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Achtung Rindfleisch! Für über 200 Menschen kommt die Warnung zu spät, sie sind nach dem Verzehr von BSE-Fleisch an CJK erkrankt.
 
Infektiologie 2. Dezember 2013

Tickt eine Zeitbombe in 30.000 Briten?

Auf der Suche nach abnormen Prionproteinen wurden 32.400 Blinddarmproben analysiert .

Tragen zehntausende Briten eine Zeitbombe in sich, die irgendwann in den nächsten Dekaden explodiert? Die Analyse von Blinddarmproben gibt Seuchenforschern jedenfalls einige Rätsel auf, die sich wohl nicht so schnell lösen lassen.

Die Briten sind bisher mit einem blauen Auge davongekommen: Nach dem Verzehr BSE-kontaminierter Rindfleischprodukte in Großbritannien sind bislang 177 Menschen an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) erkrankt und gestorben, weltweit sind es 258. Zur Jahrtausendwende war man in Hochrechnungen allerdings noch von zehn- bis hunderttausend Opfern ausgegangen – bei einer vermuteten Inkubationszeit von ein bis zwei Jahrzehnten.

Daran glaubt inzwischen aber niemand mehr: Die Zahl der Erkrankungen erreichte im Jahr 2000 in Großbritannien mit 28 Patienten den Höhepunkt und ging danach rasch zurück auf derzeit keine bis eine Neuerkrankung pro Jahr.

Allerdings haben Experten schon vor mehr als zehn Jahren vermutet, dass es irgendwann zu einer zweiten Welle mit neuen vCJK-Erkrankungen kommen könnte. Schließlich waren praktisch alle bis dato Betroffenen unter 30 Jahre alt und zeigten einen spezifischen Polymorphismus im Prion-Gen: Sie kodierten homozygot für Methionin an Position 129. Doch, was ist mit dem Rest der Bevölkerung? Schützen Alter und bestimmte Genvarianten vor der Erkrankung oder verlängern solche Faktoren nur die Inkubationszeit?

32.000 Blinddärme untersucht

Um dies zu klären, startete Großbritannien ein umfassendes Kontrollprogramm. Kliniken wurden gebeten, Mandeln und Blinddärme zu sammeln, damit Pathologen die Prävalenz abnormer Prionproteine in der Bevölkerung ermitteln können.

Eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Sebastian Brandner von der Nationalklinik für Neurologie und Neurochirurgie in London hat nun Ergebnisse der Analyse von 32.400 Blinddarmproben aus 41 britischen Kliniken vorgestellt (Gill; N. et al. Prevalent abnormal prion protein in human appendixes after bovine spongiform encephalopathy epizootic: large scale survey BMJ 2013;347:f5675). Und danach tragen weit mehr Briten potenziell tödliche Prionen in ihrem Darm als zunächst angenommen.

Die Blinddärme waren in den Jahren von 2000 bis 2012 entnommen, in Formalin fixiert und in Paraffin eingebettet worden. Mit Antikörpertests fanden die Forscher nun in 16 der Proben abnorme Prionproteine – also in einer von 2.000 Proben. In früheren Blinddarm-Analysen war die Rate nur halb so hoch. Allerdings ist die Zahl von 16 positiven Befunden doch recht niedrig für eine solide Hochrechnung. Stellt man trotzdem eine an, kommt man auf eine Zahl von über 30.000 Briten, die abnorme Prionproteine in ihrem Darm tragen, oder genauer in den follikulär-dendritischen Zellen des Darms, denn nur dort ließen sich die veränderten Prionen nachweisen. Die hochgerechnete Zahl deckt sich in etwa mit der, von ähnlichen Untersuchungen, an Tonsillengewebe.

Harmlose lymphoretikuläre Infektion?

Dennoch sind Briten mit verklumpten Prionen im Darm offenbar kerngesund – zumindest leiden sie nicht an einer Infektion des zentralen Nervensystems. Sind die veränderten Prionen im Darm also weitgehend harmlos?

Brandner und Mitarbeiter vermuten aufgrund von Tierversuchen, dass es für BSE-Erreger offenbar recht schwer ist, die Speziesbarriere zu überwinden und eine Infektion des ZNS mit transformierten vCJK-Prionen zu verursachen. Dagegen sei es möglicherweise viel einfacher, eine periphere lymphoretikuläre Infektion zu triggern. Die Frage ist nun, ob eine solche periphere Infektion klinisch irrelevant ist oder ob die transformierten Prionen eines Tages doch noch ins Gehirn kriechen und dieses in eine schwammartige Masse verwandeln. Die Realität spricht zumindest dagegen – fast 25 Jahre nach dem Höhepunkt der BSE-Epidemie müsste es längst zu einem erneuten Anstieg der vCJK-Zahlen gekommen sein – der befürchteten zweiten Welle. Es sei denn, die Inkubationszeit bei einer primär peripheren Infektion liegt weit über drei Dekaden, dann stünde der Anstieg noch bevor und würde viele erst im Alter treffen.

Genanalyse gibt Rätsel auf

Genanalysen der Blinddarmproben gaben noch ein weiteres Rätsel auf. Im Gegensatz zu den vCJK-Kranken fanden sich die 16 positiven Proben nicht nur im Gewebe von Methionin-homozygoten Patienten, sondern auch bei solchen, die an Position 129 im Prionprotein die Kombination Methionin-Valin oder Valin-Valin trugen. Die Verteilung entsprach dabei in etwa der in der Allgemeinbevölkerung. Offenbar scheint der Polymorphismus an Position 129 bei der peripheren Infektion kaum von Bedeutung zu sein. Auch gab es keine Häufungen positiver Appendixbefunde in besonderen Regionen oder Geburtskohorten – die positiven Proben waren recht gleichmäßig über alle Altersgruppen und Landesteile verteilt. Die vCJK-Kranken waren dagegen fast alle jünger als 30 Jahre und stammten mehrheitlich aus dem Norden des britischen Königreichs. Also vielleicht nur ein Zufallsbefund? Immerhin können die verwendeten Antikörper nicht erkennen, ob die abnormen Prionen tatsächlich mit denen von vCJK-Kranken identisch sind. Es ist also nicht gesagt, dass BSE-Erreger die Verklumpung der Darmprionen ausgelöst haben. Um das besser zu klären, wollen sich die Pathologen aus London nun auch Blinddarmproben vornehmen, die vor dem Ausbruch des Rinderwahns entnommen wurden.

Gefahr bei Bluttransfusionen

Letztlich, so Brandner und Mitarbeiter, müsse geschaut werden, ob es weitere rätselhafte CJK-Erkrankungen gibt. Auch sei nicht auszuschließen, dass Valin-homozygote oder -heterozygote Betroffene irgendwann doch noch erkranken und sich das Glykosylierungsmuster der abnormen Prionproteine sowie der klinische Verlauf dann deutlich von dem bei vCJK unterscheiden. Bei solchen Patienten würde möglicherweise keine vCJK diagnostiziert, sondern vielleicht eine sporadische Form oder eine andere Art von Prionerkrankung.

Bedenklich ist der Nachweis abnormer Prionproteine in lymphoretikulärem Gewebe für die britischen Pathologen noch aus einem anderen Grund: Es besteht die Möglichkeit, dass sich die Erreger durch Blutprodukte übertragen lassen.

 

springermedizin.de, Ärzte Woche 48/2013

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