teams um Heneghan aus Oxford und Jefferson aus Rom haben 20 Studien zu Oseltamivir analysiert. Insgesamt verkürzte sich die Zeit bis zur spürbaren Besserung der Symptome um durchschnittlich 16,7 Stunden, von sieben auf 6,3 Tage. Bei Kindern lag der Unterschied bei immerhin 29 Stunden. ( BMJ 2014; 348: g2545 ).

Vor wenigen Monaten haben sich allerdings drei deutsche Fachgesellschaften für den weiteren Einsatz der Präparate stark gemacht. So kritisierten die Gesellschaft für Virologie (GfV), die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) und die Paul Ehrlich Gesellschaft für Chemotherapie (PEG) in einer Mitteilung, dass die Cochrane Collaboration ihr hartes Urteil nur aufgrund von Placebo-kontrollierten randomisierten Studien und Daten, die überwiegend bei ansonsten gesunden Personen erhoben wurden, fällte. GfV, DVV und PEG wiesen auf eine aktuelle Beobachtungsstudie mit mehr als 29.000 Patienten hin, die in der Analyse nicht berücksichtigt worden war. Eine frühe Therapie mit Oseltamivir habe darin bei Influenza-Infektionen schwere Folgeerkrankungen und die Sterblichkeit signifikant reduziert ( Lancet Respiratory Medicine 2014; 2: 395 ).

Auch Experten der MedUni Wien möchten auf die Neuraminidasehemmer nicht verzichten. In einer Aussendung heißt es: „Neuraminidasehemmer sind keine Wundermedikamente, aber es sei momentan das einzige Mittel, das bei einer möglichen H1N1-Pandemie, also einer länder- oder kontinentübergreifenden Ausbreitung einer Krankheit, zur Verfügung stehe. Daher sei aus Sicht der öffentlichen Gesundheit eine vorbeugende Lagerung für den möglichen Ernstfall gerechtfertigt.“

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