zur Navigation zum Inhalt
© [M]Viren: 4designersart / shutterstock | Mann: unpict/Fotolia.com
Mit Fieber im Bett: Bei einer Influenza könnten Antipyretika den Patienten zur Virenschleuder machen.
 
Infektiologie 31. Jänner 2014

Fiebersenker könnten Influenza beflügeln

Ein Rechenmodell zeigt, dass die antipyretische Therapie mit einer verlängerten Erkrankungsdauer assoziiert ist.

Ohne Fieber und trotzdem krank: Das droht Influenza-Patienten, die Fiebersenker einnehmen, haben jetzt Mathematiker errechnet. Nach ihrem Modell könnten die Arzneien sogar Grippewillen befeuern.

Antipyretika könnten womöglich die jährlichen Influenzawellen anheizen und so für hunderte Todesfälle verantwortlich sein. Das wollen zumindest Mathematiker von der McMaster University im kanadischen Hamilton herausgefunden haben. Allein in Nordamerika könnten ihren Berechnungen zufolge jedes Jahr mehr als tausend Influenza-Todesfälle auf das Konto von fiebersenkenden Arzneien gehen.

Die Grundannahme der Forscher um den Mathematikprofessor David Earn ist die Tatsache, dass Fieber ein natürlicher Mechanismus der adaptiven Immunabwehr des menschlichen Körpers ist und eine nicht unerhebliche Rolle bei der Bekämpfung auch von viralen Infekten spielt. Wird das Fieber durch ASS, Ibuprofen oder Paracetamol unterdrückt, verzögert sich die Genesung, die Viren würden länger persistieren, so die These. In der Folge würden die Kranken deutlich länger als Virenschleudern durch die Gegend laufen. Schlimmer noch: Durch die Antipyretika würden sich die Erkrankten schneller gesund fühlen und sich wieder unter Menschen wagen, und sogar wieder zur Arbeit oder auch in den Kindergarten gehen. Dort könnten sie dann ihr gefährliches Influenzagepäck unters Volk husten.

Rechenmodell schätzt Infektions- und Todesfälle

So weit zur Theorie. Earn et al. haben aus ihr ein mathematisches Modell gezaubert. Verkürzt dargestellt dreht sich alles um ihren „Bevölkerungs-Übertragungs-Steigerungs-Faktor“ (fp). Der errechnet sich aus der Wahrscheinlichkeit, dass Influenzapatienten ein Antipyretikum eingenommen haben (Proc R Soc B 2014; online 21. Jänner, doi:10.1098/rspb.2013.2570). Dieser Faktor sorgt im Modell von David Earn für eine Steigerung der Reproduktionszahl R0 von Influenza. Typische Schätzungen gehen für Influenza von einem R0-Wert um etwa 2 aus, die Mathematiker rechnen mit Werten zwischen 1,2 und 1,8. In ihrem logarithmischen Modell nimmt mit steigender R0-Zahl außerdem der Effekt des Faktors fp ab.

Für ihre Fiebersenker-Einnahme-Wahrscheinlichkeit haben die Kanadier eine Quote von 67 Prozent aller Influenza-Patienten angenommen. Die Rate begründen sie mit Schätzungen, wonach 90 Prozent der Eltern ihren erkrankten Kindern Fiebersenker gäben. In der Krankenpflege würden immerhin noch in 70 Prozent der Fälle Antipyretika eingesetzt. Earn et al. arbeiten also mit einer Minimalschätzung. Anhand der jährlich geschätzten Infektions- und Todesfälle kann Earns Teams schließlich schätzen, wie viele Patienten allein wegen der Antipyretika-Gabe erkranken und potenziell an den Folgen einer Influenza sterben.

Nach den nackten Zahlen aus ihrer Berechnung sorgen Fiebersenker bei einer Influenza-Reproduktionszahl von 1,2 für immerhin fünf Prozent der Todesfälle durch das Grippevirus. Selbst bei einer konservativen Rechnung an der „unteren Grenze“ der Schätzung mit einem Anteil von nur zwei Prozent (der nach dem Earn-Modell bei einem R0-Wert von 1,5 eintritt), wären das bei 40.000 Influenza-Todesfällen immer noch rund 700 Tote, die auf den Einsatz von Fiebersenkern zurückgehen, rechnen Earn et al. vor.

Viel höher wäre folglich auch der absolute Anteil unter den „nur Erkrankten“. In den USA sterben nach Schätzungen der Centers for Disease Control an Prevention (CDC) jedes Jahr zwischen 3.000 und 50.000 Menschen an den Folgen einer Influenza (MMWR 2010; 59(33): 1057–1062).

Warnung vor bedenkenlosem Antipyretika-Umgang

Mathematiker Earn räumt zwar ein, dass sein Modell noch recht ungenau sei und epidemiologische oder gar randomisierte Studien nicht ersetzen kann. Dennoch ist er von dem Trend seiner Ergebnisse schockiert: „Die Menschen denken, (wegen der Wirkung der Antipyretika, Anm.) sei die Gefahr einer Ansteckung anderer niedriger, da das Fieber gesunken ist. Doch das Gegenteil scheint wahr zu sein: Die Kranken scheinen mehr Viren von sich zu geben, eben weil das Fieber gesunken ist.“

Prof. David Price, Allgemeinmediziner an der McMaster University, spricht Earn bei: „Fiebersenker sollten nicht dafür verschrieben werden, damit die Kranken wieder hinaus gehen können, wenn sie eigentlich zuhause bleiben sollten.“ Price mahnt die Ärzteschaft vor einem bedenkenlosen Umgang mit Antipyretika: „Unsere Sicht müssen wir ändern“.

Und Mathematik hin, Formeln her: Dass an den Ergebnissen von Earn et al. tatsächlich etwas dran sein könnte, ist gar nicht so abwegig. Schon in der Vergangenheit hatten Forscher gezeigt, dass Antipyretika sich negativ auf Influenza-Infekte auswirken könnten – wenngleich die Evidenz bislang eher schwach ist. Vor zwei Jahren konnten US-Pharmakologen in einer retrospektiven Analyse an Freiwilligen zeigen, dass eine antipyretische Therapie mit einer verlängerten Erkrankungsdauer assoziiert ist (Pharmacother 2012; online 17. Jänner).

Ärzte der Johns Hopkins School of Hygiene and Public Health konnten 1990 auf immunologischer Ebene zeigen, dass die Einnahme von ASS und Paracetamol bei Rhinovirus-Infektionen mit einer reduzierten Immunantwort und vermehrten nasalen Symptomen verbunden ist (J Infect Dis 1990; 162(6): 1277–1282).

Und dass auch das Fieber eine wichtige Rolle in der Abwehr von Pathogenen spielt, ist kaum umstritten. Physiologen aus Tennessee etwa bezeichneten Fieber vor einigen Jahren als „wichtiges Hilfsmittel“ des Immunsystems (J Therm Biol 2003; 28(1): 1-13).

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben