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Kugelrund und bedrohlich: das aviäre Influenzavirus im Modell.
 
Infektiologie 5. Februar 2014

H10N8

Ein neues Virus mit gefährlichem Potenzial?

In China geht die Furcht vor einer möglichen Vogelgrippe-Epidemie um. Immer mehr neue Todesfälle mit H7N9 werden gemeldet. Und jetzt taucht auch noch eine neue Reassortante auf.

In China ist erneut ein Mensch an den Folgen einer Infektion mit dem aviären Influenzavirus A/H7N9 gestorben. Damit steigt die Zahl der Todesopfer seit Jahresanfang auf 26. Erst am Wochenende wurden zwei weitere Todesfälle gemeldet. Seit Anfang Jänner haben sich rund 110 Menschen mit dem Virus infiziert. Seit dem ersten humanen Infektionsfall im März 2013 sind über 250 Menschen erkrankt und rund 70 gestorben - Tendenz steigend.

Im Reich der Mitte macht sich die Sorge breit, die Zahl der Infizierten und Todesfälle könnte durch die jetzt einsetzende Rückreisewelle nach dem chinesischen Neujahrsfest steigen. Derweil warnen Forscher vor einem neuen aviären Influenzatyp, dessen humanpathogene Wirkung nach ihren Worten "nicht unterschätzt" werden sollte. Die Ärzte und Virologen um Professor Yuelong Shu von der chinesischen Seuchenkontrollbehörde in Peking beschreiben einen ersten tödlichen Infektionsfall mit dem neuen aviären Influenzavirus A/H10N8.

A/Jiangxi-Donghu/346/2013(H10N8)

Das Virus, das sie JX346 oder nach dem Fundort A/Jiangxi-Donghu/346/2013(H10N8) nennen, war zuvor erst zweimal nachgewiesen worden - 2007 in einer Wasserprobe aus der Provinz Hunan und 2012 auf einem Geflügelmarkt in Guangdong. Infektionen mit diesem Virus waren bislang nicht bekannt, auch nicht unter Tieren (The Lancet 2014; online 5. Februar).

Der nach Angaben der Autoren weltweit erste Infektionsfall mit H10N8 war bereits Anfang Dezember aufgetreten. Die Patientin, eine 73-jährige Frau mit Hypertonie, KHK und Myasthenia gravis als Vorerkrankungen, war Ende November vergangenen Jahres mit Fieber im Krankenhaus der Stadt Nanchang in der südöstlichen Provinz Jiangxi aufgenommen worden. Vier Tage zuvor hatte sie noch lebendes Geflügel auf einem Markt gekauft. Zehn Tage nach der Klinikeinweisung, am 9. Dezember, war die Frau an den Folgen der Infektion gestorben. Kurze Zeit später hatten die Experten vor Ort das Virus identifiziert. Mitte Dezember wurde der Fall schließlich bekannt. Nun liegt die detaillierte Analyse des Falls vor.

In der Zeit während ihres Klinikaufenthalts verschlechterte sich der Zustand der Frau trotz antiviraler und antibiotischer Therapieversuche. Leukozyten, CRP und Serumkreatinin waren dauerhaft erhöht. Später stiegen auch die Werte für ASAT und Harnstoff-Stickstoff, was auf ein Versagen von Leber- und Nierenfunktion deutet. Eine bakterielle Superinfektion konnten die Ärzte ausschließen. Die Pneumonie verschlechterte sich dennoch rapide. Die Frau entwickelte einen septischen Schock und starb neun Tage nach dem Erkrankungsbeginn an einem Multiorganversagen.

Am siebten und am neunten Erkrankungstag konnten die Ärzte der Klinik Proben aus der Trachea entnehmen. Dort war H10N8 mit über 99 Prozent der dominante Erreger. Damit war es den Gesundheitsbehörden möglich, Virenisolate zu gewinnen, deren Genome zu sequenzieren und mit bekannten Influenzatypen zu vergleichen.

Noch keine Evidenz für humane Übertragungen


Und die Befunde lassen aufhorchen, denn alle sechs internen Genomsegmente hatte der neue Subtyp von H9N2 erworben. Diese Viren zirkulieren dauerhaft in Geflügelfarmen. Auch die beide humanpathogen Influenza-Subtypen H5N1 (fast 400 Tote weltweit seit 2003 und rund 700 Erkrankungsfälle) und H7N9, der derzeit in China grassiert, haben ihre sechs internen Gensegmente von H9N2 erworben.

Für H7N9 hatte das im vergangenen Jahr der bekannte Influenzaforscher Professor Yoshihiro Kawaoka nachgewiesen (Euro Surveill. 2013; 18(15): pii=20453). Lediglich die Gene für Hämagglutinin und Neuraminidase sind aus einem anderen Influenza-Erbgut hinzugekommen - so auch bei dem neuen Subtyp H10N8. Allerdings unterscheiden sich die Gene des neuen Virus von bekannten Verwandten. Die Forscher um Shu vermuten deswegen, dass H10N8 durch verschiedene Vermischungen entstanden ist. In Wildvögeln könnte ein "hypothetisches H10N8-Virus" entstanden sein, das Geflügel infiziert und dort Gene von persistierenden H9N2-Viren erworben hat.

Tatsächlich könnte sich auf diese Weise das humanpathogene Potenzial des neuen Subtyps erhöht haben. Denn auf seiner Reise durch das Gefieder hat H10N8 eine nicht unwesentliche Mutation im Polymerasekomplex-Gen PB2 mitgenommen. Mit dem Austausch von nur einer Aminosäure schafft es das Virus nun, auch bei den mit 33 Grad Celsius relativ geringen Temperaturen in der menschlichen Luftröhre zu "gedeihen". Ohne diese Mutation wäre das Virus auf eine Replikation im Darm von Vögeln ausgelegt. Dort herrschen rund 41 Grad Celsius.

Auffällig war für das Team um Shu, dass bei der ersten Probe vom siebten Tag nach Erkrankungsbeginn die Häufigkeit der PB2-Mutation gerade einmal bei 12,4 Prozent lag. Zwei Tage später, also aus der Probe vom Tag des Todes, war die Häufigkeit der Viren mit dem "verschärften" PB2-Gen auf 96,7 Prozent rasant angestiegen. Die Autoren vermuten, dass dieser Switch zu dem fulminanten Verlauf und der Schwere der Erkrankung in den letzten beiden Tagen geführt hat.

Mutationen mit Einfluss auf die Virulenz

Und auch sonst sind einige Mutationen hinzugekommen, die die Virulenz und Affinität zu Infektionen bei Säugetieren erhöhen können, so etwa ein Aminosäureaustausch im Hämagglutinin-Gen. Zu der Schwere der Erkrankung beigetragen haben dürfte denn auch die Bindungspräferenz von H10N8. Der Subtyp bindet bevorzugt an die α-2,3-Sialinsäurerezeptoren, was für die aviäre Influenza typisch ist.

Beim Menschen kommen diese Rezeptoren vor allem in der Lunge und der Trachea vor, was schwere Pneumonien begünstigt. Im Umkehrschluss verschlechtert es die Chancen des Virus, per Tröpfen von Mensch zu Mensch verteilt zu werden. Denn typische humanpathogene Influenzaviren binden bevorzugt an die α-2,6-Versionen der Rezeptoren, die zwischen Nase und Larynx dominieren.

Tatsächlich scheint die gestorben Frau auch niemanden angesteckt zu haben. Während der zweiwöchigen Nachkontrollen ist weder vom Pflegepersonal noch von den behandelnden Ärzten oder den Familienangehörigen jemand erkrankt. Auch die Abstriche bei diesen Personen waren sämtlich negativ.

Allerdings wurde just am 26. Januar aus der gleichen Stadt, Nanchang, ein weiterer H10N8-Infektionsfall gemeldet. Dennoch sehen die Autoren um Shu bislang keine hinreichenden Belege für die Möglichkeit einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung von H10N8.

Sie glauben aber, dass ihre Daten zumindest auf die potenzielle Gefahr für Menschen hindeuten. Vor allem der jüngste Fall von Ende Januar zeige, dass H10N8 zirkuliere und zu weiteren Infektionen beim Menschen führen könne.

ÄZ/nös/IS, springermedizin.at

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