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Schwimmende Märkte wie in Thailand sind Touristenmagnete. Doch ohne Schutzimpfung kann der Verzehr der dargebotenen Früchte bei den Reisenden für schlechte Erinnerungen nach der Heimkehr sorgen.
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Infektiologie 20. April 2013

Zwischen Hysterie und Ignoranz

Moderne Reisemedizin erfordert eine ganzheitliche Risikoabschätzung sowie gute Kommunikation.

Wo früher der Pauschalurlaub genügte, sind heute immer öfters extravagante Abenteuerreisen in exotische Teile der Welt angesagt. Zwischen gefährlichen Individualtouren und Massentourismus steht auch der Reisemediziner vor Entscheidungen, die auf rein sachlicher Ebene oft nicht mehr zu treffen sind. Wie gehe ich mit Risiken um, die sehr selten sind, aber im Anlassfall sehr problematisch? Und umgekehrt mit sehr häufigen Risiken, aber mit relativ banalen Wirkungen? Auf dieser „Gratwanderung“ lag heuer der Fokus der Linzer reisemedizinischen Tagung, die bereits zum achtzehnten Mal stattfand.

Reisen kann gefährlich sein. Es muss ja nicht gleich der Annapurna sein, die derzeit gefährlichste Destination der Welt: Weniger als 200 Menschen haben bislang den Gipfel des Achttausenders im Himalaja erreicht, aber fast 40 Prozent von denen, die ihn erklimmen wollten, kamen dabei ums Leben.

Neben solchen Extremtouren stellt ein Massentourismus nie gekannten Ausmaßes die internationale Reisemedizin vor neue Herausforderungen. Anfang des Jahres 2013 etwa fand in Indien die größte Massenveranstaltung aller Zeiten statt: die Kumbh Mela. Insgesamt pilgerten 100 Millionen Menschen zum größten religiösen Fest des Hinduismus an den Ganges. Der Weltrekord an einem Tag und einem Ort wurde ebenfalls eingestellt: Er lag bei 30 Millionen Menschen.

Bei der Hadsch, der Pilgerreise der Moslems nach Mekka, wurden im Jahr 2012 über drei Millionen Menschen, die aus allen Regionen der Erde anreisten, registriert. Noch bis 2006 kam es dort regelmäßig zu Meningokokken-Epidemien, bis von der saudi-arabischen Regierung eine Impfung vorgeschrieben wurde. Mittlerweile gehören auch die Influenza- und die Polio-Impfung zu den Vorbedingungen einer Hadsch-Teilnahme. Darüber hinaus kommt es – wie meist bei solchen Menschenansammlungen – zu „stampedes“, zu Fluchtbewegungen und Massenpaniken. Zusammen mit Hitzeschlägen und Herzinfarkten sind oft tausende Todesfälle zu beklagen.

Kein Nischenfach

Vom Baby bis zum Greis: Jeder kann heute reisen, und er tut es auch. Im Jahr 2012 wurden eine Milliarde internationale Grenzübertritte registriert, das betrifft jeden achten Menschen auf diesem Planeten. Bei dieser Anzahl kann jedes denkbare Szenario stattfinden. Die Reisemedizin – definiert als Gesamtheit der Medizin erweitert um den Faktor Standortveränderung – ist daher kein Nischenfach, eher im Gegenteil.

Neben Fragestellungen zu Infektionskrankheiten im Allgemeinen und zu Impfungen müssen heute auch Aspekte wie gewalttätige Übergriffe, Naturkatastrophen oder Unfallverhütung mit einbezogen werden. „Die Kunst dabei ist es, zu erkennen, was für den Patienten tatsächlich relevant sein könnte, um so gemeinsam den vernünftigen Weg zwischen Hysterie und Ignoranz zu finden“, sagte der Reisemediziner Prof. DDr. Martin Haditsch, Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin. Gifttierkontakte, Vergewaltigungen an aidsverseuchten Urlaubsorten, Entführung oder Piraterie – immer geht es um die Frage: Wie kann ich das kommunizieren? „Wir Reisemediziner sollten uns auch als Gesundheitsmanager sehen“, so Haditsch.

Event-, Öko- und Medizintourismus

Menschen verreisen heute aus sportlichen, politischen oder religiösen Gründen. Massen pilgern zu großen Musikfestivals, andere zieht es aufgrund ihres hohen sozialen Gewissens ins Ausland. Besteht bei humanitären Projekten zwar oft ein reguläres Arbeitsverhältnis, ist für die Reisevorbereitungen und -risiken aber meist jeder selbst verantwortlich.

Enormen Zuwachs hat der internationale Medizintourismus erfahren. Man schätzt dessen Leistungsumfang bereits auf hundert Milliarden Dollar. Für Menschen, die sich im Ausland behandeln lassen, können sich Haftungsprobleme ergeben, für Folgeschäden wird jedoch meist das heimische Gesundheitssystem in Anspruch genommen. Moderne Erscheinungen sind auch der Öko- und der Aidstourismus: Menschen nehmen sich einige Tage ihres Urlaubes und betreuen Aids-Kranke im Ausland. Was aber meist keine wirkliche Hilfe, sondern bestenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein bedeutet.

Visiting friends and relatives

„Reisemedizin will nicht die Gefahr, sondern die Gesunderhaltung des Reisenden in den Vordergrund stellen“, erklärte Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Reise- und Touristikmedizin. Wichtig ist es, die Hygienemaßnahmen vor Ort zu beachten: Kein Leitungswasser trinken – auch nicht zum Zähneputzen verwenden, auf Salate bzw. geschältes/dünnschaliges Obst verzichten, kein Genuss von rohem Fleisch oder Fisch, nach einem Toilettenbesuch konsequentes Händewaschen und, wenn möglich, desinfizieren nicht vergessen.

Viele Reisekrankheiten äußern sich zunächst durch schwer zuordenbare Symptome wie etwa Fieber, Übelkeit oder Mattigkeit. Sollten diese in relativ kurzer Zeit wieder verschwinden, ist es ratsam, vor Ort einen Arzt aufzusuchen. Bei Kontakt mit Tieren (beispielsweise durch Speichel oder durch Biss) sollte der Arzt umgehend aufgesucht werden.

Besonderes Augenmark ist auf die große Gruppe der Migranten zu richten, die ihre Freunde und Verwandten in der ehemaligen Heimat aufsuchen. Da sie meist aus reisemedizinisch problematischen Gegenden stammen, ist das Risikoprofil dieser „Visiting friends and relatives“ höher einzuschätzen als für „normale“ Touristen.

Planung und Risikoabschätzung

In welches Land reist man? Welche hygienischen Bedingungen liegen dort vor? Welche Impfungen sind absolut notwendig, und welche zusätzlichen Impfungen sind in Betracht zu ziehen? Wie hoch wird das Sicherheitsrisiko für das jeweilige Land eingeschätzt? Neben der Beantwortung dieser Fragen gehören zur Bewusstseinsbildung und guten Planung auch die Vorbereitung auf mögliche Krankheiten und wie man sich selber davor schützt. So tut etwa ein Diabetiker, der durch die Zeitzonen reist, gut daran, sich darüber zu informieren, wie er sich trotzdem rechtzeitig seine Insulindosen verabreichen kann.

Infektionskrankheiten werden oftmals von Insekten übertragen. Je nach Reiseziel sollten daher dementsprechende Vorsichtsmaßnahmen wie Repellents für die Haut, Sprays für das Imprägnieren der Kleidung, Moskitonetze, lange Hosen und langärmelige Shirts getroffen werden. Ein Tropen- oder Reisemediziner kann zudem über eine Vielzahl häufiger, aber meist harmloser Erkrankungen informieren, denen man mit bestimmter Prophylaxe gut vorbeugen kann. Mit welchen möglichen Risiken man sowohl in der Höhe, als auch in der Tiefe konfrontiert ist, auf dem Berg oder im Dschungel, sollte unbedingt mit einem Reisemediziner abgeklärt werden – vor allem, wenn Unternehmungen dieser Art zum ersten Mal angegangen werden.

Hügelland oder Safari

Wer als ungeübter Sportler seinen Urlaub zu einem besonderen Erlebnis machen und seine Zeit mit Tauchgängen oder Bergtouren vertreiben möchte, sollte sich vorab im Klaren sein, dass es eben aufgrund der nicht oder nur wenig vorhandenen Erfahrungen zu Komplikationen der unterschiedlichsten Art kommen kann. Ein Höhentauglichkeitstest sowie eine höhenmedizinische Beratung und Risikoanalyse sollte daher unerlässlich sein.

„Die Vorbereitung einer Reise soll rechtzeitig auch beim Arzt stattfinden. Viele kümmern sich zwar um einen Frühbucherbonus, aber nicht um eine fundierte Vorbereitung, ja manche legen nicht einmal Wert auf die Mitnahme des Impfpasses“, sagte Dr. Klaus Haslwanter, Vizepräsident der Ärztekammer OÖ. Und nicht jede Reise ist auch für jeden geeignet. „Für manche Menschen ist das steirische Hügelland einfach tauglicher als eine Safari in Afrika“, so Haslwanter.

Quelle: Pressekonferenz anlässlich der 18. Linzer reisemedizinischen Tagung: „Gratwanderung - zwischen Hysterie und Ignoranz“, 5. April 2013

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