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© Hendrik Schmidt / dpa
In Europa erkranken etwa 3,2 Millionen Menschen pro Jahr an nosokomialen Infektionen, davon versterben etwa 37.000.
 
Infektiologie 12. November 2013

Der Patient ist zu schützen, und nicht das Krankenhaus

Spitalsinfektionen: viele Daten und wenig Nutzen. Mehr Transparenz, bessere Vergleichbarkeit und offene Fehlerkultur sind notwendig, um das Risiko für den Patienten zu minimieren.

Die Datenmengen sind enorm – der Nutzen, der daraus gezogen wird, vergleichsweise gering. So zeigen beispielsweise die Zahlen für nosokomiale, also im Krankenhaus erworbene, Infektionen zwar ein epidemiologisches Problem, allerdings ist eine Vergleichbarkeit derzeit weder zwischen Krankenhäusern noch zwischen Ländern gegeben. Aussagekraft, Schlussfolgerungen und wirksame Gegenmaßnahmen sind derzeit von Einzelinitiativen abhängig. Ob und in welcher Form Transparenz der Datenlage die Situation verbessern könnte, diskutierten österreichische Experten bei einem Round Table auf Einladung der Initiative „Sicherheit im OP“ und der „Plattform Patientensicherheit“ in Wien.

Eine kürzlich veröffentlichte Prävalenzerhebung des Europäischen Zentrums für Krankheitsprävention und -kontrolle (ECDC) ergab, dass 3,2 Millionen Menschen pro Jahr an nosokomialen Infektionen erkranken, wovon etwa 37.000 versterben. Vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem und mit invasiven Therapiemaßnahmen wie Harnwegskathetern, zentralvenösen Zugängen oder Ernährungssonden sind gefährdet, zusätzlich zu ihrer Grunderkrankung, eine weitere Infektion zu erleiden. Pneumonien, Harnwegsinfektionen und Wundinfektionen sind die drei häufigsten Arten. Aber auch Infektionen mit Clostridium diffizile stellen ein schwerwiegendes Problem in dieser Hinsicht dar.

Wir brauchen eine moderate Toleranz

Steigende Zahlen alleine sagen noch nichts über das Ausmaß des Problems, stellte Prof. Dr. Michael Kunze, Sozialmediziner und Mikrobiologe fest, Ursache dafür kann sowohl eine tatsächlich zunehmende Häufigkeit der Fälle sein, aber auch ein steigendes Bewusstsein. Höhere Zahlen können auch durch bessere Erhebungsmethoden zustande kommen und diese sind von Spital zu Spital unterschiedlich. Mit einer zumindest österreichweit einheitlichen Methode müsste analysiert werden, wie viele nosokomiale Infektionen verhindert werden können und es müssten Einzelfallanalysen die multifaktoriellen Ursachen klar machen. Auf dieser Basis könnten schließlich Maßnahmen erarbeitet und Abläufe und Ergebnisse verbessert werden.

Ein Hindernis auf dem Weg zu mehr Offenheit und Datenwahrheit sieht Doz. Dr. Christoph Wenisch, Vorstand der Medizinischen Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin am SMZ-Süd Kaiser Franz Josef-Spital, in der mangelnden Fehlerkultur in Österreich. Fehler werden häufig für Schuldzuweisungen und nicht zur Verbesserung der Situation benützt. „Man muss hinschauen, wie gut man ist und wenn man nicht gut ist, kann man etwas dagegen tun.“ Transparenz, so Wenisch endet erst beim Patientendatenschutz: „Der Patient ist zu schützen, und nicht das Krankenhaus. Daher brauchen wir eine moderate Transparenz“, so Kunze.

Spitäler als Blackbox

Die Realität sieht derzeit anders aus. So verhindert die Bürokratie mancherorts sogar, dass der Klinikvorstand die Häufigkeit von nosokomialen Infektionen an seiner eigenen Abteilung erhält, berichtete Patientenanwältin Sigrid Pilz. Nicht nur, was die Krankenhausinfektionen betrifft, seien die Spitäler „eine einzige Blackbox“, so Pilz. Aus Patientensicht sei Transparenz jedenfalls absolut unabdingbar, denn der Patient hat ein Recht darauf zu wissen, ob in einem Spital ein erhöhtes Risiko besteht. Auch das Management des Spitals muss seine Hauszahlen kennen, konstatierte Dr. Brigitte Ettl von der Plattform Patientensicherheit mit zwei klaren Fragestellungen: „Kennen Sie Ihre Daten? Was machen Sie mit Ihren Daten?“

Antibiotikaresistenzen erschweren die Behandlung

Als eine der Ursachen für den oft dramatischen Verlauf nosokomialer Infektionen gilt der undifferenzierte Einsatz von Antibiotika und die daraus entstehenden Antibiotika-resistenten Keime. Mit der Teilnahme an der europaweiten Initiative Antibiotika Stewardship haben österreichische Experten bereits vor 15 Jahren Strategien erarbeitet, wie Antibiotika eingesetzt werden sollen, um ihre positive Wirkung zu entfalten und Kollateralschäden möglichst zu minimieren. „Allerdings“, so Wenisch: „Dieses Wissen ist noch nicht überall umgesetzt.“ Dafür ist es auch notwendig, die aktuellen Erkenntnisse bis auf die Stationsebene bekannt zu machen und einen ganzheitlichen Ansatz mit allen betroffenen Berufsgruppen zu verfolgen. Dazu zählt wesentlich auch das Pflegepersonal, das kontinuierlich patientennah ist. „Für die Pflege ist es wichtig, den Patienten und seinen pflegenden Angehörigen als Partner hereinzuholen“, stellte Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, fest. Nicht nur das Krankenhauspersonal muss in der Händehygiene immer wieder geschult werden, sondern auch der Patient und seine Angehörigen. Dies sind Maßnahmen, die sofort umgesetzt werden können, unterstrich Kunze, ebenso wie die unnötige Gabe von Antibiotika beispielsweise bei viralen Grippeerkrankungen.

Quelle: Round Table: Nosokomiale Infektionen. Brauchen wir mehr Transparenz?, Veranstalter: „Initiative Sicherheit im OP“ und „Plattform Patientensicherheit“, 4. November 2013, Wien

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