zur Navigation zum Inhalt
© shutterstock
In omanischen Dromedaren wurden hohe Konzentrationen an Antikörpern gegen das MERS-Virus gefunden.
 
Infektiologie 21. August 2013

Dromedare unter Verdacht

Sie sind mit großer Wahrscheinlichkeit der Zwischenwirt für das MERS-Coronavirus.

In Dromedaren wurden Antikörper gegen das MERS-Coronavirus gefunden. Der Erreger ist mit dem SARS-Virus verwandt und kann beim Menschen lebensgefährliche Atemwegsinfektionen hervorrufen. Im Mittleren Osten sind bisher 46 Menschen an der Erkrankung gestorben. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch findet nur selten statt. Andere Infektionsquellen wurden bisher aber nicht gefunden. Die neuen Erkenntnisse sprechen dafür, dass Dromedare an der Übertragung beteiligt sind.

Das MERS-Coronavirus wurde erstmals 2012 in Patienten mit einer schweren Atemwegsinfektion identifiziert. Das Kürzel steht für „Middle East Respiratory Syndrom“, da alle bisherigen Fälle einen Bezug zum Mittleren Osten hatten. Bislang wurden der Weltgesundheitsorganisation WHO 91 Erkrankungen gemeldet, 46 davon mit tödlichem Ausgang. Die Dunkelziffer ist aber vermutlich höher: Experten gehen davon aus, dass es eine Vielzahl unentdeckter Fälle gibt und mehr als 1.000 Menschen betroffen sein könnten.

Tiere im Oman getestet

Über die Ansteckungswege herrscht noch Unklarheit. Die neue Studie deutet nun auf Dromedare als mögliche Übertragungsquelle hin: Die Virologen haben insgesamt 50 Proben dieser Tiere aus verschiedenen Herkunftsgebieten im Oman getestet. Das Sultanat gilt als MERS-Risikogebiet, auch wenn hier bislang noch keine menschlichen Infektionen nachgewiesen wurden.

Im Blut sämtlicher Tiere fand man Antikörper gegen das MERS-Virus. Die getesteten Dromedare scheinen also eine MERS-Virusinfektion durchlaufen zu haben. Die hohen Antikörperkonzentrationen sprechen zudem für eine relativ frische Ansteckung. Das Virus selbst konnte nicht nachgewiesen werden. „Für unsere Tests standen größtenteils nur Blutproben zur Verfügung“, bedauert Dr. Marcel Müller vom Institut für Virologie der Universität Bonn. „Coronaviren befinden sich jedoch vor allem in Atemwegssekreten und im Kot.“

Untersucht wurden weiters auch 105 Dromedarproben von den Kanarischen Inseln. In 15 Fällen konnten dabei ebenfalls MERS-Antikörper nachgewiesen werden, allerdings in weit geringeren Konzentrationen. In 160 Blutproben von Rindern, Schafen und Ziegen aus den Niederlanden, Spanien und Chile wurde man dagegen nicht fündig.

Enger Kontakt mit Nutztieren

MERS-infizierte Tiere könnten durch ihren engen Kontakt zum Menschen zumindest für einen Teil der Erkrankungen verantwortlich sein. Es kommen aber weiterhin auch Ziegen und andere Nutztiere als Übertragungsquelle in Betracht. „In nächster Zeit sollten dringend umfangreiche Untersuchungen an Nutztieren aus der Region stattfinden. Um weitere mögliche Infektionsquellen zu finden, benötigen wir unbedingt mehr Proben“, appelliert Müller an die betroffenen Länder. Nur so sei es möglich, den genauen Übertragungsweg des Virus zu klären.

Von Fledermaus zu Mensch

Als eigentliches Virenreservoir vermuten die Wissenschaftler derzeit Fledermäuse. Die Dromedare sind mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein Zwischenwirt. Bisherige Erbgutanalysen sprechen dafür, dass der MERS-Erreger nahe mit zahlreichen anderen Fledermausviren verwandt ist. Dass sich Menschen direkt bei Fledermäusen anstecken, hält Müller aber für unwahrscheinlich, da direkte Kontakte eher selten sind.

Relativ klein ist momentan auch das Risiko einer Übertragung von Mensch zu Mensch. Die WHO schätzt den R0-Wert auf 1 oder geringer, d. h. ein Patient steckt im Schnitt maximal eine weitere Person an. Ein Schneeballeffekt mit einer explosionsartigen Zunahme von Krankheitsfällen kann so nicht entstehen. Das könnte sich allerdings ändern, wenn der Erreger mutiert.

Originalpublikation: Reusken C et al.: Lancet Infect Dis; doi:10.1016/S1473-3099(13)70164–6

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben