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Ist die HIV-Infektion gut behandelt, so ist der Virus nicht mehr übertragbar.
 
Infektiologie 5. Mai 2014

Noch immer zu viele Unwissende

Eine frühe Diagnose erhöht die Chancen der antiretroviralen Therapie.

Die Freude am großen Erfolg der modernen HIV-Therapie wird durch die Tatsache getrübt, dass noch immer zu viele Menschen von ihrer Infektion nichts wissen.

Was bei HIV-Infizierten bisher erreicht worden ist, bezeichnet Dr. Annette Haberl vom HIV-Center der Universität Frankfurt am Main, Deutschland, als Erfolgsgeschichte der Therapie. Die Patienten haben heute eine fast normale Lebenserwartung, wie sie bei der 120. Jahrestagung der Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden betont hat. Wie erfreulich der Erfolg der HIV-Therapie heute ist, konkretisierte Prof. Dr. Georg Behrens von der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft.

Wird eine HIV-Infektion im Alter von 25 Jahren diagnostiziert, haben optimal antiretroviral behandelte Männer – vorausgesetzt, sie erkranken nicht an Aids – eine Lebenserwartung von zusätzlich knapp 56 Jahren, Frauen von fast 58 weiteren Jahren.

Therapieziel wird meistens erreicht

Therapieziel ist heute, die Virusmenge unter die Nachweisgrenze zu senken, die in den meisten Laboratorien bei 50 HIV-RNA-Kopien pro Milliliter Plasma liegt, in manchen auch bei 30 oder 40 Kopien/Milliliter. Das gelingt inzwischen bei 80 bis 90 Prozent der Behandelten. Und die HIV-Therapie hat noch einen weiteren Vorteil: „Wer gut behandelt ist, kann HIV nicht übertragen“, so Haberl.

Nach Angaben von Behrens erfolgen heute 85 Prozent der Behandlungsregime gemäß den aktuellen Therapieleitlinien. Dabei wird ein antiretroviraler Therapiebeginn empfohlen, wenn die Patienten noch wenigsten 350 CD4-positive T-Zellen pro Mikroliter Blut haben. Je weniger T-Zellen sie haben, umso immungeschwächter sind die Patienten, bei weniger als 200 Zellen/Mikroliter steigt drastisch das Risiko, an der Immunschwäche Aids zu erkranken.

Erschreckend hoch ist allerdings in Deutschland die Zahl der Menschen, die von ihrer HIV-Infektion nichts wissen. Der geschätzte Anteil liegt zwischen 15 und 20 Prozent. Und Infektionsepidemiologen am Robert-Koch-Institut in Berlin gehen sogar davon aus, dass dieser Anteil der Infizierten weiter steigen wird, wie es auf der Veranstaltung hieß. Eine Möglichkeit, dies zu verhindern, könnte sein, Menschen mit „Indikatorerkrankungen“ zur Absicherung einen HIV-Test anzubieten.

Behrens nannte in Anlehnung an eine Studie von Dr. Ann K. Sullivan vom NHS Foundation Trust in London und ihren Kollegen (PLoS One 2013; 8: e52845) acht Krankheiten, bei denen Ärzte an ein solches Angebot denken sollten. Darunter sind außer Geschlechtskrankheiten und Infektionen mit Herpes zoster oder Hepatitis-B- oder -C-Viren auch maligne Lymphome und zervikale oder anale Dysplasien sowie seborrhoische Dermatitis/Exanthem. Selbstverständlich sollte auch männlichen Patienten, die Sex mit Männern haben, sowie Patienten mit Drogengebrauch ein HIV-Test angeboten werden.

Effektive präventive Maßnahme

Dass eine HIV-Therapie eine ausgezeichnete Präventionsmaßnahme sein kann, haben Gynäkologen eindrucksvoll bereits vor 20 Jahren bei HIV-Infizierten Schwangeren erstmals gezeigt. Haberl: „Die Therapie als Prävention ist ein alter Hut.“ Damals gelang durch Therapie von infizierten Schwangeren mit Azidothymidin (AZT) im Vergleich zur Behandlung mit einem Scheinpräparat eine relative Reduktion des Transmissionsrisikos um 67 Prozent: Mit Placebo waren 25,5 Prozent der Neugeborenen infiziert, mit AZT dagegen nur 8,3 Prozent. Mithilfe der modernen antiretroviralen Arzneien ist es inzwischen gelungen, die Rate der vertikalen HIV-Übertragungen auf unter ein Prozent zu senken, so Haberl. Und Behrens betonte: „Wir brauchen Unterstützung für eine frühzeitige Diagnose, um diese Patienten zu identifizieren und ihnen eine antiretrovirale Therapie anbieten zu können.“

ÄZ online/KK, Ärzte Woche 19/2014

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