zur Navigation zum Inhalt
Foto: Archiv Pro care
Modernes Wundmanagement senkt den Antibiotikaverbrauch drastisch.
 
Infektiologie 26. Mai 2009

Phasengerecht versorgen

Wundmanagement: Infektionen stellen sowohl im Akutbereich wie in der Langzeitversorgung eine Herausforderung für die Behandlung dar.

„Grundsätzlich weist jede Wunde Keimbesiedelung auf“, stellt Prof. Dr. Florian Thalhammer, Univ.-Klinik für Innere Medizin I, Wien, fest. Allerdings ist nicht jede Keimbesiedelung therapiewürdig. Darüber hinaus ist das moderne Wundmanagement in der Lage, den Antibiotikaverbrauch stark zu reduzieren. Ein Vorteil, der sich nicht nur in den Kosten niederschlägt, sondern auch das Risiko der Resistenzentwicklung reduziert.

 

Die Phasen der Keimentwicklung im Wundbereich verlaufen unbehandelt von der Kontamination nach Erstkontakt über die Kolonisation und kritische Kolonisation bis zur lokalen und schließlich systemischen Infektion. Entsprechend sind phasengerechte Maßnahmen zu treffen: „Während bei der Kolonisation eine Spülung eine ausreichende Therapiemaßnahme darstellen kann“, so Thalhammer, „sind bei der systemischen Infektion sowohl lokale Antiseptika als auch systemische Antibiotika vonnöten.“

Im akuten Bereich der Wundinfektionen handelt es sich um Infektionen bei Verletzungen oder Operationen, wobei das Risiko bereits mit der Beschädigung der Haut ansteigt, bei der Operation also mit dem Hautschnitt. Eine perioperative Antibiotikagabe ist je nach Lokalisation des Eingriffs und dem damit verbundenen Risiko sinnvoll. Chronische Infektionen treten im Zusammenhang mit Fremdkörpern, dem diabetischen Fußsyndrom, Ulcus cruris oder einem Dekubitus auf.

Der Diagnose einer behandlungsbedürftigen Wundinfektion mittels Wundabstrich komme große Bedeutung zu, sagt Thalhammer. Verschiedene Fehlerquellen könnten allerdings zu einer Fehleinschätzung der Situation führen. Als Infektionszeichen gelten: gelblich-graue Ulcusbasis, Blauverfärbung des umliegende Gewebes, Fluktuanz und Knirschen beim Palpieren, eitriges Exsudat, Hohlräume, freiliegender Knochen, Abszessbildung, Geruch, Zersetzung der Wunde und verzögerte Heilung.

„Mit dem Antibiogramm wird die Empfindlichkeit der Keime festgestellt bzw. die Resistenz, wobei als besonders kritisch MRSA (Methicillinresistente Staphylococcus aureus) gelten“, berichtet Thalhammer. Antibiotika sollten keinesfalls lokal oder topisch appliziert werden, die Gefahr einer Resistenzentwicklung sei hier besonders hoch. Geeignete Verabreichungswege seien oral, intramuskluär und intravenös.

Die Behandlung wird erschwert durch die Ausbildung eines „Biofilms“, der das Antibiotikum an der Durchdringung der Oberfläche hindert. Unter diesem Belag kommt es zu einer Vermehrung resistenter Bakterien. Im Abstrich kann es zu einem falsch negativen Ergebnis kommen, was zusammen mit der Tatsache, dass derartige Bakterien auf das bis zu 1.500-Fache der normalen Antibiotika-Konzentration resistent sind, eine besondere Gefahr darstellt.

Antimikrobielle Wirkstoffe sind heute Standard

„Die Maßnahmen der Lokaltherapie sind heute vielfältig, sie dürfen aber keinesfalls mit Antibiotika durchgeführt werden“, unterstreicht Thalhammer. „Ein modernes Wundmanagement trägt auf dem Niveau der Antiseptika entscheidend zur Infektionsprävention bzw. zur frühen Infektionsbekämpfung bei.“

Zur Behandlung von lokal begrenzten Infektionen werden standardmäßig antimikrobielle Wirkstoffe eingesetzt, die sicher und schnell mikrobizid gegen ein breites Erregerspektrum wirken. Sie müssen ausreichend verträglich sein und sollen keine relevanten Nebenwirkungen aufweisen.

Die „Konsensusempfehlung zur Auswahl von Wirkstoffen zur Antiseptik“ aus dem Jahr 2004 nennt den Wirkstoff Polyhexamethylen-Biguanid – kurz: Polyhexanid – als Mittel der ersten Wahl für die Behandlung infizierter chronischer und schlecht heilender Wunden. Der Grund für diese Empfehlung ist die gute allgemeine Verträglichkeit, die hohe Gewebeverträglichkeit und die wundheilungsfördernden Eigenschaften. Polyhexanid wirkt gegen aerobe und anaerobe Bakterien, Pilze, Schimmel und Hefen und auch gegen MRSA und VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken). Bei traumatischen Verletzungen wird Polyhexamid als Spülung eingesetzt sowie in der antiseptischen Primärversorgung verschmutzter Wunden als Prophylaxe. Ebenso kommt es in der längerfristigen Therapie bei kritisch kolonisierten und lokal infizierten Wunden wie Verbrennungswunden 2. Grades, Meshgraft- und Spalthautentnahmestellen oder postoperativen Wunden, bei Ulcus cruris, Dekubitus und diabetischem Fußsyndrom zur Anwendung. Neben der Applikation als Spüllösung steht Polyhexamid neuerdings auch in eine feuchte Wundauflage integriert zur Verfügung.

Wundschmerzen werden häufig unterschätzt

Grundsätzlich gelten als Anforderungen an Wundauflagen hohe Saugfähigkeit und Saugkapazität, Gas- und Wasserdampfdurchlässigkeit, thermische Isolation, geringe Verklebungsneigung, Schutz vor Fremdkörpern und Druck, Infektionsprophylaxe, möglichst geringes Potenzial zur Hautreizung, plane Auflage und Drapierfähigkeit, Kombinierbarkeit mit Additiven und Sterilisierbarkeit.

Einen wesentlichen Aspekt in der Wundversorgung stellt das Management der mit der Wunde selbst und der Behandlung verbundenen Schmerzen dar (Kasten). Für den Betroffenen nimmt Schmerz eine große Bedeutung nicht zuletzt mit Auswirkungen auf die Lebensqualität an.

In bestimmten Indikationen stellt die lokale Unterdrucktherapie eine Methode dar, die bei Wunden, die mehr als einer herkömmlichen konservativen Wundtherapie bedürfen, eine zusätzliche sehr wirksame Möglichkeit bieten.

Fazit

Der Stellenwert chronischer Wunden und die Bedeutung der infizierten Wunden erfordern sowohl für die Lebensqualität des Betroffenen als auch für das Gesundheitssystem hinsichtlich der Kostenfrage gut ausgebildete Fachkräfte und ein enges interdisziplinäres Vorgehen. Letztlich ist bei allen in Betracht kommenden Maßnahmen die Bedeutung einer genauen Wundbewertung und korrekten Wundbehandlungstechnik im Auge zu behalten.

Kasten:
Empfehlungen an Wundtherapeuten
von der Europäischen Wundmanagement Gesellschaft (EWMA) und der Weltunion der Wundheilungsgesellschaften (WUWHS):
• Gehen Sie davon aus, dass alle Wunden schmerzhaft sind. Lange andauernder Schmerz lässt auf eine gesteigerte Schmerzempfindlichkeit schließen.
• Unterschätzen Sie den Schmerz nie. Das Problem kann versteckt sein; Patienten sprechen nicht immer darüber, wenn sie nicht gefragt werden.
• Wählen Sie einen Verband, der atraumatisch zu Wunde und wundumgebender Haut ist und ein entsprechend angepasstes Exsudatmanagement erlaubt.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben