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Die Karibik hat viel zu bieten. Ein blaues Meer, schöne Strände, Palmen, tropische Wälder, Moskitos und Viren.
 
Infektiologie 6. Oktober 2014

Chikungunya-Epidemie in Amerika

Im Schatten der Ebola-Epidemie in Afrika grassiert in Amerika eine Chikungunya-Epidemie. Die Entwicklung von Impfstoffen und Therapien gegen das Chikungunya-Virus läuft auf Hochtouren.

Das Chikungunya-Virus war ursprünglich in tropischen Regionen Afrikas beheimatet. Durch das Tun des Menschen verbreitete es sich jedoch in weiten Teilen der Welt, wo es sich weiterentwickelte und resistenter wurde, sodass es auch schon in Frankreich und Italien Epidemien auslöste. Eine aktuell in Amerika grassierende Epidemie ist das jüngste Beispiel für seine Beharrlichkeit.

Phylogenetische Beweise deuten darauf hin, dass das Chikungunya-Virus in Afrika entstanden ist und sich dort in mehreren Regionen unterschiedlich weiterentwickelte. Das Chikungunya-Virus ist ein Arbovirus (aus dem englischen: arthropod-borne virus), genauer gesagt ein Virus, das durch Arthropoden (Gliederfüßer wie z. B. Insekten) übertragen wird. Moskitoübertragene Arboviren existieren typischerweise lokal in enzootischen Kreisläufen, die nicht-menschliche Wirbeltiere und ein oder mehrere Moskitos einschließen. Bei so einem Zyklus sind Menschen lediglich aufgrund ihrer Nähe zu einem der Lebensräume der Moskitos von einer Infektion gefährdet.

Selten jedoch gelingt es, einem Virus aus so einem enzootischen Kreislauf auszubrechen und einen Moskito-Mensch-Moskito Zyklus zu etablieren. Der Mensch ist somit der primäre verbreitende Wirt, da bei Menschen mit Chikungunyafieber in der ersten Woche der Krankheit ein genügend hohes Maß an Virämie vorliegt, um Moskitos zu infizieren. Derzeit gibt es drei Viren, denen der Ausbruch aus dem Zyklus gelungen ist: dem Gelbfieber-Virus und dem Dengue-Virus, beides Flaviviren, als auch dem Chikungunya Virus. Alle drei verwenden als klassischen Vektor die Aedes aegypti (ägyptische Tigermücke) oder Gelbfiebermücke. Aufgrund des menschlichen Verhaltens, wie zum Beispiel das Lagern von Wasser in oder um eine Behausung in trockenen Gebieten, hat sich vor rund 5.000 Jahren eine ökologische Nische entwickelt, in die sich eine neue Subspezies dieser Mücke einfügte. Da diese Moskitos nun eng mit dem Menschen verbunden waren, verbreiteten sich die Ae. aegypti samt den Viren – Gelbfieber, Dengue und Chikungunya – wegen des Sklavenhandels vor rund 500 Jahren, ausgehend von Westafrika rund um die Welt.

Chikungunya-Virus

Chikungunya heißt sinngemäß aus der Sprache der Makonde (Chimakonde) übersetzt „gekrümmt werden“, was auf die Arthralgien Infizierter zurückzuführen ist. 1952 wurde das Chikungunyafieber erstmals in Tansania entdeckt und vom Denguefieber unterschieden. Da beide Erkrankungen ähnliche klinische Symptome und epidemiologische Muster aufweisen und überdies durch den gleichen Moskitovektor übertragen werden, war eine Unterscheidung schwierig.

Das Chikungunya-Virus ist ein (+)ssRNA-Virus der Gattung Alphavirus. Anfang 2000 mutierte die Viruslinie in der Region des Indischen Ozeans (IOL), was zu einer veränderten Virushülle führte. Dies erhöhte die Überlebensfähigkeit des Virus und damit einhergehend ergab sich die Übertragung durch einen zusätzlichen Vektor, der Aedes albopictus (asiatische Tigermücke). Daraus resultierte eine höhere Virusübertragung, wodurch auch Länder wie Frankreich und Italien von einer Epidemie betroffen wurden. Beide Moskito-Vektoren, Ae. aegypti und Ae. albopictus, samt eingeschleppten Viren sind mittlerweile auch in Amerika weit verbreitet. Im Dezember 2013 kam es zu dem ersten Ausbruch von Chikungunyafieber in der westlichen Hemisphäre. Ausgehend von Saint-Martin, Karibik, hat sich das Virus in 33 Ländern Amerikas weiter ausgebreitet. In der epidemiologischen Woche 40 (September 2014) informierte die Pan American Health Organization / World Health Organization (PAHO/WHO), dass es 10.637 bestätigte Fälle (737.084 vermutete Fälle) von Chikungunyafieber gab. Bereits 118 Menschen starben an den Folgen der Infektion.

Chikungunyafieber

Die rasche Verbreitung des Chikungunyafiebers innerhalb der amerikanischen Bevölkerung ist auch auf die fehlende Immunität gegen das Virus zurückzuführen. Bei einer Infektion mit dem Virus entwickeln die meisten der Betroffenen (72 bis 97 Prozent) symptomatische Leiden des Chikungunyafiebers:

• Akuter Ausbruch von Fieber,

• Erschöpfung („Fatigue“),

• Muskel- und Gelenksschmerzen (arthralgisch),

• Lymphopenie,

• Lymphknotenschwellung,

• Makulopapulösen Hautausschlag (häufig).

Symmetrische Arthralgien kommen gewöhnlich in Fingerknochen, Handgelenken und Knöcheln vor. Nach einem Jahr haben immer noch mindestens 20 Prozent der Patienten schwere wiederkehrende Gelenksschmerzen. Eine Differenzialdiagnose beinhalten Denguefieber und andere arbovirale Infektionen sowie Influenza. Klinisch kann Chikungunyafieber von Denguefieber durch eine persistente oder wiederkehrende Polyarthralgie unterschieden werden, da diese für Denguefieber ungewöhnlich ist.

Derzeit gibt es keine Impfung und keine spezielle Behandlung. Antivirale Wirkstoffe und monoklonale Antikörper-Therapie für Chikungunyafieber befinden sich in einer frühen Testphase. Auch vielversprechende Impfstoffe werden derzeit entwickelt.

Im Moment kann dem Virus durch das Vermeiden von Moskitos begegnet werden. Eine wichtige Rolle spielen auch Kliniker, die diese Krankheit diagnostizieren können und gegebenenfalls melden. In Österreich wird von der MA 15 im Falle einer Erkrankung oder im Sterbefall um eine Meldung gebeten (keine Meldepflicht).

Quellen:

1. Pan American Health Organization / World Health Organization (PAHO/WHO)

2. Chikungunya at the Door – Déjà Vu All Over Again? David M. Morens, M.D., and Anthony S. Fauci, M.D, N Engl J Med 2014; 371:885-887 September 4, 2014

3. Chikungunya-Virus in the Americas – What a Vectorborne Pathogen Can Do; J. Erin Staples, M.D., Ph.D., and Marc Fischer, M.D., M.P.H., N Engl J Med 2014; 371:887-889 September 4, 2014

Philip Klepeisz, Ärzte Woche 41/2014

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