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© Reckitt Benckiser
Die Mehrheit der Befragten sieht kein Problem darin, rohes Fleisch und Gemüse auf dem selben Brett zu schneiden.
 
Infektiologie 6. Juni 2012

Zwei Schneidbretter sind kein Luxus

Besorgniserregende hygienische Zustände in heimischen Haushalten: Jeder vierte Österreicher glaubt, dass Influenza-Viren auf Oberflächen nur eine Stunde überleben können. Jeder zehnte meint, in den eigenen vier Wänden bestünde keine Gefahr für Lebensmittelinfektionen.

„Nach dem Klo und vor dem Essen: Hände waschen nicht vergessen.“ – Diese wohl einfachste aller Hygienemaßnahmen wird in Österreich und anderen europäischen Ländern anscheinend gern ignoriert. Auch in den Küchen herrschen paradiesische Zustände für Keime: Sorglos wird Salatgemüse auf dem selben Brett geschnitten, auf dem unmittelbar zuvor noch rohes Fleisch zerteilt wurde.

Die diesjährige Studie des European Hygiene Council befragte insgesamt 8.714 Menschen aus 17 Ländern, darunter auch Österreich, zum Thema Hygiene. Die Ergebnisse zeigen ein mangelndes Verständnis für die Rolle grundlegender Hygienemaßnahmen im Zusammenhang mit verderblichen Lebensmitteln sowie hinsichtlich der Verbreitung von Grippe und Erkältungen.

Verbreitete Irrtümer

Eine große Anzahl der Befragten war sich nicht über die hohe Ansteckungsgefahr durch Infektionskrankheiten im Klaren. Von allen befragten Ländern hatte Österreich mit 23 Prozent die höchste Anzahl an Befragten, die glauben, dass ein Influenza-Virus im Haushalt nur eine Stunde überleben kann und nur 17,5 Prozent der Befragten desinfizieren Oberflächen öfter, wenn sie an einer Erkältung oder Grippe leiden.

Wissenslücken tauchten auch im Bereich Prävention auf. Besorgniserregend war hier besonders die Tatsache, dass nur eine geringe Mehrheit von 56,5 Prozent sich öfter die Hände waschen, wenn sie erkältet oder an einer Grippe erkrankt sind, und 47,2 Prozent der Befragten würden bei einer Erkältung nicht zuhause bleiben, um eine Ansteckung ihrer Arbeitskollegen zu verhindern. Nach wie vor herrscht der Irrglaube vor, Erkältungen kämen von schlechtem Wetter oder Vitamin C-Mangel.

Lebensmittelhygiene? – Fehlanzeige

Die Mehrheit der Umfrageteilnehmer sieht kein Problem darin, rohes Fleisch und Gemüse auf dem selben Brett zu schneiden – was zeigt, dass ihnen nicht bewusst ist, dass ver-schmutzte Oberflächen eine wichtige Rolle bei der Übertragung von Keimen spielen können.

Nur 21 Prozent wussten, dass Lebensmittelvergiftungen häufig aus der eigenen Küche stammen können, die meisten Befragten führten Schulen und Restaurants als Quellen für lebensmittelbedingte Erkrankungen an. Und obwohl Fleisch als potenzielle Gefahrenquelle bekannt ist, sind andere Lebensmittel wie Gemüse und Früchte als Überträger noch gänzlich unbekannt: Nur 23,8 Prozent der Österreicher wissen demnach, dass der Verzehr von rohem Gemüse zu Lebensmittelvergiftungen führen kann. Mehr als ein Drittel der Befragten wusste nicht, dass eine mangelnde Handhygiene in der Küche oder nach dem Toilettenbesuch Lebensmittelinfektionen verursachen kann.

Hände waschen, aber richtig

„Mehr als hundert Jahre nach Ignaz Semmelweis scheint dessen Botschaft noch nicht überall angekommen zu sein“ meint Doz. Dr. Christoph Wenisch, 4. Med. Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin, SMZ-Süd, Kaiser Franz Josef Spital, Wien. „Die Ergebnisse dieser Umfrage demonstrieren klar ein mangelndes Wissen der europäischen Öffentlichkeit darüber, wie Essen verdirbt und Erkrankungen wie die Influenza und virale Infekte verbreitet werden.“

Ein Bedarf an Aufklärungsarbeit punkto Hygiene besteht also durchaus auch in der westlichen Welt. Der Hygiene Council hat sich dies zur Aufgabe gemacht. Diese Initiative vereint weltweit führende Experten auf den Gebieten der Mikrobiologie, Virologie, Infektionskrankheiten, Immunologie und öffentlichen Gesundheit, mit dem Ziel, realistische und praktische Empfehlungen für einfache Hygienemaßnahmen zu formulieren, um die Verbreitung von Infektionskrankheiten zu vermindern.Dazu gehört vorerst einmal einfaches Händewaschen: mit Wasser und Seife zu Schlüsselzeiten (siehe Kasten 1).

„Ständiges Händewaschen macht natürlich keinen Sinn“, so Wenisch. „Es gilt hier das richtige Maß zu finden. Das hängt davon ab, ob man derzeit gesund ist oder ob man eine Infektionskrankheit hat.“ Im Zustand einer Infektionskrankheit sei eine gesteigerte Händehygiene sicherlich sinnvoll. „Das hat sich gezeigt bei Hautinfektionen durch Staphylokokken, bei Lungeninfektionen durch Grippeviren oder auch bei Durchfallinfektionen durch Noroviren.“

Auch gesunde Menschen sollten sich regelmäßig die Hände waschen, zumindest vor der Zubereitung von Nahrungsmittel und natürlich nach jedem Toilettenbesuch. Auch das hat sich – so scheint es – noch nicht überall herumgesprochen. „Besondere Bedeutung hat das Händewaschen bei Personen, die andauernd Hände schütteln müssen oder in sozialen Berufen tätig sind, wo Krankheitserreger sehr häufig über die Hände übertragen werden“, erinnert Wenisch. „Das betrifft Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen bzw. Krankenhäuser.“

Oberflächliche Reinigung

Neben dem Händewaschen könne das regelmäßige Desinfizieren von Oberflächen vor den häufigsten Krankheiten schützen, meint Wenisch (siehe Kasten 2). Im Zeitalter der Massenproduktion und -verbreitung von Lebensmitteln sei die Gefahr von Lebensmittelvergiftungen gestiegen. „Da hilft es enorm, wenn beispielsweise für Obst und Salat nicht dieselben Schneidbretter benutzt werden wie für Fleisch und Fisch. Schneidet man z. B. einen Salat auf einem Brett, auf dem zuvor rohes Huhn geschnitten worden ist, besteht die Gefahr, dass Salmonellen vom Huhn auf den Salat übertragen werden.“

Gefährdete Gruppen

Wenischs besondere Sorge gilt speziellen Risikogruppen. Das sind zum einen hochbetagte Menschen, die altersbedingt einem erhöhten Risiko für Infektionen, insbesondere für Durchfallerkrankungen ausgesetzt sind. „Hier gilt es, fäko-oral übertragene Krankheitserreger präventiv anzugehen. Das Händewaschen ist hier die adäquate Methode.“ Die zweite gefährdete Gruppe sind Patienten, die aufgrund von Chemotherapien oder anderen immunschwächenden Behandlungen (Rheuma etc.) eine reduzierte Infektabwehr haben.

Europäische Hygiene Studie

Die Europäische Hygiene Studie wurde im Auftrag des Hygiene Council von Februar bis März 2012 durch Opinion Matters durchgeführt. Die Daten von 8.714 Befragten wurden online aus 17 europäischen Ländern gesammelt.

 

Quelle: Pressefrühstück „Studie enthüllt Wissenslücken bei Lebensmittelhygiene, Erkältungs- und Grippeprävention“, 22. Mai 2012, Wien

  • Herr Dr. Peter Wallner, 25.06.2012 um 21:36:

    „Wir haben uns darüber gefreut, dass sich die Ärztewoche dem oft vernachlässigten Thema „Hygiene im Haushalt“ gewidmet hat.

    Problematisch erscheint uns jedoch z.B., wenn in Kasten 2 folgende Empfehlungen gegeben werden: „Oberflächen sofort säubern und desinfizieren, wann immer sie verschmutzt sind“
    und „regelmäßig, wenn eine Oberfläche oft berührt wird.“

    Die Desinfektion von Oberflächen im Haushalt ist aus hygienischer Sicht in der Regel nicht notwendig, wie dies auch vom Robert-Koch-Institut Berlin betont wird. Die damit verbundenen Risiken - speziell bei unsachgemäßer bzw. überflüssiger Anwendung von Desinfektionsmitteln im Haushalt - sind vielfältig.

    Studien wie z.B. die „Avon Longitudinal Study of Parents and Children“ (ALSPAC) oder der deutsche Kinder-Umwelt-Survey haben ergeben, dass die häufige Verwendung von Desinfektionsmitteln und übertriebene häusliche Hygiene das Asthma- und Kontaktallergierisiko von Kindern erhöht (Sherriff et al. 2005, Straff 2008). Darüber hinaus stellen
    Desinfektionsmittel im Haushalt eine Vergiftungsgefahr für Kinder dar, wie etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Umweltbundesamt Wien in einer
    gemeinsamen Presseerklärung betonten.

    In seiner Stellungnahme Nr. 030/2006 hat das BfR zudem festgehalten, dass Desinfektionsmittel (wie z.B. Triclosan) nur in Kliniken und Arztpraxen eingesetzt werden sollen, nicht jedoch im Haushalt. Zu bedenken ist auch, dass die Anwendung
    von Desinfektionsmitteln ein hohes Maß an Sachkunde verlangt. Diese ist in Haushalten im Allgemeinen nicht vorhanden, sodass damit gerechnet werden muss, dass die zur Keimabtötung nötigen Konzentrationen im Anwendungsfall oft nicht erreicht werden.

    Generell wissen wir, dass das in dem Artikel zitierte sog. Hygiene Council dem „Desinfektionswahn“ im Haushalt huldigt und anscheinend die Umwandlung von Wohnungen in OP-Säle anstrebt.

    Dies lässt sich möglicherweise durch den Sponsor des Hygiene Council (Reckitt Benckiser, wie auch auf der Website nachgelesen werden kann) erklären, der entsprechende Mittel für die „Desinfektion“ im Haushalt produziert.

    Mit freundlichen Grüßen

    OA Assoz. Prof PD DI Dr. med. Hans-Peter Hutter
    Univ.-Prof. Dr. Michael Kundi
    Dr. Peter Wallner“

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